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Gesundheitspolitik 10. Juli 2008

Jeder Mensch kann seine Meinung ändern

Verbindliche Patientenverfügungen lassen Ärzten im Fall des Falles keinen Handlungsspielraum. Doch so mancher Patient ändert im letzten Moment seine Meinung.

„Ein erstes Problem ist: Wie erfahre ich als Arzt, dass jemand eine Patientenverfügung hat?“, stellt Prof. Dr. Johannes Meran, Leiter der Internen Abteilung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien, klar. Etwa 1.000 Personen haben eine verbindliche Verfügung bei der Rechtsanwalts- oder Notariatskammer registriert. Über die Zahl der sogenannten beachtlichen Verfügungen gibt es nur Mutmaßungen – von 2006 bis Mitte 2007 hatten über 30.000 Menschen bei den Patientenvertretungen zum Thema nachgefragt, aber die sind ja nicht die einzigen Anlaufstellen.
„Es wurde diskutiert, das Vorhandensein einer Patientenverfügung auf der e-Card festzuhalten, ein Plan, der nach wie vor nicht umgesetzt wurde“, so Meran. Die Verantwortung zur Weitergabe der Information über die Verfügung liegt daher nach wie vor beim Patienten oder dessen Angehörigen. Aus seiner Sicht hätten sich einige Bedenken, die bei der gesetzlichen Verankerung der Verfügung geäußert wurden, bewahrheitet:
„Eine verbindliche Patientenverfügung lässt eigentlich keinerlei Spielraum, um bei einer akut auftretenden Situation nochmals alle Handlungsoptionen durchzugehen.“ Meran bringt ein Beispiel: Ginge es um Lungentransplantation, würde es sich ein gewisser Teil der Patienten quasi im letzten Moment anders überlegen und dieser doch zustimmen. „Eine lebensbedrohliche Krankheit oder ein schwerer Unfall können starke Veränderungen bringen, auch in der eigenen Einstellung zum Leben bzw. zum Umgang mit medizinischen Angeboten.“

Nicht jede Situation vorhersehbar

Bei einer „beachtlichen“ Verfügung gibt es eher die Möglichkeit, nochmals verschiedene Optionen in Betracht zu ziehen – „daher empfehle ich Patienten dringend, sich für diese Option zu entscheiden, wenn sie eine Verfügung wollen“. Im Zuge der Erstellung einer Patientenverfügung würde es um zentrale Themen des Lebens gehen – wichtig wäre dabei eine kompetente Begleitung der Patienten, sie zu erhalten müsste eigentlich kostenfrei sein. „Jedenfalls muss deutlich gemacht werden, was eine solche Festlegung in der Praxis bedeuten kann“, unterstreicht Meran.
Existiert eine Patientenverfügung, können Behandlungen nur in einem Exklusionsverfahren abgelehnt, aber keine Wünsche geäußert werden.
Dies sei nur im Zuge einer Vorsorgevollmacht möglich – „auch hier gilt es kritisch zu hinterfragen: Kann ich tatsächlich alle Situationen voraussehen und lange im Voraus bestimmen, wer dann meine Wünsche, die ich damals hatte, weitergibt? Wer stellt sicher, dass auch Veränderungen in meiner Einstellung zum Tragen kommen?“, beschreibt Meran die mögliche Perspektive eines Patienten. Sowohl bei der Patientenverfügung als auch bei einer Vorsorgevollmacht würde es sich in vielen Fällen um „eine statische Antwort auf einen dynamischen Prozess handeln – umso wichtiger ist eine intensive Auseinandersetzung und Aufklärung“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28/2008

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