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Gesundheitspolitik 10. Juli 2008

Fehlende Investition in die Zukunft

Bekommen Frühgeborene und ihre Familie eine entsprechende medizinische und soziale Aufmerksamkeit, verringert sich die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen deutlich.

„Es wird nach wie vor oft so getan, als wäre eine Frühgeburt eine Ausnahmeerscheinung“, kritisiert Dr. Matthias Keller von der Abteilung für Neu- und Frühgeborene an der Innsbrucker Universitätsklinik. Dabei kommen inzwischen zehn Prozent aller Babys vor der 38. Schwangerschaftswoche auf die Welt. In den letzten Jahren haben sich zudem die Überlebenschancen auch für Frühchen, die weniger als 32 Wochen alt sind, deutlich verbessert.

Klare volkswirtschaftliche Rechnung

„Zu wenig Beachtung findet weiters, dass diese Kinder dann über die Jahre kumulative Inzidenz bei verschiedensten Folgeerkrankungen aufweisen, sie sind eine wesentlich weiter wachsende Patientengruppe in der Kinder- und Jugendheilkunde“, unterstreicht Keller. Je früher eine optimale Unterstützung des Babys und seiner Eltern ansetzt, desto eher bestünde die Chance, solche späteren Komplikationen zu vermeiden oder durch Früherkennung die Auswirkungen zu reduzieren. „Das heißt, es geht hier um eine eigentlich sehr klare volkswirtschaftliche Rechnung“, meint Keller. Allerdings sind im gegenwärtigen System die Spitäler darauf aus, Patienten so schnell wie möglich zu entlassen, „und es gibt eigentlich keine adäquaten Anreize, in die Nachsorge viel zu investieren.“ Es bräuchte zudem eine gute Kooperation zwischen Spitalsabteilung und niedergelassenen Ärzten.

Schon einfache Maßnahmen genügen

Laut einer Studie der European Foundation of the Care of Newborn Infants (EFCNI) führen die oftmals lebenslangen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, wie vermehrte Anfälligkeit gegenüber Infektionen, Asthma, neurologische Störungen oder auch Lernprobleme, zu enormen finanziellen Belastungen der Eltern. Im Durchschnitt nehmen die Eltern zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr ihres Kindes 81 Therapien (beispielsweise Ergotherapie, Physiotherapie) jährlich in Anspruch, Therapien, deren Kosten von Krankenkassen oftmals nur zum Teil übernommen werden. Dazu kommen in der Schule Aufwendungen für besondere Fördermaßnahmen und Nachhilfe. „Eine Schwierigkeit ist, dass es für viele Maßnahmen lange Interventionen braucht, um bei den Kassen eine Unterstützung zu erwirken, und manche Bereiche überhaupt nicht gefördert werden“, bedauert Keller. Viele Folgeschäden, die später hohe Kosten im Gesundheits- und Sozialsystem sowie starke Belastungen für die Familie verursachen, ließen sich mit sehr einfachen Maßnahmen zumindest stark reduzieren oder mindern.
„Der Druck auf Eltern von Frühgeborenen wird vielfach unterschätzt – denn oft kommen Probleme am Arbeitsplatz dazu, weil mehr Pflegeurlaub notwendig ist. Besuche bei Ärzten und Therapeuten verursachen gerade in ländlichen Regionen einen ebenso hohen zeitlichen wie finanziellen Aufwand“, weiß Keller.

Weitere Informationen:
www.stillen.at

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28/2008

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