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Gesundheitspolitik 20. Juni 2008

Versorgungslücken bei Diabetes

Etwa eine halbe Million Menschen sind hierzulande von Diabetes betroffen, und die Patienten werden immer jünger. Ein Anstieg der Fallzahlen an Folgeerkrankungen ist ebenso wahrnehmbar wie die von Spätschäden. Doch nach wie vor wird Diabetes in vielen Fällen erst dann diagnostiziert, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist.

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) erhob erstmals die Zahl und Struktur der Diabetesambulanzen. „Die Ergebnisse sind alarmierend“, fasst Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Präsident der ÖDG, zusammen. Es gibt 72 Ambulanzen, die sich auf die Betreuung von Menschen mit Diabetes spezialisiert haben. Nur 44 davon haben eine Fußambulanz, „obwohl dies ein wesentliches Strukturkriterium wäre“, so Ludvik. Er kritisiert zudem, dass nur an 32 dieser Ambulanzen ein Facharzt für Innere Medizin mit Zusatzfachausbildung Endokrinologie/Stoffwechsel tätig ist.
Laut ÖDG muss von einer Diabetesprävalenz von mindestens fünf Prozent der Bevölkerung ausgegangen werden. Damit seien durch die Zentren in Niederösterreich mindestens 40.000, in der Steiermark 30.000 und in Wien 17.000 Diabetiker zu versorgen. „In Niederösterreich kommen so mindestens 37.000 Diabetiker auf eine Fußambulanz – eine deutliche Unterversorgung. Damit ergeben sich auch sehr lange Anfahrtswege und inakzeptable Wartezeiten.“
Auch in anderen Regionen gebe es trotz des österreichweit laufenden Disease Management Programms Therapie aktuell – Diabetes im Griff deutliche Lücken in der Versorgung. Ludvik ist überzeugt, „dass die Betreuung von Diabetikern auf Grund der Begleiterkrankungen und spezifischen Probleme hochqualifizierte Spezialisten braucht“. Es würde zu wenig ausgebildete Endokrinologen geben, was wiederum mit der geringen Zahl der internistischen Abteilungen mit diesem Schwerpunkt zusammenhänge. Damit wäre der Erfolg der an sich gut laufenden DMP-Konzepte in Gefahr, denn nach der Primärversorgung sei es sehr schwierig bis unmöglich, an Spezialisten weiterzuleiten bzw. mit diesen zu kooperieren.
Für Dr. Johann Jäger, niedergelassener Arzt in Niederösterreich, sind die Forderungen des ÖDG nur teilweise nachvollziehbar: „Es stellt sich die Frage, ob es wirklich um die Zahl der Ambulanzen oder Spezialisten geht.“ Denn ein wesentlicher Teil von Therapie aktuell sei eben eine möglichst engmaschige Kontrolle, wo sowohl die niedergelassenen Allgemeinmediziner als auch Internisten eine wichtige Rolle spielen würden. Ziel sei eine Entlastung der Ambulanzen und dass die Versorgung durch die wohnortnahen Ärzte getragen werden kann. Therapie aktuell – Diabetes im Griff würde momentan grundsätzlich gut laufen.

Erst im Pilotstatus

„In Niederösterreich werden phasenweise in verschiedenen Regionen weitere Allgemeinmediziner und Fachärzte für die Teilnahme am Programm geschult“, so Jäger. Manche hätten dabei stärkere Reibungsflächen mit dem nötigen administrativen Aufwand. Momentan wird an einer Verfeinerung der Fragebögen und Software gearbeitet, die ebenso in ganz Österreich zum Einsatz kommt.
Nach wie vor gibt es von teilnehmenden Ärzten aus anderen Bundesländern auch negative Rückmeldungen zu regionalen Unterschieden bei der Honorierung: Labor- und EKG-Untersuchungen, die im Zuge des DMP-Konzepts anfallen, sind nicht überall von den Limitierungen ausgenommen. Die Verhandlungen dazu sind auch aufgrund der aktuellen Diskussionen teils eingeschlafen.
Jäger ist sicher, dass die in zwei Jahren geplante Evaluierung die positiven Effekte von Therapie aktuell zeigen wird, vor allem in Bezug auf eine frühere Erkennung und stärkere Vermeidung von Spätfolgen sowie daraus resultierenden Todesfällen. „Allerdings hat das Programm einen Pilotstatus, an dessen Ende es eine Überführung in den Regelbetrieb braucht“, sonst, so Jäger, wären die aktuellen Bemühungen umsonst.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 25/2008

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