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Gesundheitspolitik 13. Juni 2008

Blickdiagnose: Der Kunde ist König

Mit Patientenquittungen soll mehr Transparenz im Gesundheitswesen geschaffen werden und die Qualität steigen. Glauben die Krankenkassen und die Gesundheitsministerin.

Patienten sind Kunden, erzählen immer mehr Gesundheitsberater. Deshalb müssten sich alle Leistungserbringer auf diese Kunden einstellen. Sie seien schließlich König, und was sie wollen, müsse man ihnen erfüllen. Andere Experten sind überzeugt, dass weiterhin vor allem die Ärzte bestimmen, was konsumiert wird.

Wer bestimmt im Gesundheitswesen, was gemacht wird? Mit dieser Kernfrage beschäftigen sich seit Jahren Gesundheitsexperten. Die Rede ist hier nicht von der Frage, welche Macht das Gesundheitsministerium oder die Krankenkassen und welche Personen dort im Einzelnen haben, sondern wer die Leistungen nachfragt.
Berater aus der Privatwirtschaft sind überzeugt, dass es immer öfter die Patienten selbst sind, die Leistungen nachfragen. Und sie propagieren deshalb das Bild des Patienten als Kunden, auf den sich alle Leistungserbringer einstellen müssen. Der Grund liege darin, dass Patienten immer mündiger würden. Vor allem dank moderner Kommunikationsmittel wie dem Internet informieren sie sich im Krankheitsfall und gehen dann bestens vorbereitet zum Arzt.
Nicht zuletzt deshalb haben sich die Sozialpartner auch überlegt, dass es Sinn macht und Kosten sparen könnte, wenn Ärzte den Patienten genau aufschreiben, was sie an ihnen gemacht haben und was das gekostet hat. Dann habe man eine Leistungs- und Qualitätskontrolle gleichzeitig. Ärzten, die sich mit dem Argument wehren, dass Patienten die Leistungen gar nicht beurteilen könnten und diese Patientenquittung teuer sei, halten die Kassen entgegen, dass es das bei Wahlärzten längst gebe. Dort funktioniere das Rechnungssystem perfekt, denn die Patienten benötigen die Rechnungen ja, um sie bei ihrer Krankenkasse einreichen zu können und so einen Teil der Kosten zurückzubekommen.
Es gibt allerdings auch Fachleute wie den Chef der Ordenspitalsholding Vinzenz Gruppe, Michael Heinisch, der davon überzeugt ist, dass Patienten vor allem Bedürftige sind, die im Gesundheitssystem Hilfe suchen. Und in dieser Situation, so sagen wiederum andere, sind die Patienten anfällig dafür, jede Hilfe und jedes Produkt zu nehmen, das ihnen Hilfe verspricht. „Angebotsinduzierte Nachfrage“ nennen die Spezialisten das. Was auf den Markt kommt, wird nachgefragt. Oder anders formuliert: Ärzte sind oft in der angenehmen Situation, dass sie die Nachfrage nach ihren Leistungen selbst bestimmen können.
Das ist ähnlich wie bei der Reparatur eines Autos. Auch dort ist es für viele Verkehrsteilnehmer ein Problem zu beurteilen, was tatsächlich nötig ist und wie viel es kosten darf. Kaum jemand wird ernsthaft glauben, dass Patienten mit einem Arzt über den Preis für eine Leistung verhandeln können oder gar darüber, was medizinisch nötig ist und was nicht.
Dieses Grundproblem im System ist auch Hauptursache, warum es Ärzten und Pharmafirmen verboten ist, für ihre Leistungen oder Produkte gegenüber einem Laienpublikum Werbung zu machen. Der Gesetzgeber fürchtet, dass die Patienten dieser Werbung erliegen würden, weil sie ihnen eben Linderung oder gar Heilung ihrer Leiden verspricht. Nicht zuletzt deshalb versucht die Industrie diese Verbote zu lockern und argumentiert wieder mit dem Patienten als Kunden, der sich ja eh schon längst im Internet informiere. Das Gegenargument liefert die Industrie aber auch mit: Der Patient könne die Infos aus dem Web nicht beurteilen – weshalb man ihm seriöse Werbung liefern müsse.

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