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Gesundheitspolitik 5. Juni 2008

Mammakarzinom: Streit um das Behandlungsrecht

Nach den Plänen der EU soll Brustkrebs nur mehr an zertifizierten, interdisziplinär besetzten und hoch spezialisierten Brustgesundheitszentren (BRZ) behandelt werden. Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) will die Einführung von Brustzentren bis 2016 umsetzen. Die Gynäkologen befürworten den Plan aus Qualitätsgründen. Die Österreichische Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC) schlägt hingegen einen österreichischen Weg zur Verbesserung der Behandlungsqualität vor.

Die Europäische Gesellschaft für Mastologie (EUSOMA) hat in einem mehrjährigen Verfahren Qualitätskriterien für das Screening und die Behandlung von Brustkrebs definiert. Das Ziel: Für die gesamte Kette von Früherkennung über Diagnostik und Behandlung bis zur Nachsorge Qualitätsstandards einzuführen. Mit dem Aufbau von spezialisierten Brustgesundheitszentren soll den festgestellten Qualitätsunterschieden bei der Brustkrebsbehandlung entgegengewirkt werden.
An dem Qualitätskriterium, dass an den Zentren mindestens 150 erstdiagnostizierte Brustkrebsfälle pro Jahr aus Qualitätsgründen operiert werden müssten, entzündet sich freilich der Widerstand der heimischen Chirurgenschaft. Denn derzeit, so eine Erhebung der ÖGC aus dem Vorjahr, erfüllten lediglich zwei chirurgische Abteilungen die hohe Anforderung (siehe Anzahl der primären Brustoperationen an chirurgischen Abteilungen im Jahr 2006).

Gegenvorschlag der Chirurgen

Die ÖGC erarbeitete ihrerseits ein „Konzept zur Optimierung der Brustkrebsbehandlung an den österreichischen Krankenanstalten“. Damit, so Prof. Dr. Hans Jörg Böhmig, Vertreter der Senatoren in der Chirurgen-Gesellschaft, könne bereits bis 2010 eine optimierte Brustkrebsbehandlung verwirklicht werden, und nicht erst 2016. Die Chirurgen befürchten nicht nur eventuelle höhere Kosten, wennn Brustzentren flächendeckend eingeführt werden, sondern auch eine Zerstückelung der operativen Medizin. Deshalb wollen sie auf den bestehenden Strukturen aufbauen und die Abteilungen einbeziehen, die eine nach internationalen Standards orientierte Brustkrebsbehandlung erfüllen. Böhmig stellt in Abrede, dass Chirurgen, die besonders viele Brustkrebs-Operationen durchführen, dadurch bessere Ergebnisse erzielten als seltener operierende Ärzte. „Ich ziehe eine Grenze von 30 bis 50 Operationen ein“, meint auch Chirurgenkollege Prof. Dr. Dr. h.c. Raimund Jakesz, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeinchirurgie am AKH-Wien dazu. Etwa 50 Krankenhäuser würden auch nach dem Konzept der ÖGC in Zukunft Mammakarzinome nicht mehr behandeln dürfen.
Wichtig sei jedenfalls die Einhaltung von Qualitätskriterien – mit etwa 20 könne Qualität abgebildet werden. Aber der Wiener Allgemeinchirurg betont: „Das muss auch kontrolliert und sanktioniert werden – das werden die einzelnen Länder (als Spitalserhalter) nicht wollen.“ Jedenfalls, so Jakesz, sei für ein qualitätsorientiertes und transparentes System auch eine entsprechende Finanzierung nötig.

Kritische Masse

150 Operationen seien in jedem Fall die „Critical mass“, stellt hingegen Prof. Dr. Christian Singer von der klinischen Abteilung für Spezielle Gynäkologie klar. „Man muss sich heute spezialisieren.“ Wer 50 Mammakarzinome pro Jahr operiert, behandle eben nur einen Fall in der Woche. Je spezialisierter eine Abteilung sei, desto besser. Singer: „Das ist eine logische Konsequenz aus der immer komplexer werdenden Therapie des Mammakarzinoms. Ich stehe voll hinter EUSOMA.“
Auch die plastische Chirurgin an der MedUni Innsbruck, Prof. Dr. Hildegunde Piza, hält eine Clusterbildung prinzipiell für gescheit. Und erblickt in der aktuellen Diskussion um das Brustzentrum eher „die Sorge der Chirurgen: ‚Die weibliche Brust gehört uns‘“. Wichtig sei jedenfalls, dass es den Frauen ermöglicht wird, wenn nötig, bereits beim Ersteingriff eine Brustrekonstruktion vorzunehmen. „Die Frauen scheuen auch keine weiten Wege mehr“, so Piza.
Die Geschäftsführerin des Vereins Frauengesundheitszentrum Graz, Mag. Syliva Groth MAS, befürchtet, dass der Begriff Brustzentrum in Zukunft auch für nicht qualitätsgesicherte Abteilungen benutzt werden könnte. Zum Nachteil der Frauen. Denn ohne veröffentlichte Qualitätsberichte, in denen Operationszahlen, Indikationen und Ergebnisse aufgelistet und mit den Ergebnissen anderer verglichen werden, könnten betroffene Frauen sich nicht selbstbestimmt für eine Klinik entscheiden. In Deutschland müssen im Gegensatz zu Österreich diese Daten öffentlich zugänglich sein. Groth: „Wir brauchen das Rad nicht neu zu erfinden. Warum soll das bei uns nicht zutreffen, was die europäischen EUSOMA-Experten erarbeitet haben? Man kann nicht sagen, das stimmt bei uns nicht.“ In einem Brief an die Bundesgesundheitskommission fordert Groth deshalb, die europäischen Anforderungen an Brustzentren der EUSOMA in den Österreichischen Strukturplan Gesundheit aufzunehmen.

 Anzahl der primären Brust-OPs

Inge Smolek, Ärzte Woche 23/2008

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