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Gesundheitspolitik 28. Mai 2008

Blickdiagnose: Das vermeintlich beste Gesundheitssystem

Die Front der Kritiker der „Gesundheitsreform“ wird immer größer. Auf dem Spiel stehe immerhin „das beste Gesundheitssystem Europas“, das Österreich laut einer vor acht Monaten veröffentlichten Untersuchung habe. So weit, so gut. Aber so schlampig, wie der heimische Sprachgebrauch – wie soll man denn die Gesundheit reformieren? – ist, so zweifelhaft ist auch die Grundlage für die hohe Auszeichnung des österreichischen Gesundheitssystems. Tatsächlich gibt es dafür nämlich weder fundierte Daten noch vergleichbare Belege.

Die österreichische Seele leidet an einem Übermaß an Autoritätshörigkeit. So verwundert es denn nicht, wenn angesichts der Autorität wissenschaftlicher Studien die Untersuchungen nicht hinterfragt werden, die Studienergebnisse unreflektiert für wahr befunden werden. Daher glaubt Österreich noch heute, es habe das „beste Gesundheitssystem Europas“, was dem Land vergangenen Herbst mit dem Euro Health Consumer Index des schwedischen Unternehmens Health Consumer Powerhouse mit Büro in Brüssel beschieden wurde. Eine EU-Studie? Mitnichten!

Das Powerhouse ist ein Marktforschungsinstitut, erstellt seit 2005 jährlich ein Ranking, für das das Unternehmen auf offizielle Datensätze und ergänzende Interviews zurückgreift. In der ersten Bestenliste kam Österreich gar nicht vor, im Ranking von 2006 nahm Österreich Platz acht unter 26 miteinander verglichenen europäischen Ländern ein. Sieger war Frankreich, gefolgt von den Niederlanden und Deutschland.
Dass es Österreichs Gesundheitssystem nur in das obere Mittelfeld geschafft hat, hatte das Unternehmen mit folgenden Mängeln argumentiert: zu wenig Transparenz des Gesundheitswesens wegen mangelnder Messung und Veröffentlichung der Ergebnisse sowie zu geringe Sicherstellung, dass Patienten Zugang zu verständlichen und aktuellen Informationen über Medikamente haben.
„Wir haben keine Transparenz, keine Qualität und keine Effizienz im Gesundheitswesen“, konstatierte darauf Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse. Nun begab es sich, dass im folgenden Jahr trotz der ausgewiesenen Mängel keine weiteren Messungen über die Effizienz des heimischen Gesundheitssystems und dementsprechend auch keine zusätzlichen Veröffentlichung durchgeführt wurden, auch in Sachen Patienteninformation tat sich nichts. Dennoch erreichte Österreich beim Ranking 2007 überraschend Platz eins. Was war geschehen?
Zur Kompensation der fehlenden Daten wurden Experten zu ergänzenden Interviews eingeladen – Vertreter der österreichischen Ärztekammer. So verwundert es auch nicht, dass Österreich ganz besonders gut abschnitt bei den angeblich so kurzen Wartezeiten für Untersuchungen (inklusive Magnetresonanztomografie) und Interventionen sowie auch in puncto freier direkter Zugang und freie Wahl von Ärzten. Dass dies in Kontrast steht zur alltäglichen Erfahrung von Patienten, steht nirgendwo, aber Patienten wurden für das Ranking auch nicht befragt. Und auch das Gesundheitsministerium hatte seine Mitarbeit abgelehnt.
Sogar bei der Zahnmedizin, um noch eines von mehreren fragwürdigen Ergebnissen zu nennen, stehe Österreich super dar, die öffentlichen Ausgaben für Zahnversorgung müssten laut diesem Ranking bei mehr als zehn Prozent der gesamten öffentlichen Ausgaben liegen. Die Krankenkassen geben aber nur 800 Millionen Euro für Zahnversorgung aus, also etwas mehr als vier Prozent, der Rest wurde von den Patienten selbst bezahlt.
Obwohl die Stockholmer Autoren selbst darauf hinweisen, dass das Ranking nicht wissenschaftlich sei und die Ergebnisse mit großer Vorsicht zu interpretieren seien, ist für Ärztekammer und viele andere ob dieser „wissenschaftlichen Untersuchung schwedischer Experten“ klar, dass Österreich das „beste Gesundheitssystem“ habe.

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