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Gesundheitspolitik 27. Mai 2008

Die vergebene Chance

Obwohl es in der Steiermark schon seit über vier Jahren sehr gute Erfahrungen mit einem Pilotprojekt zur Betreuung und Behandlung Kranker in den eigenen vier Wänden gibt, wurde die Überführung dieses Projekts in die Regelfinanzierung durch die Gebietskrankenkasse verweigert.

Vor vier Jahren zeigte eine Analyse der steirischen Gebietskrankenkasse, dass besonders in der Region Hartberg Patienten schon bald ins Spital überwiesen, oft aber auch zu früh wieder entlassen wurden. Seitens der GKK wurden dann Entlassungsmanager installiert und mit Mitteln aus dem Reformpool wurde ein Pilotprojekt gestartet, im Zuge dessen gleichzeitig Akzente in der Hauskrankenbehandlung gesetzt wurden.
„Die Erfahrungen zeigen ganz deutlich, dass diese Maßnahmen spitalsersetzend sind. Patienten können – so wie es in den meisten Fällen ihren Wünschen entspricht – länger in den eigenen vier Wänden bleiben, die Zahl und Dauer der Spitalsaufenthalte sinkt ebenso wie die Rate der Wiederaufnahmen“, fasst Dr. Jörg Garzarolli, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in der Steiermark, zusammen: Kostenersparnisse auf allen Ebenen, also.

Viel Zeit investiert

„Viele niedergelassene Ärzte aus der Region investierten einiges an Zeit in das Pilotprojekt“, berichtet Garzarolli. So gab es etwa Refresherkurse für Hausärzte mit Themen wie Hygiene, Verbandstechniken und -mittel, Medikamente im Pflegebereich, Schmerztherapie inklusive palliativer Aspekte.

Unerfüllbare Ärztewünsche

Wichtige Aspekte des Projekts waren die Bewilligung chefärztlicher Medikamente sowie die Beschaffung von Pflegebehelfen schon vor der Entlassung ebenso wie die zeitgerechte Organisation erster Besuche von mobilen sozialen und pflegerischen Diensten bzw. des betreuenden Hausarztes.
„Ein Pilotprojekt hat ja den Sinn, bestimmte Abläufe auszutesten und auf ihre Wirksamkeit zu prüfen“, dies sei, so ist Garzarolli überzeugt, gerade hier der Fall gewesen. „Und es war auch immer gemeinsames, erklärtes Ziel in der Gesundheitsplattform, dass dieses Projekt in die Regelfinanzierung übergeht.“ Allerdings wäre dann ein Veto von der Gebietskrankenkasse gekommen. „Statt Tarifen, die sich gut bewährt haben, war auf einmal die Rede von Pauschalabgeltungen für die Ärzte“, kritisiert Garzarolli. Von Seiten der Gebietskrankenkasse war für die Ärzte Woche nur die Stellungnahme zu erhalten, dass die Ärzte „unerfüllbare Wünsche“ geäußert hätten und das Projekt daher nicht finanzierbar gewesen sei.
„Die Aufbauarbeit von vier Jahren kann nun nicht mehr sinnvoll genutzt werden.“
Auch Schlichtungsversuche des Gesundheitslandesrates Helmut Hirt verliefen laut Garzarolli im Sand. „Die Ängstlichkeit und Unbeweglichkeit eines Projektpartners bringt dieses ganze Vorhaben zu Fall. Nur mehr Modelle zu starten, wenn bereits zuvor die endgültige Finanzierung gesichert ist, widerspricht ja dem Gedanken eines Projekts“, so Garzarolli weiter.

Auch andere Projekte fraglich

Aus seiner Sicht stellt dieses Vorgehen auch andere laufende Projekte in Frage: Von Ärzten würde erwartet, sich auch auf Wagnisse einzulassen, sowie Zeit und Energie in die Entwicklung von Projekten zu investieren. Dies würde angesichts der Vorgangsweise beim so wichtigen Thema der Hauskrankenpflege künftig wohl noch schwieriger werden. Bitter ist für Garzarolli zudem, dass trotz der sehr positiven Stellungnahme des Landes in der Gesundheitsplattform kein Kompromiss erzielbar war. Dort müssen Beschlüsse im Konsens entstehen – wobei die Vertreter der Ärzte ohnehin nur eine Art beratende, aber keine (mit-) entscheidende Funktion haben.
„Damit gibt es keine Möglichkeit mehr, dass die Aufbauarbeit von mehr als vier Jahren sinnvoll genutzt werden kann!“ Gleichzeitig, so unterstreicht Garzarolli, würde die Problematik der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen aufgrund der Altersentwicklung immer vehementer. „Es geht um eine essentielle Ergänzung in der Gesundheitsversorgung. Hier braucht es innovative und auch mutige Lösungen – das Pilotprojekt hätte genau das geboten …“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 22/2008

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