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Gesundheitspolitik 27. Mai 2008

Heim mit Gütesiegel

Der Sozialminister hat ambitionierte Ziele, was Pflege- und Betreuungsstätten anlangt: eine österreichweite Vergleichbarkeit der Angebote und Versorgung sowie die Förderung der Selbstbestimmung der Bewohner.

NQZ – hinter diesem Kürzel steckt ein neues Projekt von Sozialminister Dr. Erwin Buchinger, das Nationale Qualitätszertifikat für Alten- und Pflegeheime. „Wir wollen mit der Einführung des NQZ die Bemühungen der Einrichtungen anerkennen, mehr Lebensqualität in Heimen zu schaffen“, so Buchinger. Das Leitbild „Warm, satt, sauber“ sei längst überholt, es ginge um die Wünsche und Ziele der Bewohner, die „Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten und Grenzen und dass sie nicht als Objekte medizinischer, pflegerischer und psychosozialer Programme sowie Interventionen sind, sondern selbstbestimmt und selbstverantwortlich ihr Leben führen wollen“, beschreibt Buchinger den Hintergrund des Vorhabens.

Bedürfnisse der Bewohner

Zur Verwirklichung hat das Sozialministerium eine Arbeitsgruppe eingerichtet, an der sich sowohl der Dachverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs beteiligen als auch alle neun Bundesländer. Im Zuge der Vergabe des NQZ sollen nicht nur strukturelle Voraussetzungen analysiert werden, sondern auch, wie Buchinger betont, „ob die Abläufe sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren und ob diese, ihre Angehörigen und auch die Mitarbeiter mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen zufrieden sind.“ Das NQZ würde damit Anreize für die Weiterentwicklung der Qualität in Heimen schaffen sowie, wie Buchinger ergänzt, „einen Wildwuchs an Gütesiegeln, wie er etwa in Deutschland Platz greift, verhindern“.

Durchaus sinnvoll

Für Dr. Wolfgang Ziegler, Referent für Altersmedizin der Ärztekammer für Oberösterreich, sind solche Akzente grundsätzlich positiv. Noch würden aber zu wenig Details vorliegen, um welche Bereiche es beim NQZ wirklich gehen soll. „Die kritisierten Gütesiegel in Deutschland würden durchaus sinnvolle Ausgangspunkte liefern, es ist nicht notwendig, das Rad neu zu erfinden.“ Zum Thema Qualität in Heimen gebe es in ganz Österreich auch Unterstützung durch das mit europäischen Mitteln geförderte Projekt E-Qualin (www.e-qualin.net) .
Für Ziegler wichtig bei der Analyse der Qualität in Heimen wäre das Thema Nahtstellenmanagement: „Es braucht festgelegte Pfade, z. B. wann jemand auf welche Weise von einem Heim ins Krankenhaus und zurück kommt und wie dabei z. B. der betreuende Hausarzt eingebunden wird.“ Ziegler fordert dazu auch eine Regelmäßigkeit bei den ärztlichen Visiten ein: „Buchinger spricht zwar von ‚Bewohnern‘ – für einen Großteil der Menschen, die in einem Heim leben, ist es aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums ihrer Pflegebedürftigkeit bzw. Demenz sehr schwierig, sich z. B. selbstständig den Besuch des betreuenden Arztes zu wünschen.“ Große Mankos ortet Ziegler auch bei den Angeboten an Ergo-, Physiotherapie und Logopädie in den Heimen: „Auch sie werden für Heimbesuche sehr schlecht bezahlt, zudem gibt es zu wenige mobile Therapeuten.“ Ziegler vertritt die Ärzte beim Start eines Reformpoolprojekts zum Thema Nahtstellenmanagement in Oberösterreich und erhofft sich von diesem einige Impulse auch für das NQZ.

Diskussionswürdige Situationen

Einen anderen wichtigen Bereich für das NQZ ortet Albert Maresch vom VertretungsNetz, das auch die neue Aufgabe der Bewohnervertretung innehat und damit die Kontrolle von Freiheitsbeschränkungen: „Im dritten Jahr nach Inkrafttreten des Heimaufenthaltsgesetzes finden Bewohnervertreter in manchen Heimen noch immer Situationen vor, bei denen Freiheitseinschränkungen vorgenommen werden, die diskussionswürdig sind.“ Oft zeuge die Art des Umgangs mit schwierigen Betreuungssituationen von der Lebendigkeit und Flexibilität einer Einrichtung. „Ob hier Alternativen zum Einsatz kommen oder nicht, ist für die Bewohner wohl ein deutlicher Unterschied in der Lebensqualität“, betont Maresch. Die Einrichtung eines Jour fixe in einzelnen Heimen oder die Etablierung regionaler runder Tische zum Umgang mit dem sensiblen Thema Freiheitsbeschränkung, an denen Experten, Bewohnervertreter und Richter einander austauschen, wären ebenfalls wichtige Schritte.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 22/2008

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