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Gesundheitspolitik 30. April 2008

Hohe Suizidrate bei alten Menschen

In einer rezenten Studie wurden 23 Abschiedsbriefe von über 65-jährigen Menschen, die Selbstmord begangen hatten, ausgewertet. Auch in der älteren Bevölkerungsschicht wählen Männer signifikant häufiger den Freitod als Frauen.

Die Suizidrate unter Männern ist etwa viermal so hoch wie die von Frauen. Auf 100.000 Männer in Europa kommen 28 Suizide, bei Frauen sind es sieben von 100.000, die sich das Leben nehmen. Etwa ein Viertel jener Menschen, die Suizid begehen, hinterlassen einen Abschiedsbrief. In der vor kurzem im Journal Rechtsmedizin publizierten Studie, die das Department für Gerichtliche Medizin gemeinsam mit dem Institut für Medizinische Psychologie, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien, erarbeitet hat, zeigt sich, dass körperliche Erkrankungen, aber auch psychische Probleme und familiäre Konflikte wichtige Auslöser für den Suizid bei älteren Menschen darstellen. 43 Prozent der Suizidenten, deren Abschiedsbriefe ausgewertet wurden, hatten nach Angaben der Angehörigen oder des Hausarztes an Depressionen gelitten, aber nur 26 Prozent waren in Behandlung.
Das Thema „Hinterlassenschaften“ wurde von über 65-Jährigen bedeutend häufiger gewählt als von jüngeren Menschen. Der Inhalt der Abschiedsbriefe wies keinen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern auf. Über Gefühle wurde hauptsächlich geschrieben, wenn psychische Probleme im Vordergrund standen. Hingegen lagen bei Suizidenten mit erheblichen physischen Erkrankungen überwiegend Regelungen der Hinterlassenschaft vor.

Verschiedene Methoden

Insgesamt wählen ältere Menschen eher harte Methoden, um aus dem Leben zu scheiden. „Während jüngere Frauen häufiger sanfte Methoden – wie etwa Medikamentenüberdosierungen – anwenden“, so Prof. Dr. Andrea Berzlanovich vom Department für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der Ärzte Woche, „bevorzugen junge Männer und ältere Suizidenten Erschießen, Erhängen oder Sturz aus großer Höhe.“
„Frauen bewahren zudem die Abschiedsbriefe meist in der Wohnung auf, während sie bei Männern am Körper gefunden werden“, so Prof. Dr. Brigitte Eisenwort vom Institut für Medizinische Psychologie.

Kognitive Einengung

Signifikant bei der Analyse der Abschiedsbriefe zeigte sich auch die kognitive Einengung der Suizidenten. „Gefühlsüberschwang war in den Briefen wenig zu finden“, so Eisenwort. „Echte Abschiedsbriefe zeigen nur wenig Textausschmückung und kurze, knappe Sätze.“ Dies bestätigte ein Versuch, in dem im Rahmen einer Diplomarbeit echte Abschiedsbriefe mit fiktiven Briefen verglichen wurden. „Dabei haben wir Menschen ohne Suizidabsicht gebeten, einen fiktiven Abschiedsbrief zu formulieren“, erläuterte Eisenwort. „In den vorgetäuschten Briefen fanden sich wesentlich mehr so genannte Allness-Terms, wie „absolut“, „alles“, „nichts“, „bedingungslos“, „gar nicht“ oder „keinesfalls“.“ Echte Abschiedsbriefe lesen sich dagegen meist schlichter.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 18/2008

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