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Gesundheitspolitik 30. April 2008

Schattendasein

Fachleute sind sich einig: Beratungs- und Therapieangebote müssten auch auf Menschen jenseit der 40 mit Drogen- oder Alkoholmissbrauch abgestimmt werden. Aber solche Einrichtungen sind in Österreich rar.

Laut aktuellen Analysen der EU-Drogenbeobachtungsstelle hat sich unter den Medikamentensüchtigen, die in Spitalsbehandlung sind, der Anteil der über 40-Jährigen in den letzten Jahren mehr als verdoppelt: von 8,6 auf 17,6 Prozent. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen über 40 mit massiven Alkoholproblemen.
Dazu Dr. Felix Fischer, Leiter des Therapiezentrums Traun für Alkohol- und Medikamentenabhängige: „Ich halte es für extrem wichtig, dass in der Öffentlichkeit endlich auch diese Zielgruppe in den Fokus rückt.“ Durch die ständigen Berichte über die angeblich zahllosen jugendlichen Opfer des „Komasaufens“ würde der Eindruck entstehen, „dass Sucht ausschließlich ein Problem von Jugendlichen ist – das entspricht aber immer weniger der Realität“.
Für Fischer problematisch ist zudem, „dass viel zu wenig auf die Folgen von massivem Alkoholkonsum hingewiesen wird“. Alkohol sei bei einem sehr großen Anteil der Verkehrsunfälle mit Personenschaden ein Hauptauslöser – und die Lenker seien keineswegs nur die berühmt-berüchtigten Führerscheinneulinge, die einmal einen über den Durst getrunken haben. „Es gibt zwar Einschränkungen für Jugendliche, ansonsten wird für die Droge Alkohol massiv Werbung gemacht und deren massive gesundheitlichen und sozialen negativen Auswirkungen werden ignoriert“, schließt sich Fischer einem Appell der European Alcohol Policy Conference an, die Anfang April in Barcelona stattfand.
Europa wird dabei als Kontinent wahrgenommen, wo um den Faktor 2,5 mehr Alkohol als im Rest der Welt konsumiert wird. Mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen und Problemen am Arbeitsplatz, die zu wirtschaftlichen Verlusten führen, die noch zu wenig ernst genommen werden. Gefordert werden wesentlich strengere Regelungen für die Alkohol-Werbung. „Eine wichtige Zielgruppe, auf die bislang viel zu wenig geachtet wurde, sind Menschen ab 30 und Ältere mit einem Suchtproblem“, unterstreicht Fischer.

Tagesklinik: Gute Erfahrungen

Sehr gute Erfahrungen wurden mit der seit zwei Jahren in Traun bestehenden Tagesklinik gemacht. „Bei einem Menschen über 50 mit Alkoholmissbrauch oder -sucht ist die Wahrscheinlichkeit für das Gelingen einer Therapie wesentlich geringer.“ Einrichtungen wie die Tagesklinik wären auch in anderen Regionen wichtig, denn sie machen es einfacher, das Angebot mit dem privaten und beruflichen Alltag in Einklang zu bringen.
Sowohl Therapie- als auch Beratungsangebote müssten viel stärker auch auf ältere Menschen mit Suchtproblemen ausgerichtet werden. Ein Fokus sollte aus Fischers Sicht dabei ebenso auf die Medikamentenabhängigkeit gelegt werden: „In Österreich sind davon mindestens 120.000 Menschen betroffen – auch hier findet sich ein wachsender Anteil an älteren Personen.“ Die häufigsten Probleme entstehen durch Tranquilizer, gefolgt von Schlafmitteln und Schmerzmitteln bzw. einer Kombination davon. Diese werden nicht illegal unter der Hand erworben, sondern in vielen Fällen vom Arzt verschrieben – „gerade mit Tranquilizern wird teilweise viel zu leichtfertig umgegangen“, kritisiert Fischer. Verstärkt wird das Problem durch den mit der e-Card leichteren Zugang zu Fachärzten, die voneinander unabhängig verschreiben. Auf diese Weise können große Mengen an Tabletten zusammenkommen. Zudem wird Medikamentenabhängigkeit auch von den Angehörigen lange bagatellisiert.
Haben ältere Menschen Suchtprobleme, ist oft zu hören: „Eine Intervention zahlt sich ohnehin nicht mehr aus“ – das ist für Fischer eine menschenverachtende Sicht, die nicht nur für den Einzelnen, sondern auch dessen berufliches und soziales Umfeld oft dramatische Konsequenzen hat.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 18/2008

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