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Gesundheitspolitik 24. April 2008

Sprache spricht Bände

Die Wortwahl eines Ärztekammerfunktionärs stößt bei Gleichbehandlungsanwälten und Minderheitenvertretern gleichermaßen auf Befremden.

Im Rahmen der Diskussion über die Zunahme der Zahl von Arztbesuchen (siehe auch Seite 2) gab es mehrere Aussendungen. Die Wiener Ärztekammer lehnte in einer Aussendung Identitätskontrollen in den Arztpraxen mit diesen Worten ab: „Auch wenn auf der e-Card ein Foto ist, kann nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass sich nicht berechtigte Personen der Karte bedienen. Gerade bei Familienmitgliedern mit Immigrationshintergrund ist es oft schwierig, Gesichtsmerkmale auszumachen.“
Diese Argumentation stieß so manchem sauer auf. „Wie heißt es im Volksmund? ‚Alle Chinesen schauen gleich aus, und die Japaner schauen dann noch einmal so aus wie die Chinesen’“, so Dr. Elisabeth Ebner, Generalsekretärin der Österreichischen Liga für Menschenrechte. Diese Vorurteile hätten nichts mit der Realität zu tun und zeugten nicht davon, dass Menschen in ihrer Individualität und Einzigartigkeit begegnet werde, was eigentlich von Ärztinnen und Ärzten zu erwarten sei. „Der zweite Kontext ist: Es geht dabei um Missbrauch, es geht um illegales Handeln: Dabei Menschen mit Migrationshintergrund zu nennen, führt zu einer gefährlichen und pauschalierenden Kriminalisierung dieser Menschen. Diese ist in der politischen Kultur dieses Landes zur Praxis geworden: Sie hat zu einer Ausländerhetze geführt, sie hat dem gesellschaftlichen Zusammenhalt sehr geschadet.“
„Wir gehen davon aus, dass die in der Pressemeldung zitierte Aussage des Ärztekammer-Vizepräsidenten Johannes Steinhart als Folge einer unglücklichen Formulierung entstanden ist“, vermutet Gamze Ongan von der Initiative Minderheiten im Gespräch mit der Ärzte Woche. „Andernfalls wäre sie ein trauriger Beleg dafür, dass der ‚Immigrationshintergrund’ auch nach über 40 Jahren Arbeitsmigration nach Österreich und somit nach mehreren hier geborenen und aufgewachsenen Generationen immer noch einen Grund zur ‚Fremdheit’ und zur Konstruierung von ‚Fremden’ bildet. Der Herr Vizepräsident wird wohl der österreichischen Bevölkerung im Allgemeinen und seinen naturwissenschaftlich geschulten Kolleginnen und Kollegen im Besonderen nicht die Fähigkeit absprechen wollen, nach diesen 40 Jahren die Mitglieder einer Familie, unabhängig von ihrem Geburtsort, auseinanderhalten zu können.“

Stereotypen vermeiden

„Sprache lässt Bilder entstehen“, fasst es die Gleichbehandlungsanwältin Mag. Ulrike Salinger zusammen. „Sprache hat eine wichtige Funktion für den Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung.“ Durch sensiblen und diskriminierungsfreien Sprachgebrauch könne der Transport von Stereotypen – Verallgemeinerung und Reduktion von Menschen auf bestimmte Merkmale – vermieden werden.
„Die Hautfarbe oder Herkunft eines Menschen darf nicht zu einer weniger günstigen Behandlung führen“, betont Salinger. „Das Gleichbehandlungsgesetz gebietet ein gleiches Recht auf ärztliche Behandlung ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 17/2008

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