zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 17. April 2008

Blickdiagnose: Rationell

Die jüngsten Reformpläne bringen vor allem eine Rationierung der Leistungen, sagen die Ärzte. Wenn man jetzt nicht beginne, rationell zu arbeiten, müsse man später wirklich rationieren, sagen die Krankenkassen und Gesundheitsökonomen. Tatsächlich wird heute schon rationiert im Gesundheitswesen: über Leistungen, die die Krankenkassen nicht zahlen, oder limitierte Behandlungen in den Spitälern der Länder. In der politischen Debatte werden die Begriffe Rationalisierung und Rationierung oft synonym verwendet.

Der Rechnungshof ortet ein Rationalisierungspotenzial von 2,9 Milliarden Euro. Kritiker der vermeintlichen Sparpläne sehen darin den Versuch der Leistungsrationierung. Tatsächlich werden Leistungen im Gesundheitswesen seit jeher rationiert. Doch ist auch Rationalisierung bereits Rationierung?

Im jüngsten Reformkonzept der Sozialpartner zum Gesundheitswesen und zur Sanierung der angeschlagenen Krankenkassen steht ganz zu Beginn ein weitreichender Satz: „Grundsätzlich soll die Führung der Sozialen Krankenversicherung nach dem Prinzip einer einnahmenorientierten Ausgabengestaltung erfolgen.“ Was so schön klingt, birgt einigen Sprengstoff und ist der eigentliche Grund für die gesamten Spannungen und Sparbemühungen im Gesundheitsbereich. „Einnahmenorientierte Ausgabengestaltung“ bedeutet nämlich ganz einfach, dass nur so viel ausgegeben werden soll, wie eingenomen wird. Das Ziel ist also eine ausgeglichene Kassenbilanz.
Ist aber zu wenig Geld in den Kassen, sollen Leistungen schlicht nicht bezahlt werden. Kritiker, vor allem aus der Ärzteschaft, sehen darin den Versuch, Gesundheitsleistungen zu rationieren. Ob dies tatsächlich so sein wird, wird sich wohl erst am Ende der Reform zeigen. Faktum ist aber, dass die reglementierte Zuteilung und Limitierung von Leistungen seit jeher fixer Bestandteil des Gesundheitswesens ist. Da die Mittel im System ja begrenzt sind, muss es einen Modus geben, nach dem alle Leistungen irgendwie verteilt werden. Und dieser Modus ist eine Rationierung, was an sich noch nicht schlimm wäre. In der Wirtschaftstheorie kommt es immer dann zu Rationierung, wenn es um die Verteilung knapper Güter oder Ressourcen geht. Die entscheidende Frage ist nur, nach welchen Kriterien rationiert wird.
Hier unterscheiden die Experten vor allem eine sogenannte explizite und eine implizite Rationierung. Sind also die Kriterien allen bekannt und gelten sie für alle gleich, oder gibt es Kriterien, die aber nicht jedem als solche bekannt sind und die man mit bestimmten Mitteln umgehen kann? Für das österreichische Gesundheitswesen gilt wohl unbestritten das Zweite. Niemand weiß so wirklich genau, welche Leistungen tatsächlich von den Krankenkassen bezahlt werden und warum, oder warum man in einem Bundesland länger auf eine Operation warten muss als in einem anderen.
Ganz unabhängig von Rationierung besteht gerade bei der Produktion knapper Güter der Bedarf, diese möglichst rationell zur Verfügung zu stellen. Genau das meint der Rechnungshof auch mit seiner Forderung nach mehr Effizienz in Krankenhäusern. Er und viele Gesundheitsexperten wünschen sich, dass Gesundheitsleistungen möglichst rationell und damit effizient erbracht werden. So könnte man nämlich Geld sparen, das dann wieder für eine Ausweitung der Leistungen verwendet werden kann. Tatsächlich passiert aber genau das im Gesundheitswesen nicht. Besser gesagt: Wir wissen gar nicht, ob es passiert. Es fehlt nämlich in vielen Bereichen schlicht die nötige Transparenz darüber, mit welchem Aufwand medizinische und pflegerische Leistungen erbracht werden und ob etwa Arzneimittel wirklich effizient sind oder nicht.
Bei all diesen ökonomischen Überlegungen sollte allerdings nicht vergessen werden, dass es im Gesundheitswesen um die Behandlung von Menschen geht. Und für diese ist vor allem das effizient, was ihnen hilft. Ganz egal, was es kostet.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben