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Gesundheitspolitik 3. April 2008

Kompetenztraining als Basis für Patientenbeteiligung

Die Partizipation von Patienten strukturell zu fördern, hat sich eine steirische Non-profit-Gesundheitseinrichtung zum Ziel gesetzt.

Elf Trainings mit dem Titel Wissen macht stark und gesund wird das Grazer Frauengesundheitszentrum (www.fgz.co.at) bis 2010 österreichweit umsetzen. Finanziert wird das Projekt vom Sozialministerium, „mit dem Argument, dass immer mehr Menschen sich um die eigene Gesundheit nicht erst kümmern, wenn sie krank sind“, erklärt Mag. (FH) Katharina Ebner, Koordinatorin im Frauengesundheitszentrum. Zielgruppe sind zunächst Mitarbeiter von verschiedensten Beratungsstellen im Gesundheits- und Sozialbereich sowie Vertreter und aktive Mitglieder von Selbsthilfegruppen. „Diese sollen Menschen dabei unterstützen, sich im immer dichter werdenden Dschungel an Angeboten und Möglichkeiten im Gesundheitsbereich zurechtzufinden sowie selbstbewusst und möglichst selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen.“
Später sollen dann auch (potenzielle) Patienten Zielgruppe der Kurse sein, so Ebner: „Es wäre wünschenswert, dass aus diesem Projekt ein institutionalisiertes Angebot wird. Wichtig ist, dass die Zugänglichkeit möglichst niederschwellig bleibt – die aktuellen Kurse können kostenlos angeboten werden und es gibt auch eine Unterstützung etwa für Fahrtspesen.“

Das Erlernte umsetzen

Inhalte der Trainings sind unter anderem Einblicke in die medizinischen Grundlagen von Studienergebnissen. „Die Teilnehmer lernen die Qualität von Gesundheits- und Krankheitsinformation zu beurteilen. Weiters geht es um den Erwerb von Techniken zur Weitergabe von qualitativ hochwertiger und anbieterunabhängiger Information“, erklärt Ebner. Das erste Training lief bereits im Oktober, „auch die wissenschaftliche Evaluation zeigt, dass die Teilnehmer das Erfahrene sehr gut umsetzen können.“
Wie geht es dann Ärzten im Umgang mit besser informierten und selbstbewussteren Patienten? Dazu Prof. Dr. Éva Rásky vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Universität Graz, die in der Umsetzung des Projektes involviert ist: „Mehr Wissen von Patienten bedeutet eine Entlastung für die Ärztin und den Arzt. Mit der Zunahme von chronischen Erkrankungen nehmen auch die Handlungs- und Therapieoptionen zu.“ Diese müssten aber in die Lebenswelten und -bedingungen der Patienten integriert werden. Das Wissen der Patienten sei sehr wichtig, damit sie unterschiedliche Therapiezugänge und -vorschläge verstehen und diese auch kompetent umsetzen können, „und damit der Behandler im Einzelfall auch begründen kann, warum ein bestimmtes Verfahren oder Medikament mit den Lebensumständen nicht vereinbar ist.“
Auch Ebner ist sich sicher, dass „eigentlich alles für eine bessere Unterstützung von Menschen bei der Nutzung von Angeboten am Gesundheitssektor spricht. Denn wenn schon die Rede von ‚shared decision making‘ ist, dann braucht dieses auch Grundlagen.“
Aber ist für intensiven Austausch und gemeinsame Entscheidungsfindung überhaupt Raum im engen Zeitkorsett von Kassenpraxen und übervollen Spitalsambulanzen? Rásky: „In einer gut organisierten Praxis oder Ambulanz ist es durchaus möglich, sich – je nach Indikation – mehr oder weniger Zeit für bestimmte Fragen von Patienten zu nehmen.
Untersuchungen weisen darauf hin, dass Kranke meist beharrlich sind, wenn sie die Hilfe, die sie brauchen, nicht erhalten. Sie kommen dann immer wieder. Gerade Frauen nehmen das Gesundheitsversorgungssystem mehr in Anspruch, möglicherweise, weil sie das Gefühl haben, dass nicht oder zu wenig auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird und sie dementsprechend weiter Hilfe suchen müssen.“

Wissen spart Zeit

So können die Kenntnisse eines Patienten im Gegenteil sogar Zeit sparen helfen, da die Ärzte das Problem nicht so lange erklären müssen und auch die Therapieschritte schneller verstanden werden. Auf jeden Fall, da ist sich Rásky sicher, „reduziert sich damit das ‚doctor hopping‘, das dadurch bedingt ist, dass Ärzte auf die gesundheitlichen und psychosozialen Probleme der Patienten zu wenig eingehen.“
Der Sozialmedizinerin ist noch ein weiterer Aspekt wichtig: „Für Ärzte wäre es sicher ebenso sinnvoll, sich Kompetenzen im Umgang mit geschulten – wissenden – Patienten zu erwerben. In Zukunft – in manchen Ländern ist es bereits Gegenwart – werden Patienten häufiger mit Informationen aus dem Internet oder mit Studienergebnissen zu Therapien, die ihre Krankheit betreffen, in die Ordination oder Ambulanzen kommen. Sie werden spezifische und fundierte Antworten erwarten.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 14/2008

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