zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 28. März 2008

Diagnose Einsamkeit

Stress, Krankheit, Konflikte, Verluste geliebter Menschen und Migration können zu sozialem Rückzug und zu Vereinsamung führen. Probate Gegenmaßnahmen zielen darauf ab, das Selbstbewusstsein der Betroffenen zu stärken.

In Wien setzte sich kürzlich ein Symposium mit dem Phänomen Einsamkeit aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander. „Für den Hausarzt sollte die Frage nach der konkreten Lebenssituation zu einer Routinefrage bei der Anamnese gehören“, betonte der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs. In urbanen Ballungsräumen sei Vereinsamung ein in mehrfacher Hinsicht zunehmendes und auch medizinisch sehr ernstes Problem.
„Besonders bei Krankheit – gerade wenn es sich um ein chronisches Leiden handelt – oder Pflegebedürftigkeit kann Einsamkeit Probleme massiv verschärfen.“ Aus Fuchs’ Erfahrung sind häufige Symptome Stress, Schlafstörungen und allgemeine Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Verspannungszustände, Ängste und Panikattacken. „In der Anamnese sollte daher gezielt auch nach dem sozialen Netzwerk und der Wohnsituation gefragt werden“, betonte Fuchs.

Das Problem wahrnehmen

Wobei Vereinsamung kein auf ältere Menschen beschränktes Phänomen sei: „Immer öfters kommen Kinder und Jugendliche in die Ordinationen, bei denen sich deutlich Folgen von Vernachlässigung und daraus entstehender Langeweile zeigen.“ Verstärkt würden Unsicherheiten und Selbstzweifel, Lernprobleme, innerer Rückzug und Depressionen genauso wie exzessives Verhalten und psychische Symptome.
Eine wichtige Rolle des Arztes ist aus der Sicht von Fuchs, „das Phänomen Einsamkeit wahr- und ernst zu nehmen“. Denn einer der wichtigen Auswege ist die Rückkehr in die Aktivität und Übernahme von Selbstverantwortung. Der Arzt könne etwa Orientierungshilfe im riesigen Dschungel aus Beratungs- und Unterstützungsangeboten geben. „Es braucht einen echten Dialog, der von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Wichtige Ziele sind der Aufbau bzw. die Förderung von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sowie das eigenständige Entdecken und Nutzen von neuen Handlungsperspektiven.“

Einsam am Arbeitsplatz

Aufmerksamkeit, so unterstrich Fuchs, „ist eine der wichtigsten Maßnahmen bei der ‚Diagnose Einsamkeit‘“.
Er verwies außerdem darauf, dass Einsamkeit auch ein Phänomen am Arbeitsplatz sein kann – als Folge von Mobbing. „Unzulängliche Kommunikation, unklare Zuständigkeiten, enorme Leistungsvorgaben und permanente Überforderung sowie unnötiger gegenseitiger Konkurrenzdruck fördern das Gefühl der Verlassenheit“, so Fuchs, der auch als Arbeitsmediziner tätig ist. Mobbing würde oft zu einem posttraumatischen Belastungssyndrom führen und bräuchte auch konkrete Schritte zu Krisenmanagement und Rehabilitation. Dazu würden auch eine entsprechende intensive psychotherapeutische sowie ärztliche Betreuung und Unterstützung gehören sowie die Aktivierung therapeutischer sowie sozialer Netzwerke.

Doppeltes Tabu

Mag. Karin Isak von der Wiener Krebshilfe beleuchtete bei dem Symposium das „doppelte Tabu Krebs und Einsamkeit: Von Krebs ist das gesamte Beziehungssystem betroffen. Selbst wenn die Behandlung abgeschlossen ist, fallen viele Betroffene in die Einsamkeit.“ Angst und Sprachlosigkeit seien dabei ein Teufelskreis. Einsamkeit könne auch die Angehörigen betreffen, weil sich der Partner in seine Erkrankung zurückzieht, Kommunikation stark einschränkt oder ganz einstellt. Dies würde auch aus Angst geschehen, das Umfeld sowohl mit der Diagnose an sich als auch deren vielfältigen Auswirkungen zu stark zu belasten.
„Umso wichtiger ist auch die psychologische Beratung und Begleitung“, betonte Isak. Dabei hätte der Hausarzt als häufiger und vertrauter Ansprechpartner eine wichtige Funktion. Besonders zielführend sei dabei, nicht nur Ratschläge zu geben, sondern auch einfach zuzuhören.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 13/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben