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Gesundheitspolitik 19. März 2008

Blickdiagnose: Von Explosion keine Spur

Ein Thema beherrscht die Gesundheitsdiskussion wie kein anderes: der Anstieg der Gesundheitsausgaben. Sie würden explodieren, sagen die einen, „stimmt nicht“, sagen die anderen. Es würden nur die Defizite der Krankenkassen steigen. Die Gesundheitsministerin setzte zuletzt jedenfalls einen Markstein. Die 26 Milliarden Euro, die im Vorjahr für Gesundheit ausgegeben worden sind, würden reichen, sagte Andrea Kdolsky. Sie überlegt sogar, per Gesetz die Ausgabensteigerungen für Arzneimittel zu begrenzen, damit sie nicht weiter steigen.

Explosion oder doch nur moderate Steigerung? Verkraftbarer Anstieg oder Sargnagel für die Krankenkassen? Wer die Debatte über die Gesundheitsausgaben mitverfolgt, weiß oft nicht, was nun wirklich wahr ist. Fakt ist, die Diskussion ist nicht neu. Bereits 1975 titelte Der Spiegel: „Krankheitskosten: Die Bombe tickt“.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass die Ausgaben in den vergangenen Jahren kaum stärker gewachsen sind, als der Rest der Wirtschaft. Im Jahre 2006 betrugen die heimischen Gesundheitsausgaben laut System of Health Accounts der Statistik Austria rund 26,1 Milliarden Euro.
Zwischen 1990 und 2006 – davor wurde ein anderes Berechnungssystem verwendet – sind die Gesundheitsausgaben nominell (d.h. zu laufenden Preisen) von 11,5 Milliarden Euro um 14,6 Milliarden Euro auf eben 26,1 Milliarden Euro gestiegen – das entspricht einer Steigerung von insgesamt 128 Prozent, oder etwas mehr als einer Verdoppelung. Das Wichtige dabei ist aber, dass in diesem Zeitraum auch die Gesamtwirtschaft gewachsen ist. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwischen 1990 und 2006 um 89 Prozent gestiegen. Betrachtet man nun die anteilsmäßige Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt, so stiegen die Gesundheitsausgaben zwischen 1990 und 2006 von 8,4 Prozent auf 10,1 Prozent des BIP. Überraschend dabei: Im Jahr 2006 sank der BIP-Anteil sogar von 10,3 im Jahr 2005 auf eben 10,1 Prozent.
Ähnlich verhielt sich die Situation mit den Beitragssätzen zur Krankenversicherung. Konkret lag der Beitragssatz für Arbeiter im Jahr 1963 – also vor 45 Jahren – bei 7,3 Prozent. Heute sind es 7,65 Prozent. In den 80er Jahren sank der Beitragssatz sogar auf 6,3 Prozent und stieg 1993 wieder auf 7,9 Prozent, um zum 1. Jänner 2004 wieder auf 7,4 Prozent zu sinken. Der Beitragssatz für Angestellte stieg allerdings stärker: Seit 1963 von 4,8 Prozent auf 5,0 Prozent (1980) und 6,8 Prozent (1993). Seit 2004 liegt er auf dem Niveau der Arbeiter (heute 7,65 Prozent).
Vereinfacht lässt sich also sagen, dass mit zunehmendem Reichtum der Gesellschaft auch absolut mehr für Gesundheit ausgegeben wird. Eine Explosion lässt sich daraus aber nicht ableiten. Dabei ist zu bedenken, dass sich die Medizin weiterentwickelt hat. Sie ist heute in der Lage, wesentlich mehr Krankheiten zu behandeln, zu lindern oder gar zu heilen als noch vor 45 Jahren. Und genau dieser medizinisch-technische Fortschritt ist einer der Hauptkostentreiber im Gesundheitsbereich. Wenn also überhaupt von einer Explosion gesprochen werden kann, dann von einer Leistungsexplosion. Und die wird auch weitergehen – dank der Anstrengungen der Pharma- und Medizintechnikindustrie, die nach immer neuen Behandlungsmethoden, aber auch nach neuen Krankheitsbildern sucht.
Woher kommen aber dann die Probleme der Krankenkassen? Hier sind es nicht etwa die steigenden Ausgaben, sondern vor allem die relativ dazu sinkenden Einnahmen. Der Anteil der Löhne und Gehälter am gesamten Volkseinkommen ist in den vergangenen Jahren auf unter 70 Prozent gesunken. Doch diese Löhne und Gehälter sind die Basis für die Kassenbeiträge. Wenn aber die Leistungen des Systems einerseits und die Gesamtwirtschaft andererseits stark wachsen, die Beiträge der Krankenkassen aber aufgrund schwächerer Beschäftigtenzahlen und Einkommenssteigerungen nicht mithalten, passiert das, was regelmäßig die Medien zu Superlativen greifen lässt: Die Defizite der Krankenversicherungen steigen.

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