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Gesundheitspolitik 7. März 2008

Blickdiagnose: Wettbewerb ist kein Wundermittel

Die EU-Kommission drängt auf eine Liberalisierung des Gesundheitsmarktes. Zuerst wurde für heuer eine Richtlinie angekündigt, die es erleichtern soll, Gesundheitsleistungen europaweit anzubieten. Dann folgte – wie schon 2007 gegen Österreich – ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland im Zusammenhang mit dem Mehrbesitzverbot von Apotheken. Die sollen nach dem Willen der EU Konkurrenz durch große Ketten bekommen. Auch in der Reformdiskussion um die Kassen taucht immer wieder die Frage auf, ob mehr Wettbewerb ein Heilmittel wäre.

Könnte mehr Wettbewerb zwischen Anbietern im Gesundheitswesen oder gar zwischen Krankenversicherungen das System billiger machen? Die EU und einige Experten sind davon überzeugt. Andere warnen, dass Wettbewerb das Gegenteil verursacht: Das System wird teurer.

Im Arzneimittel-Bereich funktioniert es nur teilweise. Dann nämlich, wenn es zu einem Wettbewerb zwischen Herstellern von Orginalpräparaten und Generika kommt. Doch bis dahin haben die Orginalhersteller einen Patentschutz. Und selbst dort, wo mehrere Firmen ähnliche Produkte auf dem Markt haben, führt das nicht zu einem Preisrückgang.
Bei Medizintechnik-Unternehmen ist die Situation anders. Dort, so hört man von Herstellern, geht der Einkauf gerade in Krankenhäusern nur noch über den günstigsten Preis. Die Kliniken würden aufgrund der strengen Qualitätsvorschriften davon ausgehen, dass die Produkte alle den höchsten Anforderungen entsprächen. Also kaufe man die billigsten Produkte.
Beide Beispiele werden immer dann bemüht, wenn es um die Frage geht, ob Wettbewerb das Gesundheitssystem billiger und effizienter machen könnte. Die Wissenschaft ist sich allerdings einig, dass dies nicht funktioniert.
Zweifellos gelten im Gesundheitswesen eigene Regeln und Mechanismen. So handelt es sich dabei um keinen echten Markt im klassischen Sinn, der nach Wettbewerbsprinzipien funktioniert. Grund dafür ist, dass wesentliche Bedingungen für offene Märkte, beispielsweise die gleiche Information aller Marktteilnehmer, nicht gegeben sind. Was schon bei der Reparatur eines Autos für viele zum Problem wird, nämlich zu beurteilen, was tatsächlich nötig ist und wie viel es kosten darf, ist bei der „Reparatur“ von Menschen um ein Vielfaches problematischer. Kaum jemand wird ernsthaft glauben, mit einem Arzt über den Preis für eine Leistung verhandeln zu können oder gar darüber, was medizinisch nötig ist und was nicht. Im Ernstfall sind Patienten doch weniger Kunden als vielmehr Bedürftige, die Hilfe suchen.
Hier tritt jenes Problem ein, das Experten als Moral-Hazard bezeichnen: Patienten und Ärzte sind durch den Vollversicherungsschutz im Gesundheitssystem nicht mit den Kosten der Leistungen konfrontiert, die sie in Anspruch nehmen oder auslösen. Wenn die Kosten aber bei der Inanspruchnahme der Leistungen keine Rolle spielen, besteht die Gefahr, dass zu viele Leistungen nachgefragt werden, die nur bedingt zusätzlichen Nutzen bringen.
Auch an anderer Stelle im Gesundheitswesen lässt sich ein solches Moral-Hazard-Verhalten ableiten. Durch das Auseinanderfallen von Handlung und Haftung besteht für Versicherte kein Anreiz, ungesunde Lebensweisen einzuschränken, da im Bedarfsfall die Solidargemeinschaft für die Behandlungskosten aufkommt.
Bleibt die Frage, ob mehr Wettbewerb den Krankenversicherungen gut tun würde. Nimmt man als Beispiel dafür die Privatversicherungen, so sind die Folgen recht deutlich: Laut Statistik Austria lagen die Verwaltungsausgaben der privaten Zusatzversicherungen 2005 bei 417 Millionen Euro, jene der gesetzlichen Kassen bei 557 Millionen. Allerdings verwalteten die Krankenkassen damit ein Budget von 18,2 Milliarden, die Privaten nur 5,4 Milliarden Euro. Im Großen zeigt sich das Problem auch in Deutschland. Der Wettbewerb zwischen den gesetzlichen Kassen hat diese nicht billiger gemacht, sondern teurer.

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