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Gesundheitspolitik 6. März 2008

Sprengelarzt mit Behandlungsbedarf

Ende Jänner ortete Tirols Gesundheitslandesrätin Elisabeth Zanon in der Tiroler Tageszeitung einen „Boykott der Ärzte“. Der Grund: Sprengelarztstellen können mangels Bewerbern nicht nachbesetzt werden. Kein Wunder, rund um die Uhr verfügbar sein zu müssen ist keine sehr attraktive Arbeitsplatzbeschreibung. In Kufstein und Umgebung wird es schon schwierig, einen Mediziner für eine Totenbeschau aufzutreiben.

Im Herbst des Vorjahres wurde auch in Tirol das Pensionsalter von 61,5 auf 65 Jahre für Gemeindebedienstete angehoben. „Davon betroffen sind auch die Sprengelärzte – diese Veränderung macht diese eigentlich sehr wichtige Aufgabe noch unattraktiver“, kritisiert der Allgemeinmediziner Dr. Peter Zoller, Sprengelärzte-Referent in der Tiroler Ärztekammer.
Sprengelärzte sind unter anderem für Bereiche wie die Totenbeschau, Fragen rund um die Qualität des Trinkwassers sowie vor allem für die Sicherstellung eines Bereitschaftsdienstes rund um die Uhr zuständig, was gerade im Bereich der Hauskrankenpflege wichtig ist.
„Es gibt in rund 20 von 80 Sprengeln immer mehr Probleme dadurch, dass Ärzte ab 14 oder 16 Uhr ihr Tonband einschalten und sich darauf verlassen, dass der Sprengelarzt in Notfällen einspringt“, so Zoller. Diese erhalten für ihre Tätigkeit kein Aktivgehalt, die Gemeinden zahlen für sie Kranken- und Unfallversicherung sowie für eine Pension – dadurch fallen für die Gemeinden Kosten von etwa 1.000 Euro im Monat pro Sprengelarzt an.

Sonderregelung

Was die Beamten-Pensionsreform betrifft, so soll es zu einer gestaffelten Einschleifregelung kommen; die Ärztekammer für Tirol tritt jedoch für eine Sonderregelung für die Sprengelärzte ein, da laut Koller die jetzige Reform vom Gleichheitsprinzip deutlich abweiche und eine Schlechterstellung der Sprengelärzte gegenüber anderen Beamten darstelle. Viele Bürgermeister wären, so berichtet Zoller, zunehmend schlecht auf die Sprengelärzte zu sprechen, weil es Probleme in der reibungslosen Umsetzung ihres umfangreichen Aufgabengebietes gibt. „Wir haben inzwischen eine Verfassungsklage eingebracht: Es ist einfach unzumutbar, dass jemand rund um die Uhr auf Abruf bereitstehen soll“, betont Zoller. Besonders krass ist etwa der Sprengel Kufstein, wo der Sprengelarzt bis zu viermal in der Nacht ausrücken und am nächsten Tag trotzdem in der Ordination stehen soll. Er hatte bereits eine frühzeitige Pensionierung angekündigt. Zoller ergänzt, dass ein großer Teil der jetzt tätigen Sprengelärzte immer näher an das Pensionsalter heranrückt – „und es ist sehr schwierig, Nachfolger zu finden, so sind einige Sprengel inzwischen ohne diese wichtige Funktion“.
Die Tiroler Ärztekammer hat an die Landesregierung ein umfangreiches Konzept für den „Sprengelarzt neu“ eingereicht. Doch „wirklich aktiv einbezogen werden wir in die entsprechenden Planungen derzeit nicht, und es ist völlig unklar, inwieweit die Landesregierung unsere Vorschläge aufgreift“, bedauert Zoller.
Für viele Aufgaben – „und diese müssen einfach klar vergeben sein“ – wäre aus seiner Sicht eine Lösung über Werkverträge denkbar. „Klar ist: Jedes neue System wird mehr kosten als das alte“, so Zoller.

Organisierter Dienst

Jahrelang habe man sich auf die Bereitschaft der Ärzte verlassen, sich bis weit über die eigenen Grenzen für das Gemeinwohl einzubringen, „aber das ist einfach nicht mehr zumutbar“; Zoller berichtet, dass Gesundheitslandesrätin Elisabeth Zanon eine Neuregelung bereits für März angekündigt hat – konkrete Entwürfe liegen nach seinem Informationsstand aber noch nicht vor.
Eine wichtige Forderung der Tiroler Ärzte ist die Einrichtung eines organisierten, tirolweiten Wochenbereitschaftsdienstes. Am Wochenende gibt es dafür Mittel von der Kasse – unter der Woche bleibt es dem einzelnen Arzt überlassen, wie er sich um Notfälle kümmert, bzw. verlässt sich dieser auf den Sprengelarzt.

Keine Gratisleistung

In anderen Bundesländern, so betont Zoller, sei es seit Jahren überhaupt keine Frage, dass es Mittel auch für den Wochenbereitschaftsdienst gibt, und dieser nicht als Gratisleistung erwartet werden kann. „Damit wäre schon ein sehr wichtiger Schritt getan, um die Attraktivität der Tätigkeit des Sprengelarztes deutlich zu erhöhen.“ Gleichzeitig, so meint Zoller, würde dies insgesamt eine Qualitätssteigerung in der wohnortnahen medizinischen Versorgung bringen – und diese müsse der öffentlichen Hand eben auch etwas wert sein.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 11/2008

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