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Gesundheitspolitik 28. Februar 2008

Die jungen Seelen pflegen

Nicht jeder frühe Kummer ist bloß pubertäre Spinnerei. Und Kinder mit Teilleistungsstörungen sind nicht ganz einfach
minder begabt. Die frühe richtige Diagnose und Behandlung von psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen kann viel Leid ersparen. Doch das Versorgungsnetz ist löchrig.

 Gruppenbild
Dr. Michael Merl, Dr. Werner Gerstl, Präsident Dr. Peter Niedermoser, Dr. Werner Leixnering, Dr. Till Preißler (v.l.n.r.).

Foto: Ärztekammer Oberösterreich

Seit einem Jahr – mit Inkrafttreten der neuen Ärzte-Ausbildungsordnung – ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Sonderfach. „Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist allen Kindern und Jugendlichen bis zum 19. Lebensjahr verpflichtet, die aufgrund körperlicher, seelischer, sozialer Bedingungen keine altersgemäße Entwicklung erfahren können. Neben der nicht immer notwendigen medikamentösen Therapie kommen vielfältige Therapieangebote zum Einsatz. Vor allem Psychotherapie bzw. psychologische Behandlung, aber unter anderem auch Ergotherapie, Musiktherapie und Logopädie“, erklärt Dr. Werner Leixnering, ärztlicher Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Linzer Landesnervenklinik Wagner-Jauregg.
Allerdings kommen viele Kinder und Jugendliche gar nicht an die Angebote. Dazu Leixnering: „Wer in Österreich einen Schlaganfall erleidet, kann sich sicher sein, zum richtigen Spezialisten gebracht und dort nach den aktuell gültigen Behandlungsempfehlungen therapiert zu werden. Kinder und Jugendliche mit psychiatrischen Problemen haben indes Glück, wenn ihre Probleme als solche von ihrem Umfeld überhaupt erkannt und als behandlungsbedürftig eingeschätzt werden: ein Suizidversuch, der als Unfall ‚behandelt’ wird, eine Magersucht, die viel zu lange unerkannt bleibt, Teilleistungsstörungen, die als ‚mangelnde Begabung’ abgetan werden, Depressionen, die als ‚pubertäre Spinnereien’ qualifiziert werden – wäre die Patientin, der Patient rechtzeitig psychiatrisch behandelt worden, hätte das viel Leid ersparen können.“
Dr. Werner Gerstl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Linzer Kinderklinik, sieht das ebenso: „Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wann eine kinder- bzw. jugendpsychiatrische Behandlung notwendig ist und diese den Patientinnen und Patienten dann auch zu ermöglichen!“ Eine wichtige Rolle würde hier in erster Linie das unmittelbare Umfeld der Jugendlichen spielen: Eltern, Lehrer, Erzieher, aber auch Hausärzte.
Dr. Till Preißler, Obmann der Fachgruppe für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ärztekammer für Oberösterreich, rechnet mit „einer weiteren deutlichen Zunahme des Bedarfs an Behandlung für psychische Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. Daher ist eine umfassende Versorgungsplanung für dieses medizinische Fachgebiet nötig.“ Preißler ist deshalb der Ausbau von Ausbildungsstätten für Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Anliegen; ebenso die Implementierung von zusätzlichen Fachambulanzen sowie von Tageskliniken an Spitälern mit pädiatrischen Abteilungen oder zumindest „die Etablierung von Kinder- und Jugendpsychiatern und Konsiliarärzten an allen Abteilungen, in denen Kinder und Jugendliche betreut werden.“
Als sehr dringlich sieht Preißler die Schaffung von Kassenstellen für Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie – „in vielen Regionen Österreichs gibt es hier noch überhaupt kein Angebot. Zum Beispiel gibt es in Oberösterreich eine einzige Wahlärztin in freier Praxis.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 9/2008

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