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Gesundheitspolitik 28. Februar 2008

Kostentreiber Medikamente?

Hauptverband und Industrie sollen sich darüber einigen, wie an der Medikamentenkostenschraube gedreht werden kann. Das erste Resultat sind Kontroversen.

 Tablettenschachtel

Foto: goBra

Am Tag vor dem Beginn der Verhandlungen zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und Vertretern der Pharmabranche wendete sich die Pharmig mit einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit. Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs, beklagte: „Sogenannte Gesundheitsreformen beginnen und enden immer mit einem Sparpaket im Bereich der Medikamente.“ Dies würde zum einen zu unterdurchschnittlichen Preisen führen, obgleich laut Huber „die Industriepreise und auch der Pro-Kopf-Verbrauch an Medikamenten hierzulande deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegen“.

97 Prozent Steigerung

Dem hält der Hauptverband in einer Aussendung entgegen: Die Aufwendungen für Versicherungsleistungen stiegen von 1997 bis 2007 um 51 Prozent – jene für Medikamente im selben Zeitraum um 97 Prozent, also fast um doppelt so viel. Wären die Arzneimittelpreise nur um denselben Prozentsatz wie andere Leistungen gestiegen, hätten sich die Krankenkassen im Vorjahr 614 Millionen Euro erspart – die Finanzkrise würde so deutlich weniger krass ausfallen. „Das Konsolidierungspotenzial bei den Medikamenten ist nach wie vor groß“, heißt es von Seiten des Hauptverbandes, der auch über die Vorgangsweise der Pharmig verschnupft ist.
Die Industrie nennt folgende Gründe für die Teuerung: Mehr ältere Patienten würden mehr Medikamente und andere medizinische Leistungen benötigen. Für die Krankenkassen heißt eine verstärkte Überweisung zu Niedergelassenen – zu der man grundsätzlich voll inhaltlich stehe – mehr Kosten auch bei den Medikamenten, da ja die Zuschüsse zu den Spitälern gedeckelt bleiben. Früherkennungsprogramme seien zwar wichtig, würden aber auch zu einem früheren und damit häufigeren Einsatz von Medikamenten führen.
Aber die Medikamentenkosten seien eben nicht der Hauptgrund für die finanziellen Probleme der Kassen, „daher ist auch die unqualifizierte Forderung nach Zwangsrabatten absurd“, betonte Huber. Dies würde Arbeitsplätze in der von Klein- und Mittelunternehmen geprägten heimischen Pharmabranche gefährden.

Unprofessionelles Wirtschaften

Es bräuchte anderswo Einschnitte, auch wenn diese „nicht so populär sind wie die Forderung nach niedrigeren Medikamentenpreisen“, so Huber: Fast ein Drittel der Kosten fließt in die Spitäler – Huber verweist auf die aktuellen Rechnungshofberichte, die bekanntlich ein Einsparungspotenzial von fast drei Milliarden Euro orten. Eine Maßnahme wäre, Akut- in Pflegebetten umzuwandeln oder generell die im EU-Schnitt vergleichsweise sehr hohe Bettendichte zu reduzieren. Sicher der falsche Weg wäre, dass im Finanzausgleich 2007 beschlossen wurde, innerhalb der nächsten sechs Jahre eine Milliarde Euro an zusätzlichen Mitteln für die Spitäler – oder besser gesagt: deren Finanziers, die Länder – zur Verfügung zu stellen. „Die Pharmaindustrie leistet seit Jahren mehr als nur ihren Beitrag zur Finanzierung der Krankenkassen und ist nicht länger bereit, für unprofessionelles Wirtschaften bluten zu müssen. Die goldenen Zeiten sind vorbei – nicht nur für die Pharmaindustrie“, fasste Huber zusammen.
Dieses Hick-Hack kommentiert Dr. Günther Wawrowsky, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte auf Österreichebene: „Zunächst ist festzuhalten: Am günstigsten können Gesundheitsdienstleistungen in vielen Fällen nachweislich im niedergelassenen Bereich erbracht werden.“ Für ihn verläuft die aktuelle Debatte zu undifferenziert: „Die Frage müsste sein: Bei welchen Medikamentengruppen sind Einsparungen tatsächlich realistisch? Es ist undenkbar, dass Patienten mit Krebs bestimmte Präparate vorenthalten werden, nur weil die Mittel ‚zu teuer‘ sind.“ Nachvollziehen kann Wawrowsky Hubers Forderung, eine neue Lösung für die Mehrwertsteuer bei den Medikamenten zu suchen. „Aber es ist eben falsch, ständig von den Medikamentenpreisen als Ganzes zu reden“, so Wawrowsky. Und die Ärzte quasi als die schwarzen Schafe für die Finanzmisere der Krankenkassen verantwortlich zu machen, weil sie „so viel“ verschreiben, würde ebenso wenig konstruktive Lösungen fördern.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 9/2008

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