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Gesundheitspolitik 21. Februar 2008

Weit ist der Weg

Die Bewohner von mindestens 62 österreichischen Gemeinden müssen weitere Strecken zurücklegen, um zur nächsten offenen Apotheke zu kommen. Die Ärzteschaft befürchtet eine Ausdünnung der medizinischen Versorgung.

Lange Zeit sorgte die Neuregelung des Apothekengesetzes für heftige Kontroversen. Zur Erinnerung: Im Oktober 2005 hob der Verfassungsgerichtshof einige Passagen auf, die das Verhältnis zwischen öffentlichen Apotheken und Hausapotheken bisher regelten. Im März 2006 wurde dann eine Novelle erlassen, die auch ein grundsätzliches Bekenntnis zum Erhalt von Hausapotheken enthielt.
„Die Realität sieht besonders in 62 österreichischen Gemeinden anders aus“, unterstreicht Dr. Otto Pjeta, auf Ebene der Österreichischen Ärztekammer zuständig für die Hausapotheken. Denn wenn sich innerhalb des magischen Zirkels von vier bis sechs Kilometern – diese werden teils bis auf dem Meter genau berechnet – eine öffentliche Apotheke befindet, kann eine vorhandene Hausapotheke nicht mehr an einen Nachfolger weitergegeben werden. Auch eine neue Hausapotheke darf nur dann eröffnet werden, wenn sich keine öffentliche Apotheke im Umkreis von sechs Kilometern befindet.
„Wir haben eine österreichweite Erhebung durchgeführt. Es ist jetzt schon so, dass die Entfernung zur nächsten öffentlichen Apotheke durchschnittlich 15 Kilometer in einer Richtung beträgt bzw. in Extremfällen bis zu 55 Kilometer“, so Pjeta. Diese Entfernungen seien auf teils schlecht ausgebauten Straßen zurückzulegen, die vor allem unter ungünstigen Witterungsverhältnissen oft schwer befahrbar sind. Eine Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel sei in den allerseltensten Fällen gegeben. „Von den negativen Auswirkungen betroffen sind vor allem Menschen ohne eigenen Pkw bzw. ältere Personen“, weiß Pjeta. Die Ärztekammer befragte auch die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden, „diese betonten nicht nur die Bedeutung von Hausapotheken für die regionale gesundheitliche Versorgung, sondern nehmen diese als letztlich unersetzlichen Teil einer lebendigen Wirtschaft und Nahversorgung vor Ort wahr.“ Einige haben angekündigt, die Ärzteschaft auf parlamentarischer Ebene zu unterstützen.
Auch in Gemeinden mit mehreren Kassenärzten würden die neuen Regelungen des Apothekergesetzes zu einer schrittweisen Ausdünnung der so wichtigen wohnortnahen Versorgung führen.

Überleben der Praxis sichern

„Die Umfrage zeigt sehr deutlich, dass eine Hausapotheke gerade für Ärzte in dezentralen Regionen ein sehr wichtiger Pfeiler ihrer Tätigkeit ist – einige denken ans Aufhören auch aus finanziellen Überlegungen. Und es ist oft praktisch unmöglich, in Gemeinden mit einem Kassenarzt für diese Stelle einen Nachfolger zu finden“, unterstreicht Pjeta. Viele der betroffenen Ärzte fühlen sich von der Gesundheitspolitik im Stich gelassen. Pjeta fordert eine möglichst umgehende Änderung des Apothekengesetzes ein, damit die Versorgung vor Ort sowie das Überleben dieser Kassenpraxen langfristig gesichert ist – „die Kilometerbegrenzung muss wieder aus dem Gesetzestext hinaus kommen!“
Es gibt noch weitere Wünsche der Ärzte an das Apothekengesetz: Vorgeschrieben sind Öffnungszeiten von 8 bis 12 und 14 bis 18 Uhr bzw. am Samstag nur am Vormittag. „Erstens müssten diese Zeiten an die Abendordinationen der niedergelassenen Ärzte der Region angepasst werden. Zweitens muss geklärt werden, wie eine diensthabende Apotheke in einem realistischen Zeitrahmen erreichbar ist“, fordert Pjeta. Ein weiteres Anliegen betrifft die Regelungen für die Lagerhaltung öffentlicher Apotheken: „Es müsste immer ein ausreichender Vorrat an jenen Medikamenten und Hilfsmitteln vorhanden sein, die von den Ärzten der Region am häufigsten verschrieben werden – denn sonst ergeben sich für Patienten teilweise doppelte Wege und unnötige Wartezeiten, weil etwas erst bestellt werden muss.“
Ein ebenso offener Punkt in der Diskussion rund um das Apothekengesetz ist das auch in Ärztekreisen nicht unumstrittene generelle Dispensierrecht – dazu liegen verschiedene Konzepte vor, etwa dass es Ordinationen mit einem sehr umfassenden und solche mit einer Art Basisversorgung an Medikamenten und Hilfsmitteln geben könnte. Damit würde der Alltag der Hausapotheke ganz anders aussehen. Gerade zu diesem Punkt stehen noch heftige Diskussionen zwischen Ärzteschaft und Apotheken, aber auch innerhalb der Ärzteschaft an.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 8/2008

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