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Gesundheitspolitik 28. März 2008

Blickdiagnose: Und die Alten sind nicht an allem schuld

Veränderungen in sozialen Beziehungen, Ehe oder Freundeskreis, und der Eintritt in die Pension konfrontieren ältere Menschen meist mit einer völlig neuen Lebenssituation. Darüber hinaus erhöhen mit zunehmendem Alter die körperlichen Veränderungen und eine eingeschränkte Anpassungsfähigkeit das Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen und Krankheiten. Die gehören ausgeglichen und behandelt, was meist sehr kostenintensiv ist. Da die Zahl älterer Menschen steigt, stellt sich die Frage, ob die Alten schuld am Anstieg der Gesundheitsausgaben sind.

Die Demografie lässt keine Zweifel aufkommen, die Zukunft gehört den Alten: Bis 2050 soll die Lebenserwartung der Frauen auf 90, die der Männern auf 88 Jahre ansteigen. Zum Vergleich: Noch im Jahr 1950 konnten Frauen auf nur knapp 70, Männer auf kaum mehr als 60 Lebensjahre hoffen. Leben schon heute in Österreich gut 1.600 Hundertjährige, könnten es laut Statistik Austria 2053 bereits mehr als 21.000 sein. Und weil der Mensch die meisten medizinischen Leistungen im Alter braucht, könnte die steigende Kostenbelastung den Alten zugeschrieben werden. Zu Unrecht?

In Zeiten, in denen nicht zuletzt aus finanziellen Überlegungen notwendige Gesundheitsreformen diskutiert werden, entwerfen Demografen gemeinsam mit Ökonomen finanzielle Horrorszenarien.
Fakt ist, dass in industrialisierten Ländern die Zahl der Alten auch mangels Fertilisationswillens der Jungen steigt. Fakt ist auch, dass diese Entwicklung schon lange bekannt ist: Bereits in den 1950er Jahren sagte der Club of Rome dieses Szenario voraus. Sozial- und Gesundheitspolitik hätten reagieren können, hätten sie Interesse daran gehabt. Lag das Pensionseintrittsalter 1970 noch bei 62 (Männer) und 60 (Frauen) Jahren, liegt es heute bei 59 (Männer) und 57 (Frauen). Entfielen 1970 auf 1.000 Versicherte 450 Pensionsbezieher, sind es heute 630. Gut 25 Prozent der 8,2 Millionen Krankenversicherten in Österreich sind Pensionisten. Und es werden immer mehr – und diese immer älter und, biologisch bedingt, behandlungsbedürftiger. Fakt ist nämlich auch, dass der Anstieg der Lebenszeit zwangsläufig zu entsprechend überproportionalem Bedarf an innovativen Medikamenten und Therapien führt. Für einen 65-jährigen Menschen werden jährlich rund fünfmal mehr rezeptpflichtige Medikamente verschrieben als für einen 25-jährigen. Und jeden Monat wächst die Zahl der über 65-Jährigen in der industrialisierten Welt um eine Million.
Laut Studien bezieht ein 25-Jähriger im Jahr für 600 Euro Gesundheitsleistungen. Bei einem 65-Jährigen sind es bereits 3.000 und bei einem 90-Jährigen sogar 8.000 Euro. Vor diesem Hintergrund muss die demografische Entwicklung ja schockieren, oder doch nicht?
Beispiel Krebs: Sind 1970 gut 50 Prozent der Diagnostizierten nach fünf Jahren gestorben, überleben heute 80 Prozent die nächsten 20 Jahre und mehr. Krebskranke werden zu chronischen Patienten, die dann zeitlebens sündteure Arzneimittel zu sich zu nehmen müssen.
Dabei hat für den Anstieg der Lebenserwartung die Medizin mit nicht einmal 30 Prozent den geringsten Beitrag geleistet. Am meisten dazu beigetragen haben Bildung, Sozialsysteme, Arbeitsmarktsicherheit und Abbau sozialer Ungleichheiten. Alles Faktoren, die der gesamten Gesellschaft und ihrem Wohlstand zugute kommen und verantwortlich sind für das jährlich steigende BIP – von dem die Gesundheitsausgaben mit 26 Milliarden Euro lediglich rund zehn Prozent ausmachen. Und ein immer größer werdender Wirtschaftsfaktor – auch für die Gesundheitsindustrie – sind ältere Menschen.
Allein die von Alten zusätzlich erbrachten Wirtschafts-(Konsum-) Leistungen heben ihre Mehrkosten für das Gesundheitssystem auf. Abgesehen davon, dass laut Untersuchungen für bis zu 95 Prozent des bisherigen Anstiegs der Gesundheitsausgaben strukturbedingte Faktoren verantwortlich waren – und nicht demografische.

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