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Gesundheitspolitik 28. März 2008

Altenpflege – eine Baustelle ohne Ende

Wie groß die Pflege-Baustelle wirklich ist, lässt sich derzeit nur ahnen. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Zahl der Pfleglinge fast verdoppelt. Laut neuesten Berechnungen werden die Aufwendung bis 2030 auf fast zehn Milliarden Euro anwachsen.

„Im Nationalrat gelang ein wichtiger Schritt zur praxisnahen Ausgestaltung der Personenbetreuung“, zeigte sich der stellvertretende Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich, Reinhold Mitterlehner, erfreut. Die neue Regelung stellt klar, dass Personenbetreuer – gleichgültig, ob sie unselbständig oder selbständig als Gewerbetreibende tätig sind – bei der Nahrungs-, Flüssigkeits- und Arzneimittelaufnahme, bei der Körperpflege, beim An- und Auskleiden, bei der Benützung der Toilette sowie beim Aufstehen, Niederlegen, Niedersetzen und Gehen Unterstützung leisten dürfen. Andere pflegerische Tätigkeiten können im Einzelfall im Rahmen einer 24-Stunden-Betreuung Angehörigen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege übertragen werden.
Als einen Schritt in die richtige Richtung bezeichnete dies der Caritasdirektor, der auch die Zustimmung der Ärztekammer fand. Schließlich wird damit einem Großteil der Betreuungspflichtigen wirklich geholfen. Die Tatsache, dass schon 3.400(!) Anmeldungen für das Gewerbe der Personenbetreuung innerhalb von nur zwei Monaten vorliegen, soll zeigen, dass nunmehr die Regelung endlich angenommen wird. Das Schönreden der Politik soll das unendliche Hin und Her, die Amnestieverlängerung und die vollkommen unzureichende finanzielle Unterstützung vergessen machen.

Konkurrenzdenken

Auch andere finden die Lösung gar nicht super. Wenn auch aus anderen Gründen. Gewerkschaft, Interessenvertretungen und Pflegeeinrichtungsbetreiber sehen hier nur die Konkurrenz. Welche eigentlich? Laut offiziellen Stellen arbeiten in Österreich 40.000 Betreuungskräfte. Viele davon noch illegal. Diese betreuen ganz offensichtlich 20.000 Pfleglinge in deren eigenen vier Wänden. Man kann nur schätzen, wie viele weitere Angehörige im Familienverband ohne Fremdhilfe gepflegt werden. Und das in einem Eins-zu-eins-Schlüssel, während in institutionellen (kommerziellen) Pflegeeinrichtungen eine Personalquote von zumindest eins zu zehn besteht. Ganz zu schweigen davon, dass diese Betriebe eine Perfektion in der Pflegestufenoptimierung an den Tag legen, von denen die Einzelbetreuten nur träumen können.

Änderungen ändern

Die Angst um den Arbeitsplatz dürfte auch von den Interessenvertretern der Pflegeberufe suggeriert sein. Wegen der steigenden Zahl an älteren Menschen wächst der Bedarf an Pflegepersonal. Die Gemeinde Wien hat ein Programm, mit dem Arbeitslose und Berufs-Wiedereinsteiger eine Ausbildung für den Pflegeberuf bekommen. Insgesamt wurden etwa 1.000 Personen umgeschult. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Die drohende Verdrängung von qualifiziertem Personal wird noch lange auf sich warten lassen. Zur Senkung der Arbeitslosenquote scheint ja die Nachfrage bei Pflegekräften ohnehin nicht geeignet zu sein. Da sorgt das soziale Netz für Arbeitslose besser als für Pflegebedürftige. So gesehen hätte ÖGB-Chef Hundsdorfer Recht, wenn er sagt: „Die Änderungen beim Pflegegesetz müssen geändert werden“, allerdings aus einem anderen Grund. Denn hätten sich die Herrschaften bislang Sorgen um Pflegebedürftige gemacht, hätten sie eigentlich schon viel früher und vehementer reagieren müssen.

Enormes Wachstum

Wie groß die Baustelle wirklich ist, lässt die zuletzt von Sozialminister Buchinger vorgestellte Studie nur ahnen. Mittlerweile ist die Anzahl der Pflegegeldbezieher auf fast 400.000 Personen angewachsen. Vor zehn Jahren waren es nur 257.000. Das Wirtschaftsforschungsinstitut sagt bis 2030 ein enormes Wachstum der Pflegegeldkosten voraus. 2006 wurden an Geldleistungen 1.922 Milliarden Euro und 1.332 Milliarden Euro an Sachleistungen aufgewandt. In einem Worst-Case-Szenario sollen die 3.255 Milliarden Euro bis 2030 auf fast zehn Milliarden anwachsen. Satte 200 Prozent! Unberücksichtigt ist dabei die Einschätzung von Fachleuten, die davon sprechen, dass 80 Prozent der Pflegeleistungen durch Angehörige oder im Sinne einer Nachbarschaftshilfe ohne Professionalisierung erbracht werden. Dies ist umso beachtlicher, als fast 28 Prozent der Pflegegeldbezieher den Pflegestufen 4 bis 7 zuzurechnen sind und dabei 70 Prozent der Mittelaufwendungen binden. 78 Prozent der Pflegegeldbezieher sind über 70 Jahre alt. 23 Prozent davon sind in den Pflegestufen 4 bis 7. In Anbetracht der demografischen Entwicklung ist mit einem beachtlichen Wachstum zu rechnen, sowohl was die Zahl der Bezieher als auch die Pflegegeldeinstufung betrifft.
Zurzeit umfasst der Anteil der Legalzessionen an Betreibern von Pflegeeinrichtungen etwa elf Prozent. Weder die Statistik Austria noch der Hauptverband oder das Sozialministerium vermögen die aktuelle Anzahl der Pflegebetten in Österreich exakt zu beziffern. Österreichweit dürfte es an die 1.000 Heime mit insgesamt 50.000 Betten geben. Insgesamt dürfte daher die aktuelle Darstellung Minister Buchingers, wonach die Gesamtausgaben in Sachen Pflege mit 3,2 Milliarden Euro oder 1,13 Prozent des BIP betragen und auf 2,31 Prozent anwachsen werden, schöngeredet sein. Völlig unberücksichtigt blieben z.B. die Aufwendungen und deren Entwicklung in Sachen medizinische Hauskrankenpflege und Geriatriezentren. Mit den derzeit seitens der Sozialversicherung ausgewiesenen zwölf Millionen Hausbesuchen dürfte weder der wahre Bedarf dargestellt, noch die zukünftige Entwicklung seriös abzuschätzen sein. Alleine die ärztliche Betreuung wird sich 2030 mit über vier Milliarden zu Buche schlagen – von den Medikamentenkosten mit jährlichen Wachstumsraten von sieben Prozent ganz zu schweigen.

 Bundespflegegeldbezieher

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