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Zahnheilkunde 31. März 2008

Fluoridlack-Einsatz bei Kindern

Die einmal beziehungsweise zweimal jährliche Anwendung von Fluoridlack (5% NaF) erzielt in einer randomisierten klinischen Studie bei initial kariesfreien Kleinkindern im Alter von durchschnittlich 1,8 Jahren eine signifikante und dosisabhängige Reduktion der Kariesinzidenz.
Kariesschäden können schon bei Kleinkindern bereits kurz nach Durchbruch der Milchzähne auftreten. In Kalifornien (USA) sind insbesondere Kinder einkommensschwacher Einwandererfamilien (Chinesen, Lateinamerikaner) betroffen, die eine kostspielige zahnärztliche Behandlung oft nicht finanzieren können. Die Kariesinzidenz (= 1 kariöser, extrahierter oder gefüllter Milchzahn) wurde nach einer landesweiten Erhebung von 1993–94 (oral health needs assessment; Pollick et al. 1999, The Dental Health Foundation) bei Vorschulkindern mit 14 Prozent angegeben. Bei Kindern asiatischer oder lateinamerikanischer Herkunft lag sie mit 44 bzw. 39 Prozent deutlich höher.

Wirksamkeit mit zahlreichen Studien bewiesen

Fluoridlacke sind konzentrierte topische Fluoridpräparate auf Harz- oder synthetischer Basis. Zur Wirksamkeit von Flouridlacken liegen bereits zahlreiche Studien vor, wobei ihre Effizienz in der Regel bei Schulkindern mit bereits bleibenden Zähnen untersucht wurde. Das National Institute of Health (NIH 2001) sieht unterschiedliche Evidenzen für die Wirksamkeit von Fluoridlack bei Milchzähnen und bleibenden Zähnen. Während die Experten die Effizienz von Fluoridlackapplikationen bei bleibenden Zähnen für erwiesen halten, sehen sie bei Milchzähnen keine eindeutigen Hinweise auf einen Benefit. Daher sollte in dieser zweijährigen, randomisierten klinischen Studie aus San Francisco (USA) die Effizienz (Kariesprävention) einer Fluoridlackbehandlung bei initial kariesfreien Kleinkindern bestimmt werden, wenn die Eltern beziehungsweise Betreuer zusätzlich ausführlich beraten werden.

Studiendesign

Die Studie wird an zwei Gesundheitszentren in San Francisco (seit 1952 fluoridiertes Trinkwasser, ca. 1 ppm) durchgeführt, die vornehmlich die Versorgung einkommensschwacher Familien (Lateinamerikaner, Chinesen) gewährleisten. Einschlusskriterien für die Aufnahme in die Studie sind: das Vorhandensein von vier Oberkieferfrontzähnen, kariesfreie Milchzähne ohne demineralisierte, weiße Flecken, Alter zwischen 6 und 44 Monaten, in San Francisco oder unmittelbarer Umgebung geboren und dort geplanter Aufenthalt für mindestens weitere zwei Jahre (d. h. gleiche Fluoraufnahme über Trinkwasser/Kovariante). Kinder mit Gesundheitsproblemen beziehungsweise einer medizinischen Behandlung, die die Zahn-/Mundgesundheit beeinflusst, mit Gaumen-/Lippenspalten oder Entwicklungsstörungen beziehungsweise häufigem Wohnortswechsel werden von der Teilnehme ausgeschlossen. Des Weiteren darf nur ein Kind pro Familie an der Studie teilnehmen.
Die Rekrutierung erfolgte zwischen Oktober 2000 und August 2002, wobei die Mehrzahl der 376 Kinder aus Gesundheitsprogrammen stammt. Die Nachfolgeuntersuchungen wurden im August 2004 abgeschlossen. Die Teilnehmer (53 % Mädchen, 47 % Lateinamerikaner, 46 % Asiaten, 5 % andere ethnische Herkunft) wurden für den Studienzeitraum nach dem Zufallsprinzip auf drei Studienarme verteilt: 1. Elternberatung plus zweimal jährliche Fluoridlackbehandlung (Baseline, 6, 12, 18 Monate; 4FV); 2. Elternberatung plus einmal jährliche Fluoridlackbehandlung (Baseline, 12 Monate; 2FV); 3. Elternberatung, keine Fluoridlackbehandlung (0FV).
Die zahnärztliche Untersuchung zur Erfassung kariöser Schäden (Kariesinzidenz gemäß NIDCR-Diagnosekriterien) wurde zu Beginn der Studie (Baseline) sowie nach einem und zwei Studienjahren von einem Kinderzahnarzt durchgeführt, der die Studiengruppenzugehörigkeit der Teilnehmer nicht kennt. Weiterhin sammelten die Untersucher Speichelproben, um eine bakterielle Infektion mit Streptococcus oder Lactobacillus detektieren und den Fluorgehalt im Speichel bestimmen zu können. Die Eltern/Pfleger aller Studiengruppen erhielten einmal pro Jahr eine zahnmedizinische Beratung mit altersentsprechenden Empfehlungen für ihre Kinder (gemäß der American Academy of Pediatric Dentistry’s/AAPD) in ihrer bevorzugten Sprache. Außerdem befragte man sie in ihrer Muttersprache bezüglich Kariesfaktoren in der Kindheit, potenzieller Mitverursacher sowie Modifikatoren wie biologische, soziodemografische und Verhaltensfaktoren einschließlich Fragen zu Mundhygiene, Ernährung und Gebrauch von Trinkfläschchen.

Behandlungsschritte der Fluoridanwendung

Für die Fluoridbehandlung bringt der Zahnarzt je einen Tropfen (0,1 ml; Duraphat®-Fluoridlack; Colgate Oral Pharmaceuticals New York, USA) pro Zahn auf die mit Gaze getrockneten Zähne auf. Dabei werden alle Oberflächen der maxillären und mandibulären Vorderzähne sowie die proximalen und occlusalen Oberflächen der hinteren Zähne behandelt. Die Kontrollgruppe erhält nur eine Gazebehandlung ohne Fluoridlack. Die Behandlung gestaltet sich selbst bei jüngeren Kindern unproblematisch. Am Behandlungstag soll keine Fluoridzahncreme zur Zahnreinigung der Kinder verwendet werden, um die Fluorbelastung zu diesem Zeitpunkt zu limitieren. Versehentlich wird ein Teil der Kinder ein oder mehrere Male mit einer Placebolösung statt wie geplant mit einer Fluoridlacklösung behandelt. Dadurch wird nur ein Kind der 4FV-Gruppe auch tatsächlich viermal mit der Verumlösung behandelt. Diese Protokokollverletzung wird bei der Analyse berücksichtigt. Treten bei der ersten Nachuntersuchung nach einem Jahr Kariesschäden auf, was bei 51 der insgesamt 261 für die erste Nachfolgeuntersuchung vorgestellten Kinder der Fall war, werden die Kinder zahnärztlich behandelt und von der weiteren Studienteilnahme ausgeschlossen.

Ergebnisse

Der primäre Outcome zeigt signifikante Unterschiede zwischen den verschiedenen Studienarmen: Mit Fluoridlack-behandelte Kinder (zwei bzw. vier tatsächliche oder beabsichtigte Behandlungen) weisen signifikant weniger geschädigte Zähne auf als Kinder der Kontrollgruppe (abhängig vom Testverfahren p < 0,001–0,034, Intentionto-Treat p > 0,01). Dabei sinkt die Zahl der Kinder mit Karies linear mit der Zahl der Fluoridapplikationen (p < 0,001). Werden ausschließlich die Daten der tatsächlich verwendeten Verumlösungen analysiert, bleibt dieses Ergebnis ebenfalls erhalten (p < 0,01; 1x/Jahr: OR = 2,20, 95% KI, 2x/Jahr: OR = 3,77, 95% KI). Dabei wird die Fluoridbehandlung gut vertragen. Nebenwirkungen werden nicht dokumentiert.
Aufgrund dieser Daten erscheint bereits eine sehr frühe Fluoridbehandlung der Milchzähne im Kleinkindalter insbesondere bei Kindern mit hohem Kariesrisiko als empfehlenswert, um einer Kariesentwicklung effektiv entgegenzuwirken.

J. A. Weintraub, F. Ramos-Gomez,
B. Jue, S. Shain, C. I. Hoover, J. D. B. Featherstone, S. A. Gannsky (Center to Address Disparities in Children’s Oral Health Resarch Center of Discovery, University of California, San Francisco School of Dentistry, USA): Fluoride varnish efficacy in preventing early childhood caries.
J Dent Res 85 (2006) pp. 172–176.

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