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Zahnheilkunde 24. Juli 2008

„Erst verlieren wir unsere Werte, dann unseren Wohlstand!“

Die Beschäftigung mit Werten in der Mitarbeiterführung wird künftig zu einem absoluten Muss werden. Warum?
Knoblauch: Im Jahr 2015 fehlen in Österreich mehr als eine Million Arbeitskräfte. Das wird die medizinischen Bereiche genauso treffen wie alle anderen. Und wenn da ein Arzt noch Wert auf besonders fähige, talentierte Mitarbeiter legt, dann wird es hammerhart! Denn wir befinden uns bereits heute im „Krieg um die Talente“! Und gerade in der Medizin kommt es auf das gesamte Praxisteam an: Der Patient kommt wegen der Menschen in die Praxis und nicht nur wegen einer Behandlungsmöglichkeit.

Sie sagten kürzlich in einem Vortrag: „Streuen Sie Ihren Mitarbeitern Rosen und bezahlen Sie ihnen, was sie wollen!“ Was ist aber, wenn zum Beispiel eine Assistentin weit überzogene Gehaltsvorstellungen hat? Hat das Geld heute nicht den höchsten Stellenwert im Leben eines durchschnittlich verdienenden Mitarbeiters?
Knoblauch: Menschen sind eben einmal sehr unterschiedlich. Das gilt auch in Bezug auf ihre Leistung. Es gibt A-, B- und C-Mitarbeiter. Der A zieht den Karren, der B geht nebenher und der C setzt sich oben drauf und lässt sich ziehen. Und gerade für einen Zahnarzt ist es wichtig, Assistentinnen zu haben, die mitdenken, einfühlsam sind, Ordnung und Sauberkeit halten, eine große Fachkompetenz haben, ihn entlasten usw., also A-Mitarbeiter sind. Die Erfahrung ist:
Einen A-Mitarbeiter kann man eigentlich nicht überbezahlen. Er kniet sich in die Praxis hinein, als ob sie seine eigene wäre – und so jemand ist immer mehr wert als man ihm bezahlt. Deshalb schreibe ich ihm auch einen „Liebesbrief“. (Eine entsprechende Vorlage, nicht nur für A-Mitarbeiter, sondern auch für B- und C-Mitarbeiter finden Sie unter www.abc-strategie.de/formulare.)

Was mache ich mit Mitarbeitern, die „nur neben dem Karren hergehen“?
Knoblauch: Diese brauche ich genauso zur Aufrechterhaltung meines Praxisbetriebes. Deshalb verdienen sie auch eine faire Chance: Ich als Arzt und Führungskraft muss ihnen ganz klar kommunizieren, was ich mir von ihnen erwarte, welche Aufgaben sie zu erfüllen haben, welche Ziele sie mitverfolgen müssen usw. Darüber hinaus brauchen sie intensive Trainings beziehungsweise Schulungen und gezielte Förderungen in ihren schwächeren Bereichen.

Und was ist mit Praxisangehörigen, die sich nur von anderen (mit-)ziehen lassen?
Knoblauch: Jack Welch, der ehemalige Chef von General Electric, sagt an dieser Stelle: „Der C-Mitarbeiter, selbst wenn er umsonst arbeiten würde, er ist zu teuer.“ In anderen Worten: Man muss den Mitarbeiter konfrontieren und mit ihm klären, ob er rein will oder raus. Beides ist okay, aber an dieser Stelle kann er nicht bleiben.

Mit welchen Werten halte ich heute Mitarbeiter am ehesten: mit Geld, mehr Freizeit, Statussymbolen …?
Knoblauch: Man unterscheidet zwischen materieller Anerkennung, also Geld, Gewinnbeteiligung usw., und immaterieller Anerkennung. Das ist dann ein werteorientierter Umgang – mitentscheiden können, Lob, Dank, Anerkennung usw. Natürlich ist Geld wichtig. Aber Geld ist ein „Hygienefaktor“ – soll heißen: Wenn das Geld stimmt, vor allem auch im Vergleich zu meinen Kollegen, dann hat ein deutliches Mehr an Geld keine große motivatorische Wirkung. Einem A-Mitarbeiter wird die Arbeit immer sehr wichtig sein. Wenn jetzt das ganze Umfeld auch stimmt, dann macht ihm die Arbeit noch mehr Spaß – und er will bleiben!

Ein niedergelassener Zahnarzt hat oftmals keine Ressourcen – wie größere Betriebe –, sich mit professioneller Mitarbeiterführung auseinander zu setzen. Welche Chancen hat er in Zukunft?
Knoblauch: Die große Chance einer Zahnarztpraxis ist, dass sie überschaubar ist. Der Chef hat also Vorbildcharakter. Vorbild sein, ist das wichtigste Instrument, wenn auch nicht immer das einfachste. Auch muss man nicht schriftlich kommunizieren. Man ist ja jeden Tag zusammen unterwegs. Ich bin ein großer Fan von meinem Zahnarzt. Nicht nur, weil er fachlich einfach große klasse ist. Nein, auch deshalb, weil er so etwas wie „dienende Leiterschaft“ praktiziert. Er ist für seine Mitarbeiter da, unterstützt, fördert usw. – einfach vorbildlich.

Braucht ein Zahnarzt besondere Kompetenzen, um dieser sozialen Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern gerecht zu werden?
Knoblauch: Er braucht keine anderen Kompetenzen als jeder andere Chef auch. Ich nenne mal die fünf wichtigsten: Überzeugungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Konfliktstabilität, Teamverhalten und Kritikfähigkeit.

Gibt es Anhaltspunkte, anhand welcher ich bereits im Bewerbungsgespräch herausfinden kann, ob sich die individuellen Interessen der Bewerbenden mit meinen Werten als Arzt vereinbaren lassen?
Knoblauch: Oft werden Mitarbeiter bereits nach einem Gespräch eingestellt. Das kann nicht gut gehen. Wer wirklich auf Talentsuche ist, braucht mehrere Interviews. Die ganze Frage nach Werten und Softskills wird sich nicht im ersten Interview erschließen. Da muss man erst einmal nachdenken, welche weiteren Fragen wieder gestellt werden müssten; möglicherweise auch noch einmal Referenzen einholen. Wenn irgendwie möglich, sollte der Arzt das Interview auch nicht allein führen. Warum nicht eine Assistentin dazu nehmen, die ein Faible für Menschen hat? Frauen sehen die Dinge anders als Männer.
Wer allerdings werteorientierte Mitarbeiter sucht, der muss im Übrigen Fragen stellen, die diese Werte ans Tageslicht bringen. Neulich war ich in einem Unternehmen, da hat der Chef gefragt: Sagen Sie mal, wenn Sie ein Buch ausgeliehen haben und dieses wieder zurückbringen, wie geschieht denn so etwas ganz konkret? Ist das eingepackt? Ist da eine Thank-you-Note dabei? Haben Sie das einigermaßen pünktlich zurückgegeben?, Und: Wenn Sie an den Ölwechsel an Ihrem Auto denken, halten Sie Kundendiensttermine ein? Usw.

Kann man Mitarbeitern antrainieren, bestimmte Werte zu leben, oder ist der Wertebildungsprozess mit einem bestimmten Alter abgeschlossen?
Knoblauch: Wir, in unserem Team, haben uns gemeinsame Werte gegeben. Die haben wir auf ein scheckkartengroßes Kärtchen (siehe Abbildung Persönliche Werte/Business Werte) gedruckt. Wir machen hin und wieder sogenannte „Umsetzungsmeetings“. Wir reden zum Beispiel über den Wert „Ehrlichkeit“. Jemand, der schon länger im Unternehmen ist, berichtet, was ihm Ehrlichkeit bedeutet, und vielleicht macht das auch jemand, der erst seit Kurzem dabei ist. Wir reden dann darüber, wie ehrlich bin ich? Wie ehrlich denke ich, dass meine Vorgesetzten sind? Wie ehrlich sind wir als gesamte Firma? Wenn die Kultur im Hause so ist, dass man solche Fragen nicht in Offenheit diskutieren kann, dann gibt es auch ein Institut, das man mit einer solchen Wertebefragung beauftragen kann (www.shared-values.de). Die Auswertung dieser Untersuchung kann dann diskutiert werden.

Aber warum erlebt die Thematik „Werte leben und auch im beruflichen Umfeld umsetzen“ derzeit solch einen Boom? Worauf ist das zurückzuführen?
Knoblauch: Vom berühmten Management-Autor Jim Collins gibt es das Buch „Immer erfolgreich“. Was Collins sagt: Wenn man Firmen untersucht, die langfristig Erfolg haben, dann sind es eben genau diejenigen, die zu dem stehen, was sie sagen. Am Ende wird also nicht die Mafia siegen, sondern die, die Werte ganz bewusst leben. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Werteverlust, den wir derzeit erleben, uns in eine große Krise stürzen wird. Erst verlieren wir unsere Werte, dann verlieren wir unseren Wohlstand.

Quelle: Tempus Verlag

Scheiderbauer, Zahnarzt 8/2008

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