zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 5. Mai 2008

Arbeiten – von Frust zu Freude, von Resignation zu Lust

„70 Prozent aller Berufstätigen haben keinen Spaß an und bei der Arbeit“, belegen wissenschaftliche Studien. Im Gespräch mit dem ZahnArzt verrät Peter F. Kinauer, Erfolgs- und Motivationstrainer, wie es dennoch gelingen kann, selbst unliebsame Tätigkeiten mit Freude zu verrichten.

In Ihrem aktuellen Bestseller „So macht Arbeit Spaß“ sagen Sie: „Nur wer gerne arbeitet, arbeitet auch gut!“ Doch was ist mit all den ungeliebten Tätigkeiten, die man Tag für Tag verrichten muss?
Kinauer: Fest steht, dass es überhaupt keinen Beruf auf der ganzen Welt gibt, in dem alles nur super ist. In jedem Beruf gibt es Tätigkeiten, bei denen man sich denkt: „Mi g’freits überhaupt nit!“ Oft hängt es auch damit zusammen, dass man eine Arbeit als minderwertig ansieht. Ist es so, kann man sich vor Augen führen: Es ist nicht die Arbeit, der etwas Schlechtes anhaftet, sondern meine innere Einstellung, mit der ich die Arbeit beurteile. Darüber hinaus empfiehlt es sich, gerade bei unliebsamen Tätigkeiten, sich voll und ganz auf das Ergebnis zu konzentrieren oder sich das gelungene Ergebnis gleich bildlich vorzustellen; wie zum Beispiel im Fall einer Amalgamfüllung, die den Zahnarzt viel Zeit kostet und wenig Geld bringt. Hier sollte ich versuchen, mir vorzustellen, wie der desolate Zahn aussehen wird, wenn ich einmal mit meiner Arbeit fertig bin. Denn unabhängig davon, ob eine Arbeit mehr oder weniger Geld bringt, ob der Patient meinen Einsatz mehr oder weniger wert schätzt und mehr oder weniger kooperiert – auf ein gutes Arbeitsergebnis kann und muss ich immer stolz sein.

Wie schaffe ich es, auch an einem Montagmorgen meinen Mitarbeitern Spaß an der Arbeit zu vermitteln, wenn sogar ein Radiomoderator mit Kommentaren wie „Gott sei Dank, es sind nur noch fünf Tage bis zum Wochenende!“ bereits schlecht auf die Woche eingestimmt hat?
Kinauer: Ich habe einen sehr großen Bekanntenkreis – und da sind auch einige Ärzte dabei. Leider stelle ich aber immer wieder fest, dass auch sie als Chefs mit einem grantigen Gesicht ihre Praxen oder Abteilungen betreten. Sie erzählen mir selbst, dass ihre Laune morgens gleich noch weiter abstürzt, wenn sie sehen, dass Termine zu knapp hintereinander gelegt wurden, der erste Patient eine halbe Stunde zu früh hereinbestellt wurde usw. Der Praxissegen hänge an solch einem Morgen gleich in der Früh schon komplett schief. Glücklicherweise gibt es aber auch solche, die ihr Team, unabhängig davon, was es wieder angestellt haben könnte, zuerst einmal mit einem „Wunderschönen guten Morgen!“ begrüßen und unabhängig von allem Anstehenden zuerst einmal gute Laune versprühen. Jeder Mitarbeiter verdient das! Genauso, wie kein Arzt sich grantige Mitarbeiter verdient hat, gibt es keine Mitarbeiter, die sich schon in der Früh einen grantigen Chef verdient haben. Ein mir bekannter Zahnarzt, hier in Wien, trinkt mit seinen Assistentinnen in der Früh sogar noch eine Tasse Kaffe – und seine Mitarbeiterinnen gehen für ihn „durch das Feuer“.
Es geht mir aber nicht um das Frühstücken, sondern um die Tatsache, dass man gerade als Vorgesetzter enorme Kraft besitzt, alle mitzureißen oder alle niederzumachen. Und gerade in der Zahnmedizin, wo man mit seinen Assistentinnen am Patienten auf Tuchfühlung arbeitet, ist die Freude für alle spürbar – oder auch nicht! Das Sprichwort: „Der Fisch beginnt immer am Kopf zu stinken“ ist nicht vollkommen aus der Luft gegriffen.

Manche Ärzte fürchten jedoch, dass sie, wenn sie Mitarbeiter freundschaftlich behandeln oder gar mit ihnen scherzen, ihre Autorität verlieren könnten. Wie sehen Sie das?
Kinauer: Kennen Sie Jack Welch* von General Electric? Er sagt: „Wenn ich durch das Haus gehe und die Mitarbeiter lachen nicht, weiß ich gleich, dass bald ein paar kündigen werden!“
Aber zurück zu Ihrer Frage: Nein, nur weil man zu seinen Mitarbeitern eine freundschaftliche Beziehung pflegt, braucht man keine Angst zu haben, dass man seinen Einfluss als Teamleader verliert. Das Gegenteil ist der Fall!

Wo ist die Grenze, hinter welcher der Spaßfaktor so groß wird, dass die Arbeit nicht mehr mit genügend Ernst gemacht wird und die Qualität zu leiden beginnt?
Kinauer: Spaß, als „Fun“ verstanden, hat nichts mit „herumkasperln“ zu tun. Das wird bei uns vielfach falsch ausgelegt. Spaß an der Arbeit ist als Freude an der Arbeit oder bei der Arbeit zu verstehen. Dann gibt es auch diese Grenze nicht. Es ist sogar bewiesen, dass Teams, in denen die Stimmung gut ist, bessere Ergebnisse erbringen als vergleichbare Teams, in denen die Stimmung schlechter ist.

Was mache ich aber, wenn ich in meinem Praxisteam einen „notorischen Grantler“ habe?
Kinauer: Wenn jemand absolut nicht bereit ist, sein Verhalten zu ändern, muss ich mich von ihm trennen. Denn selbst wenn diese Person fachlich sehr gut ist, kann sie das Gruppenleistungsergebnis mit ihrem asozialen Verhalten unglaublich tief hinunterdrücken:
Ich wurde einmal in eine Firma geholt, weil das Arbeitsklima nicht mehr zum Aushalten war. Alle bisherigen Coachings hatten nichts geholfen, die beste Verkäuferin des Geschäfts dazu zu bewegen, mit ihren Kollegen etwas freundlicher umzugehen. Nachdem wir uns mit ihr auseinandergesetzt hatten, empfahlen wir der Firma, sich von ihr zu trennen. Die Firma wagte diesen Schritt – und das Ergebnis war beeindruckend. Ihre Kündigung entlastete alle übrigen Mitarbeiter emotional derart, dass sie mit einem Mal Umsätze machten, die zuvor auch mit der Spitzenverkäuferin im Team niemals erzielt worden waren. Sie übertrafen alle Erwartungen der Geschäftsführung. Es bewies sich, dass ein einziger notorischer Grantler eine ganze Gruppe restlos demoralisieren kann.

Wenn Sie Zahnarzt wären, wie würden Sie entscheiden, ob eine Bewerberin für Sie als Assistentin infrage kommt?
Kinauer: So viel ich gehört habe, müsste ich überhaupt froh sein, eine zu bekommen (lacht!). Das ist aber heute überall so, wenn man gute Mitarbeiter will … Auf jeden Fall würde ich niemals im Leben eine nehmen, zu der ich sagen müsste, dass sie freundlich sein solle oder gute Laune an den Tag legen müsse. Das funktioniert nicht.
Dazu fällt mir das Auswahlverfahren für eine Fernsehshow, die auch im deutschen Raum ausgestrahlt wurde, ein: Der Produzent verkleidete sich als alter, einfach gekleideter Chauffeur und holte die potenziellen Kandidatinnen für die Show selbst vom Flughafen ab, um sie so besser einschätzen zu können. Kandidatinnen, die ihn als Chauffeur von oben herab behandelten oder überhaupt ignorierten, bekamen daraufhin gar nicht mehr die Chance, in der Show aufzutreten. Ähnliches sollte meiner Meinung nach für eine Zahnarztpraxis gelten: Die primäre Frage sollte sein, wie wird die Bewerberin im Alltag mit den Patienten umgehen – einfühlsam und hilfsbereit oder von oben herab und genervt. Ich würde als Zahnarzt versuchen, mehr von ihrer Einstellung zu erfahren: indem ich etwa einen Bleistift während des Bewerbungsgesprächs so hinunter fallen lasse, dass er ihr vor die Füße rollt. Dann sehe ich schon, ob sie intuitiv und selbstverständlich mir zu Hilfe eilt oder einfach nur dasitzt und abwartet. Natürlich könnte eine andere Assistentin im Vorbeigehen das gleiche Spiel mit etwas anderem machen. Dann lernt man die Einstellung einer Person schon etwas besser kennen.

Gibt es Momente, in denen auch Sie erschöpft oder verzagt sind? Wie motivieren Sie sich?
Kinauer: Ich habe über sehr viele Jahre Leistungssportler trainiert und dabei auch mir selbst eine relativ hohe mentale Stressresistenz antrainiert. Doch das ausgezeichnete Arbeitsklima und die glückliche Partnerschaft sind meine beiden eigentlichen Jungbrunnen. Letzte Woche war ich mit meiner Frau auf Tirolurlaub: Das einzige, was meine Balance heute noch ins Wanken bringt, sind die Einkäufe meiner Frau (lacht!).

 Drei Tipps

Quelle: „So macht Arbeit Spaß!’“
60 Impulse für mehr Motivation im Job, von Peter F. Kinauer

*Anmerkung der Redaktion:
Welch steigerte den Umsatz von General Electric von 27 Milliarden US-Dollar im Jahr 1981 auf 130 Milliarden US-Dollar im Jahr 2001. Das Privatvermögen von Jack Welch wird auf 900 Millionen US-Dollar geschätzt (Stand: 2005). Quelle: Wikipedia

Scheiderbauer, Zahnarzt 5/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben