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Zahnheilkunde 24. Juli 2008

Amalgam – Euphorie nach einer Münchner Studie

Anfang April wurde eine aufwändige Studie der Universität München (Klinikum rechts der Isar und Technische Universität, Studienleiter PD Dr. med. Dieter Melchart) zum Thema Amalgam präsentiert – und in den österreichischen Medien so gedeutet, dass Amalgam ungiftig und ein Austausch daher unnötig sei. In den Fernsehnachrichten billigte Prof. DDr. Andreas Schedle, Universitätsklinik für ZMK, Wien, einen Amalgamersatz nur bei allergischen Problemen zu und der ORF-Moderator Armin Wolf meinte dazu, dass sich somit die Zuseher vor einigen Jahren die teuren Sanierungen sparen hätten können.
In der U-Bahn konnte man aufgebrachte Diskussionen über geschäftstüchtige Zahnärzte verfolgen, zumal auch die Gratiszeitung darüber berichtete ...

Hintergrundinformation

Im Jahr 1995 hatten etwa 1.500 Patienten eine Sammelklage gegen das Chemieunternehmen Degussa, heute Evonik Industries, eingebracht. Daraufhin hat der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft eine große Summe zur Verfügung gestellt, um Schädigungspotenzial des Amalgams sowie diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zu erforschen. Eine groß angelegte Vorstudie und fünf Projekte, die über zwölf Jahre laufen sollten, wurden durchgeführt.
In der Vorstudie – multizentrische Erhebung zu zahnärztlichem Materialstatus und Beschwerdeprofil – erhielten 6.744 Patienten aus 34 deutschen Zahnarztpraxen Fragebögen und wurde weiters ein Zahnstatus erstellt. 4.787 Bögen wurden dann schließlich ausgewertet (Patientenalter: 21–60 Jahre). Es fand sich keine signifikante Korrelation zwischen Auftreten und Intensität bestimmter Symptome und der Anzahl der Amalgamfüllungen. Patienten, die zur Amalgamentfernung kamen, wiesen mehr Beschwerden auf.

Amalgamprüfung über fünf Projekte

Projekt I: Einfluss von „low dose“-Effekten des Amalgams auf verschiedene Zelltypen
Quecksilber-II-Chlorid zeigte auf Monozyten erst in hohen Dosen Effekte, auf Lymphozyten dagegen wirkte es bereits in niedrigen Konzentrationsbereichen als suppressiv. Eine Aussage über Invivo-Wirkungen lässt sich daraus laut Studienleiter nicht ableiten. Die Anpassungsreaktion von Zellen auf Stressreize wie Fiebertemperaturen, oxidativen Stress, Äthanol, Umweltgifte (z. B. Kadmium) ist nach Exposition mit Hg²+ bzw. Ag²+ in vitro vermindert (z. B. Leber-, Nieren- und Nervenzellen). Möglicherweise werden dabei auf zellulärer Ebene unzureichend Stress-Proteine produziert.
Projekt II: Retrospektive Analyse von Falldarstellungen „Amalgamgeschädigter“ zu Symptomatik, möglichen Ursachen und toxikologischer Bewertung
Aus dem DegussaVerfahren wurden 250 Fragebögen nach einem Zufallsprinzip ausgewählt (65 % Frauen, Durchschnittsalter 43 Jahre). Aus der Auswertung ergaben in Folge die häufigsten Beschwerden: Kopfschmerzen (60 %), Konzentrationsschwäche (39 %), Depressionen (38 %), Müdigkeit und Sehstörungen (34 %). Insgesamt wurden über 300 Beschwerden angeführt. Es konnte ein Zusammenhang zwischen dem Alter bei der ersten Amalgamversorgung und dem Alter beim ersten Auftreten der Beschwerden gezeigt werden. Die Betroffenen geben auch einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Sanierung und Besserung der Beschwerden an. Die Gesamtzahl der Amalgamfüllungen korrelierte nur mäßig mit der Anzahl der Beschwerden. Der Studienleiter weist darauf hin, dass es sich um eine retrospektive Studie mit methodischen Mängeln handelt.
Projekt III: Offene, prospektive Längsschnittstudie zur Analyse der Ergebnisqualität bei Patienten mit Amalgamsanierung
Bei 137 Patienten wurde in 27 Zahnarztpraxen (Mitglieder der Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin) eine Amalgamsanierung durchgeführt: 68 Prozent Frauen, durchschnittlich 39 Jahre, im Mittel 18,6 Amalgamfüllungen.
Beschwerden: Mattigkeit (59 %), rasche Ermüdung (44 %), Kopfschmerzen (36 %), Stimmungsschwankungen (34 %). Es wurde die Diagnostik chronischer Irritationen und Regulationsdiagnostik eingesetzt. 70 Prozent wurden vorbehandelt, 81 Prozent erhielten eine Ausleitbehandlung. Befragungen erfolgten vor, während und bis zu zwölf Monate nach Sanierung. Die Anzahl der Beschwerden ging von 23 auf 16 zurück, die Intensität nahm ab. Befindlichkeit und Lebensqualität nahmen zu. Bei dem Teil der Patienten, die nach einem Jahr befragt werden konnten, hielt die Besserung an und verstärkte sich zum Teil noch. Die aufwändige Durchführung führte allerdings zu unvollständigen Verlaufsberichten mit möglicherweise verzerrenden Selektionseffekten. Außerdem fehlte eine Kontrollgruppe.
Projekt IV: Fall-Kontrollstudie zur Diagnostik der „subtoxischen Amalgamschädigung“
Eingesetzt wurden das Prognos-Messgerät (misst elektrische Hautwiderstände), die Messung des Quecksilbergehalts in Speichel, Blut und Sammelurin vor und nach Mobilisation mit Dimaval sowie der Lymphozytentransformationstest. Von 81 Probanden waren 27 amalgamfrei, 27 gesunde Amalgamträger und 27 subjektiv Amalgamgeschädigte. Keine der Methoden konnte zwischen gesunden und geschädigten Patienten zuverlässig differenzieren. Die toxikologische Messung konnte zwischen Amalgamträgern und amalgamfreien Probanden unterscheiden.
Projekt V: Kontrollierte, klinische Studie zum Vergleich dreier Therapiestrategien bei Patienten mit dem subjektiven Verdacht gesundheitlicher Beeinträchtigung durch Amalgam – The German Amalgam Trial (GAT)
Ziel war der Vergleich des Beschwerderückganges bei reiner Amalgamentfernung, Amalgamentfernung mit Ausleitung (Verabreichung von Vitaminen und Spurenelementen) oder einem Gesundheitstraining ohne Amalgamentfernung. In die Studie einbezogen wurden 90 Patienten mit subjektiven Beschwerden, für die keine zahnärztlichen, toxikologischen, internistischen oder psychischen Störungen als Ursachen gefunden werden konnten. Die Voruntersuchung wurde an 1.200 Personen über 3 ½ Jahre durchgeführt. Über 18 Monate wurden Fragebögen ausgefüllt und der Quecksilberspiegel in Blut und Urin gemessen.
Die Beschwerden gingen nach zwölf Monaten bei den beiden Gruppen mit Amalgamentfernung um 3,5 Punkte zurück, bei den Patienten mit lediglich Gesundheitstraining um 2,5 Punkte. Bei Lebensqualität und psychischer Belastung zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Die Besserung hielt bis zum Studienende nach 18 Monaten an. Zu einer Reduktion des Quecksilberspiegels kam es nur in den Gruppen mit Amalgamentfernung. Bei 51 Probanden wurde das Quecksilber in Ausatemluft, Blut und Urin vor Behandlungsbeginn bestimmt. Die Absorptionsraten entsprachen dabei der von beruflich Belasteten. Daraus lässt sich laut Studie folgern, dass die systemische Aufnahme primär durch die Aufnahme gasförmigen Quecksilbers erfolgt.

Gefährlich oder harmlos?

In der Presseinformation vom 4. April 2008 erläutert PD Dr. Melchart: „Eine eindeutige Aussage, ob Amalgam gefährlich oder harmlos ist, können wir daher nicht machen. Wir können jedoch fundiert empfehlen, welche Therapiemöglichkeiten es bei einer subjektiv empfundenen Amalgamschädigung gibt.“ In Deutschland hat die Studie nicht viel Staub aufgewirbelt, bei uns wurde sie hochgespielt und sehr frei interpretiert.
Meiner persönlichen Erfahrung nach entstehen Probleme, wenn die Fähigkeit zur enzymatischen Entgiftung der Patienten eingeschränkt ist (genetische Varianten der Glutathion-S-Transferasen) und/oder die Summe verschiedener Toxine, die auf demselben Weg abgebaut werden, zu groß ist (Schwermetalle, Lösungsmittel, Alkohol, Narkotika, Medikamente …).
Prinzipiell kann man durch orthomolekulare Stützung Amalgam verträglich machen, die meisten Patienten brauchen aber relativ oft Kuren mit Vitalstoffen – mit erheblichen Kosten. Ein Screening auf Enzymausstattung ist möglich (Abstrich in der Mundhöhle, Kosten etwa € 350,–). Allerdings kann man heute auch verschiedene Krebsgene, die Anlage für Diabetes oder die Reaktionsmöglichkeit auf Viren erfassen. Die Konsequenz hierfür müsste gesunder Lebensstil sein. Wie groß die psychische Belastung dabei ist und wie stark sich Schuldgefühle im Falle einer trotzdem auftretenden Erkrankung auswirken, muss diskutiert werden.

Dr. Eva-Maria Höller, Zahnarzt 8/2008

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