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Zahnheilkunde 21. Juli 2008

Kollegenvernaderung

Kollegenvernaderung, wer von uns kennt diese Bezeichnung nicht? Man versteht darunter gemeinhin die zahnärztliche Abqualifizierung der Leistungen, die Vorbehandler erbracht haben. Je jünger diese Arbeiten sind, desto brisanter ist natürlich die „Vernaderung“. Jeder von uns hat bei seinen neuen Patienten schon mehr oder minder problematische Arbeiten von Vorbehandlern gesehen. Oftmals waren diese reine Zufallsbefunde bei der Röntgendiagnostik.
Dieses Faktum wirft eine Reihe von Fragen auf: Bin ich moralisch und/oder gesetzlich verpflichtet, dem neuen Patienten alles, was mir in seinem Mund nicht optimal gelungen erscheint, beim Aufklärungsgespräch haarklein auseinanderzusetzen? Die sich unweigerlich daraus ergebende nächste Frage ist natürlich, ob ich später dafür zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn ich das ganz oder teilweise unterlasse. Wie streng legt die Forensik von heute die diesbezügliche Aufklärungspflicht wohl aus? Welche Bedeutung hat hingegen in diesem Zusammenhang die Kollegialität unter Standeskollegen/kolleginnen in unseren Tagen? Darf bzw. soll es die noch geben?

Fallbeispiele

Einer meiner Lehrer auf der Zahnklinik hat hiezu ein plastisches Beispiel gebracht: Er erzählte von einem „Kollegen“, der einmal den mit einer Stiftkrone versorgten Zahn 26 extrahieren musste, bei dem im Zuge der Ausschachtung unglücklicherweise die Trifurkation durchbohrt worden war, der Stift sich also weitab des palatinalen Kanales befand, wo er eigentlich hineingehört hätte. Besagter Kollege hat diesen 26 zur Gänze bergen können und dann mit dem Patienten unter Vorzeigen des Zahnes ein „Aufklärungsgespräch“ geführt, bei dem er den Fehler des Vorbehandlers anschaulich und in epischer Breite angeprangert hat. Der Vortragende meinte damals, wenn wir so handelten, könnten wir unseren Stand gleich selbst in die Luft sprengen. Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Wie beurteilen Sie das Gesagte heute?
Ich hatte vor einiger Zeit einen ähnlichen Fall: Als reiner Zufallsbefund ergab sich bei einem neuen Patienten, dass die Gussstifte von 12 und 22 ziemlich weit „daneben“ lagen. Die Zähne waren fest, der Randschluss der Kronen sehr gut, der Patient hatte mit den etwa vier Jahre alten Arbeiten keinerlei Probleme. Röntgenologisch war bei beiden Zähnen nichts von einer Herdbildung zu sehen. Ich habe es erlebt, dass eine ähnliche Arbeit 25 Jahre (!) völlig störungsfrei im Patientenmund war und auch nur, ohne Beschwerden verursacht zu haben, als Zufallsbefund entdeckt wurde. Was tut man nun in so einem Fall? Soll man den Patienten trotz seiner völligen Beschwerdefreiheit hier wirklich im Detail darüber aufklären, dass dem Vorbehandler gleich zwei gravierende Fehler unterlaufen sind, die sich auf die Prognose der betroffenen Zähne schlimm auswirken könnten? Unstrittig ist, dass die moderne Zahnheilkunde für solche und ähnliche Situationen Rettungsversuche zur Hand hat. Aber ebenso unstrittig ist, dass jegliche derartige Intervention für den Patienten äußerst belastend und außerdem riskant ist. Niemand kann garantieren, dass ein solcherart unternommener Eingriff zum Erfolg führt und nicht zum Totalverlust des Zahnes, eines Zahnes, der eigentlich keine Probleme gemacht hat. Wie hätten Sie sich verhalten? Kann man es vertreten, in diesem Fall den Patienten nicht zu informieren?
Vor Jahren war in unserer Gegend eine Kollegin sehr aktiv, nennen wir sie Frau Dr. M. Sie war durch Auftritte im Fernsehen bekannt, aber eines Tages, und das ziemlich plötzlich, nicht mehr da. Ausgewandert – weg. Durchaus noch an Ort und Stelle waren jedoch ihre Patienten, die sie knapp vor ihrer plötzlichen Abreise noch wahrhaft flächendeckend „durchsaniert“ hatte. Eine solche Dr. M.Patientin kam derart „versorgt“ zu mir. Eine neue Arbeit war herausgebrochen. Die daraufhin erfolgte gründliche Untersuchung des gesamten Mundes ergab Bedenkliches: Unter anderem war der Randschluss fast aller neuen Arbeiten schlecht, die Häkchensonde fand somit jede Menge Schlupflöcher, die sie nie hätte finden dürfen. Hier war für mich die Lage klar: Da hatte die „Kollegin“ noch knapp vor der Abreise schnelles Geld gemacht, was unübersehbar auf Kosten der Sorgfalt gegangen war. Es war in keiner Weise angezeigt, der Patientin diesen für sie betrüblichen Sachverhalt zu verniedlichen oder etwa gar ganz zu verschweigen.
Ähnlich habe ich reagiert, als ich – auch wieder in Form eines Zufallsbefundes – feststellen musste, dass ein unterer Molar von einem Vorbehandler im Zuge der Wurzelbehandlung so überfüllt worden war, dass aufgrund des Röntgenbildes mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden musste, dass reichlich Material bis in den Mandibularkanal gelangt war. Hier war Gefahr im Verzug und damit eine sofortige Überweisung an die Kieferchirurgie unverzichtbar.
Seien wir ehrlich. Die angespannte Situation unserer Tage ist leider nicht dazu angetan, Kollegialität zu fördern. Wird ein nicht allzu ausgedehntes Fischwasser mit begrenztem Nahrungsangebot mit zu vielen Hechten besetzt, gehen gleich große Exemplare aufeinander los und versuchen, einander zu fressen. Manchmal scheint es mir, dass wir Zahnärzte von einem solchen Stadium nicht mehr allzu weit entfernt sind. Schon jetzt beobachtet man dann und wann zahnärztliche Verhaltensmuster, die bedrohlich in diese Richtung weisen. Kollegen/Kolleginnen, die auf rücksichtslose Weise werben und damit marktschreierisch die eigene Bedeutung ins uferlose steigern wollen, sind heute ebenso Realität, wie solche, die vor Kollegenvernaderung nicht zurückschrecken.

Auf das „Wie“ kommt es an

Wie verhalte ich mich nun aber korrekt, wenn ich tatsächlich mit Fehlleistungen von Vorbehandlern konfrontiert werde? Unbestreitbar gibt es Fälle, wo man die Patienten auf gewisse Probleme, die sich durch die Vorbehandlung entweder schon ergeben haben oder noch ergeben könnten, einfach hinweisen muss. Die Patienten vor drohendem Schaden zu bewahren, muss die Maxime unseres Handelns sein, vor allem dann, wenn dieser Schaden mit verhältnismäßigen Mitteln noch abgewendet werden kann. Aber auch hier kommt es auf das „Wie“ an. Man kann das durchaus auch in einer Weise machen, die die eigene weltumspannende Bedeutung eben nicht marktschreierisch herausstreicht. Wie wir mit einem Patienten sprechen, ist ebenso wichtig, wie was wir sagen.
Patienten haben mir immer wieder berichtet, dass ihnen vor allem an Ausbildungsstätten von sehr jungen Kollegen Schlechtes über die Arbeiten in ihrem Munde gesagt wurde. Das soll nun wahrlich nicht heißen, dass Auszubildende generell Vernaderer sind. Außerdem werden an Zahnkliniken von jungen Menschen oftmals ganz hervorragende Leistungen erbracht. Der junge Mensch ist aber gut beraten, wenn er eine seiner Meinung nach missglückter Arbeit einem Vorgesetzten zeigt, statt eigene negative Analysen von sich zu geben.
Wir alle – Alte wie Junge – müssen uns bewusst sein, dass wir uns hier in einem Dreieck befinden, dessen Eckpunkte Standeskollegialität, das Recht des Patienten auf umfassende Aufklärung und die Forensik bilden. In diesem Sinne kann man das Thema Kollegenvernaderung sogar als mehrschneidiges Schwert sehen. Allen drei oben genannten Kriterien gleichzeitig werden wir es vermutlich nie ganz recht machen können. Meine Faustregel lautet jedenfalls: Sprich mit dem Patienten so, dass du nicht am Ende feststellen musst, dass du einen vermeintlichen oder tatsächlichen Kollegenfehler für die gleißende Darstellung deiner eigenen Bedeutung missbraucht hast. In diesem Sinne seien mir die Worte von Oskar Blumenthal stets eine Warnung: „… der Selbstvergrößerung Rausch und Wonne erhält lebendig dich und mich, denn jeder braucht wie Luft und Sonne den Aberglauben an sein Ich.“

Standenat, Zahnarzt 7/2008

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