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Sportmedizin 24. April 2008

„Wer läuft, braucht einen Grund dafür“

In seiner Jugend war er Staatsmeister im Fechten. Heute beschränkt sich seine sportliche Betätigung aufs Laufen, weil er sich danach einfach besser fühlt. Prof. Dr. Ivo Volf vom Institut für Physiologie an der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der Ärzte Woche über Bewegungs-Gründe, den Segen von frühem Sportunterricht und warum man einen Marathon besser in unbekannten Städten laufen sollte.

Forschern der Technischen Universität München und der Universität Bonn ist es vor kurzem gelungen, die Ursache des beim Langstreckenlauf auftretenden Hochgefühls mit nachzuweisen. Sie konnten in einer bildgebenden Studie bei Athleten nach zweistündigem Joggen erstmals eine erhöhte Ausschüttung von Endorphinen in bestimmten Gehirnregionen zeigen. Das so genannte Runner’s High, von dem jedermann sprach, war bisher unter Experten kontrovers diskutiert worden. Prof. Dr. Ivo Volf von der MedUni Wien kennt das Wohlgefühl aus eigenem Erleben.

Herr Professor, Sie haben an zwei Marathons teilgenommen, werden Sie high beim Laufen?
Volf: Das Suchtverhalten, von dem manche Läufer sprechen, kann ich nicht nachvollziehen. Aber nach dem Laufen fühlt man sich wirklich wohl, spätestens da weiß man, warum man es gemacht hat.

Es heißt, auch Patienten mit Depressionen würden vom Ausdauersport profitieren. Die Frage ist nur: Wie bringt man sie überhaupt zum Laufen?
Volf: Diese Frage kann ganz allgemein gestellt werden: Wie bringt man Menschen zum Sport? Ich denke, das gelingt am besten in der Jugend. Bei meinen Vorträgen in der Volkshochschule höre ich zum Beispiel immer wieder: „Meinem Partner macht das Laufen Spaß, mir überhaupt nicht.“ Wenn man nicht schon früh regelmäßig Bewegung gemacht hat, tut man sich später schwer.

Und was ist der Trick, den inneren Schweinehund zu überwinden?
Volf: Wer laufen will, braucht einen Grund dafür. Der kann für jeden anders sein, Freude oder Verzweiflung. In fortgeschrittenem Alter ist es oft das Ziel, gesund und leistungsfähig zu bleiben – und nicht zuletzt die Figur.

Was bringt Laufen tatsächlich für den Organismus – abgesehen vom Runner’s High?
Volf: Es ist faszinierend, wie der Körper sich an die Anforderung anpasst. Am Anfang ist es immer mühsam, dann wird es immer leichter und es gibt praktisch keine Grenze für die Leistungssteigerung. Physiologisch gesehen wirkt sich Laufen günstig auf Bluthochdruck und Diabetes aus. Zudem gibt es Daten darüber, dass es prophylaktisch gegen verschiene Krebsarten wirkt, und auch das Rezidivrisiko wird geringer.

Hochleistungssportler sind allerdings infektanfälliger.
Volf: Ja, Hochleistungssport, und dazu gehört auch, einen Marathon zu laufen, ist eine enorme Belastung für den Organismus, die die Abwehrfunktion reduziert. Dabei ist nicht genau zu sagen, wo für jeden Einzelnen die Grenze liegt, wann er in diese anfällige Phase eintritt. Das kommt auf das Trainingsniveau und die Belastung an.

Wann würden Sie jemandem davon abraten, an einem Marathon teilzunehmen?
Volf: Ohne ärztliche Untersuchung und wenn man nicht wirklich gut trainiert ist. Training ist ein planmäßiger Vorgang, und man braucht ein Ziel, muss wissen, warum man das tut. Auch wenn es zu zweit wahrscheinlich unterhaltsamer ist, besteht die Gefahr, dass man sich im Tempo dem anderen anpasst, das ist ungünstig. Man muss ein Gefühl dafür bekommen, ob man die Strecke tatsächlich schafft. Ich bin zweimal Marathon gelaufen. Einmal war ich gut trainiert – es war ein Spiel. Das andere Mal nicht so gut – es war die Hölle.

Sollte man die 42 Kilometer also unmittelbar vorher zum Training laufen?
Volf: Davon rate ich dringend ab. Denn nach einem Marathon braucht der Körper Erholung, die Belastung ist so hoch, dass man daran leidet. Man hat mehrere Wochen lang Muskelschmerzen, auch bei bestem Training. Deshalb laufe ich beim Wien-Marathon auch nur die Halbdistanz. Wenn ich im April einen Marathon laufe, bin ich erst im Sommer wieder fit. Psychologisch ist es auch besser, in einer fremden Stadt zu laufen: Wenn man jede Straße und jede Kreuzung kennt und nichts Neues sieht, beginnt sich die Sache zu ziehen.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 17/2008

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