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Zahnheilkunde 5. Mai 2008

Grenzen der Belastbarkeit

Die berufliche Belastung von Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, wird durch immer komplexere Aufgaben und Bedingungen in einer Welt der durchgehenden Veränderung permanent größer. Druck und Ansprüche von allen Seiten steigen enorm. Demografische Veränderungen, die rasante technische und therapeutische Entwicklung in der Medizin und nicht zuletzt sogenannte Gesundheitsreformen und „Amerikanismen“ sind weitere Faktoren, die das Gesundheitswesen und damit das gesamte Leben der Ärzte negativ beeinflussen. Hohe psychische und physische Anforderungen werden an den Einzelnen gestellt.

Öffentlichkeit hat noch immer falsches Bild vom Arzt

In der öffentlichen Meinung hält sich vielfach immer noch das Bild vom Arzt, der den Patienten weh tut und damit auch noch viel Geld verdient. Das hat mit der heutigen Realität aber wenig zu tun. Bedenkt man, dass bisher ein Zahnarzt erst mit zirka dreißig Jahren seine Ausbildung beenden kann und die Einrichtung einer eigenen Praxis Unsummen kostet, sieht die Wirklichkeit viel ernüchternder aus. Und Schmerzen verursacht der Zahn – aus welchen Gründen auch immer –, Zahnärzte/Zahnärztinnen hingegen kurieren, heilen und stellen wieder her.
Nicht nur medizinische Kompetenz und handwerkliches Geschick, sondern auch psychologisches Einfühlungsvermögen und Verständnis, sowohl für Patienten als auch für Mitarbeiter, werden heute ebenso verlangt wie Stressresistenz, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit, Führungsstärke und hohe ethische Entscheidungsmaximen. Unternehmerische Kompetenz wird ganz besonders an den selbstständigen Arzt gestellt. Dazu kommt der körperliche Aspekt bei der manuellen Behandlung von Zähnen im Oberkiefer, wo der Zahnarzt oft sehr lang in einer einseitigen und unnatürlichen Körperhaltung bleibt. Diese Haltung verursacht Schmerzen im Halswirbelsäulenbereich und kann oft nach Jahren auch zu chronischen Degenerationen führen.

Wirtschaftlicher, medizinischer und psychischer Druck

Die Rolle des Arztes hat sich weiterentwickelt, die des Patienten auch. Der Zahnarzt als Gesundheitsdienstleister und der Patient als Kunde. Der Wandel vom Patienten zum Gesundheitskunden ist voll im Gange. Der Patient wird in Zukunft mehr Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen müssen, einen höheren finanziellen Eigenanteil bezahlen und somit auch stärker über seine Therapie und Medikation mitentscheiden.
Patienten haben heute einerseits ein hohes Krankheitsverständnis und hinterfragen selbstbewusst die vom Zahnarzt empfohlenen Behandlungen. Andererseits ist keine andere ärztliche Maßnahme so häufig mit Angst besetzt wie die zahnärztliche Therapie. Sehr viele Patienten sind von der „normalen“ Angst betroffen, ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Oralophobie und gehen deshalb nur unter großen Ängsten zum Zahnarzt.
Daher sollte der Zahnarzt das Gebiss nicht nur als Kauwerkzeug, sondern die gesamte Mundhöhle als ein hochsensibles Wahrnehmungs- und Sinnesorgan betrachten. Es gibt in der Medizin kein der Oralophobie vergleichbares Phänomen. Der Umgang mit Angst in der Praxis kann für den Zahnarzt sehr belastend sein, wird aber in der Ausbildung zu wenig thematisiert.

Viel zu wenig Zeit für die Patienten

Ärzte, die zu mir in die Beratung kommen, haben oft auch massive Probleme mit dem enormen Zeitdruck. Dabei kommt das für den Patienten und den Arzt so notwendige Gespräch viel zu kurz. Wenn aber diese kommunikative Zuwendung mit den Patienten aufgrund des „Massenbetriebes“ nicht mehr möglich ist, fällt das mit der Zeit auf die Ärzte selbst zurück, sie werden vermehrt zu „Leidenden“ an ihrer eigenen Profession und fühlen sich ausgebrannt. In den Gesprächen kommt immer wieder heraus, dass gar nicht so wenige Ärzte ihren Beruf nicht noch einmal wählen würden. Das System macht sie selber zu „Opfern“.
All die Fragen, die so gekonnt verdrängt werden, kehren in anderer Gestalt wieder. Denn gerade durch die Konfrontation mit der Krankheit ihrer Patienten werden Ärzte ständig an ihre eigenen heilungsbedürftigen Anteile erinnert. Das Gesundheitssystem macht Ärzte krank. Rezente Studien belegen: Burn-out-Syndrom, kurze Lebenserwartung, hohe Selbstmordrate, Depressionen und Ehescheidungen etc. kommen bei Ärzten häufiger vor als in anderen Berufsgruppen. Deswegen bedürfen nicht nur der Patient, sondern auch das Gesundheitssystem und vor allem der Arzt der Heilung, indem er die Grenzen der Belastbarkeit rechtzeitig erkennt.

Dr. Andreas Kienzl, Zahnarzt 4/2008

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