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Zahnheilkunde 31. März 2008

Das Lugner-Syndrom

Bekanntlich kann die Komik ja der öffentlichen Ordnung gefährlich werden, jedoch nicht in ihrer gesellschaftlichen Konstruktion des Karnevals. Dieser ist zwar von rebellischem Wesen, jedoch gab und gibt es auch heute im Fasching kaum die Absicht, weltliche oder geistliche Autoritäten zu stürzen. Allenfalls wurden und werden sie lächerlich gemacht – und das ohne jedwede Sanktionen.

Ernsthafte Gedanken über das Komische

Obwohl Lachen auch eine philosophische Bedeutung hat, weil es nämlich eine grundlegende Form der Wahrheit ist, haben sich nur wenige Philosophen die Mühe gemacht, ernsthaft über das Komische nachzudenken. Dabei beginnt die Geschichte der westlichen Philosophie mit dem Gaudium, dass Thales von Milet in einen Brunnen fällt und dabei von dem Gelächter einer Magd begleitet wird. Der Unfall des unachtsamen Denkenden, der gegen den Himmel schaut und in ein Loch fällt, zeigt den Philosophen als komische Figur. Für mich ist sein Sturz eine Metapher für die menschliche Existenz schlechthin und hat bis heute nichts an Aktualität verloren.

Abstruse Diagnostiken

Ich bin immer eher skeptisch, wenn uns die Psychowelle neue Diagnosen beschert. Manchmal auch sogar wütend, denn es ist heutzutage wirklich schwer geworden, zwischen normalem und pathologischem Verhalten zu unterscheiden, da uns ja eine immer abstrusere Diagnostik weismachen will, dass wir alle gestört sind. In Wirklichkeit ist es nämlich schon so weit, dass ganz normale Verhaltensweisen oder Phänomene wie Sexualität, Geburt und Tod als krankhaft dargestellt werden.
Und ich finde die derzeitige Entwicklung insofern bedenklich, als kaum noch ein menschliches Verhalten sozusagen als „normal“ betrachtet wird. Nicht jeder der aktiv ist, leidet unter dem „Zappelphilipp-Syndrom“. Nicht jeder, der trauert, hat eine Anpassungsstörung, nicht jeder, der schüchtern ist, hat eine soziale Phobie, nicht jeder, der einmal einen schlechten Tag hat, ist deshalb gleich depressiv, und nicht jedes Kind, das in einem Gegenstand nicht perfekt ist, hat eine Teilleistungsstörung. Oder ist man vielleicht doch ernsthaft krank, wie uns das so häufig eingeredet wird? Es wird uns heute wirklich sehr schwer gemacht, bei all diesen Informationen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, das Richtige zu tun.

Neues Krankheitsbild kreiert und definiert

Und nun bin ich es, der ein neues Krankheitsbild kreiert, nämlich: Das Lugner-Syndrom. Es ist gefährlich, denn es beginnt ganz harmlos und unbemerkt und entwickelt sich im Laufe der Zeit unter Mithilfe medialer Einflüsse zu einer unheilbaren Krankheit, vor der (fast) niemand gefeit ist. Das schlimme dabei ist, dass die betroffene Person selbst nichts davon bemerkt, ein scheinbar ganz normales Leben führen kann und sogar via Bildschirm hoch ansteckend ist, also eine Krankheitsübertragung, die nicht des direkten Kontaktes mit Körperflüssigkeiten bedarf.
Das brisanteste Phänomen beim Lugner-Syndrom ist die Co-Abhängigkeit. Co-Abhängige sind in erster Linie Personen, die ein zwanghaftes Bedürfnis haben, sich immer in ihrem Handeln an anderen orientieren und absonderliche Menschen zum Mittelpunkt ihres Lebens machen. Ihr eigenes Leben scheint ihnen unbedeutend und langweilig. Das Gefühl von Bedeutung erfahren sie immer nur von bereits Erkrankten. Das Lugner-Syndrom hat seuchenartigen Charakter innerhalb einer Population und ist äußerst hartnäckig und therapieresistent.

Als einzig bisher bekanntes

und wirksames Heilverfahren wird hoch dosierter Humor empfohlen, indem der Patient versucht, über einen längeren Zeitraum hinweg sich mehrmals täglich selbst auf den Arm zu nehmen und dabei herzhaft zu lachen, weil die Erfahrung des Komischen nachgewiesenermaßen das beste Mittel gegen Lächerlichkeit ist.

Dr. Andreas Kienzl
Institut für Vital-Empowerment

Dr. Andreas Kienzl, Zahnarzt 3/2008

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