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Zahnheilkunde 5. Mai 2008

Zertifikate am Kapitalmarkt

Kein Wunder, dass der neuen Anlageklasse Zertifikat bald der Ruf vorausging, eine „Wunderwaffe“ des Kapitalmarktes zu sein. Das sind Zertifikate mit Sicherheit nicht. Aber sie zeichnen sich durch eine Menge von Eigenschaften aus, die sie zu wertvollen Instrumenten in den Händen geschickter Anleger machen.
„Die Zukunft gehört den Zertifikaten“, sagt Friedrich Strobl, Vorstandsvorsitzender des Zertifikate Forum Austria. Wie es aussieht, liegt er damit nicht ganz falsch.
In den letzten Jahren haben sich die in Zertifikate investierten Volumina gewaltig vermehrt. Mehr als 11 Milliarden Euro waren es im Vorjahr bereits, die jährlichen Zuwachsraten liegen über der 20-Prozent-Marke. Es ist, als ob der Markt auf diese Produkte gewartet hätte. Langsam werden da die Anbieter anderer Veranlagungsprodukte unruhig, obwohl sich die Zertifikate-Leute beeilen, zu versichern, dass es nicht um ein Gegeneinander, sondern nur um sinnvolle Ergänzungen gehen kann. „Zum Vorteil des Kunden“, wie Mag. Heike Arbter, Vorstandsmitglied im Zertifikate Forum und bei der RCB für die Assetklasse zuständig, unterstreicht.

Vorwissen ist notwendig

Die brauchen, um ihren Vorteil auch zu sehen, ein bisschen Vorwissen. Der Umgang mit dem Begriff Zertifikat ist in einer breiteren Öffentlichkeit gelegentlich noch unsauber. Zwar gehören Bonus-, Turbo-, Garantie- und Discount-Zertifikate der gleichen Familie an (siehe Kasten „Das ist ein Zertifikat“), aber sie haben so unterschiedliche Eigenschaften wie die verschiedenen Mitglieder in einer großen Familie eben auch. Dem einen die Eigenschaften des anderen zuzuschreiben oder sie gar zu verwechseln, ist nicht schlechter Sprachgebrauch, sondern schlicht fahrlässig. Die vielfältigen Möglichkeiten, die der Markt bietet, um das Instrument einzusetzen, führen dazu, dass die verschiedenen Zertifikate sehr konträre Positionen beziehen.
„Das Investieren in Zertifikate setzt voraus, dass ich eine Meinung zum Markt habe“, erklärt Ronald Nemec, von der Erste Bank in den ZFA-Vorstand entsandt. Und das erklärt auch schon das Geschäftsmodell. Ich kann – etwa mit einem Index-Zertifikat – auf steigende Märkte setzen, ich kann davon ausgehen, dass sich der Markt seitwärts bewegt und diese Meinung meinem Anlageverhalten zugrunde legen oder ein Zertifikat auswählen, das mir bei fallenden Märkten Vorteile bringt. Es gibt also für jede Sondersituation das passende Zertifikat. Die Eier legende Wollmilchsau, die alle Marktmöglichkeiten auf einmal abdeckt, findet sich aber auch unter den Zertifikaten nicht. Ähnlich verhält es sich mit Erfolg und Risiko. Ich kann als Anleger auf Nummer Sicher gehen und dafür sorgen, dass meine Verluste im Fall des Falles eine bestimmte Größe nicht überschreiten. Ich kann auch auf Gewinne setzen. Aber ein Zertifikat, das mir Zugang zu Gewinnen in jeder Höhe verschafft und mich gleichzeitig vor Verlusten bewahrt, gibt es ebenfalls nicht. Zertifikate setzen also nicht die Eigenheiten des jeweiligen Marktes außer Kraft, sie nützen sie lediglich besser als andere Anlageinstrumente aus, indem sie diese verstärken oder abfedern.

Glaub die Story

Dafür gibt es inzwischen auf tatsächlich beinahe schon alles ein Zertifikat. Auf jede Marktsituation, auf jedes handelbare Papier, auf jede Ware. Die Designer von Zertifikaten gehen von einer bestimmten Situation aus, die sich aus ihrer Sicht abzeichnet und schicken das Produkt in den Markt. Unschlagbarer Vorteil: Kein anderes Wertpapier ist so schnell so nah am Markt wie ein Zertifikat.
ZFA-Vorstand Frank Weingarts von der UniCredit Gruppe: „Um einen neuen Fonds auf den Markt zu bringen, habe ich eine Vorlaufzeit von zwei bis drei Monaten. Mit einem neuen Zertifikat bin ich binnen Wochenfrist auf dem Markt.“ Weiterer Vorteil: Zertifikate sind konkreter. Deutlicher Nachteil: Mit der zunehmenden Fülle geht die Übersicht verloren. Klar, dass nicht alle diese Produkte gut sind oder überhaupt funktionieren. Klar, dass es Anleger gibt, welche bloß die Story kaufen. Die lautet hier eben nicht „Ich mach bestimmt mehr aus deinem Geld, lass mich nur machen“, sondern „Der Markt/die Aktie wird sich so und so entwickeln. Wenn du das auch so siehst, solltest du dabei sein“. Sehr viele Zertifikate-Käufer haben aber bereits vor ihrem Investment eine eindeutige Marktsicht und suchen nur das passende Zertifikat dazu.
Dass es im Markt auch Produkte gibt, die keiner wirklich braucht, die nur dem Vertrieb hohe Provisionen und dem Emittenten Ertrag, dem Anleger aber wenig bis nichts bringen, wissen auch die Vertreter des Zertifikate Forums. Für die Mitglieder gilt, dass Risiko und Ertragspotenzial der Produkte klar erkennbar sein müssen (an den Level-at-risk-Kennzahlen wird derzeit gearbeitet), und es steht auch ein Wohlverhaltenskodex ins Haus, der eingehalten werden muss. Über kurz oder lang werden die Anbieter dubioser Produkte ohnehin aus dem Markt verschwinden, meint Frank Weingarts. „Allein schon, weil der kompetitive Markt solche Ausreißer nicht erlaubt.“ Den Wildwuchs gibt es eigentlich nur, weil der Kostenaufwand beim Kauf von Zertifikaten für den Investor von vornherein geringer ist als beim Kauf von Fondsanteilen. Steuerlich gesehen gehören die Zertifikate allerdings zu den Stiefkindern des Kapitalmarktes. Sie unterliegen als Schuldverschreibungen (und damit Anteile am Emittentenvermögen) im Gegensatz zu Fonds, die als Sondervermögen klassifiziert sind, der KESt. Hier gleiche Bedingungen zu schaffen, gehört zu den Sysiphus-Aufgaben, die sich das ZFA vorgenommen hat. Inzwischen akzeptiert die Anlegergemeinde die Höherbelastung, weil sich das Investment unter dem Strich immer noch rechnet.

Nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt

Einen wesentlichen Unterschied zu anderen Anlageformen muss das Anlegerpublikum noch verinnerlichen: Der Kurs des Zertifikats entwickelt sich unabhängig von Angebot und Nachfrage im Gegensatz beispielsweise zum Kurs einer Aktie. Die Liquidität wird vom Emittenten zur Verfügung gestellt, der auch den Preis dafür laufend der Marktlage anpasst und börsentäglich An- und Verkaufskurse erstellt. Zertifikate können direkt beim Emittenten oder über die Börse ver- oder gekauft werden.
Gerade der Sekundärmarkt verdient höchstes Augenmerk, meint Heike Arbter. Ältere Zertifikate sind aus steuerlichen oder auch aus Ertragsgründen sehr attraktiv. Warum das nicht so wahrgenommen wird, hat unter anderem einen banalen Grund: Für Sekundärmarktprodukte gibt es keinen Ausgabeaufschlag, damit ist das Interesse der Bankberater, sie an den Mann zu bringen, auch gering.

Handeln wie die Profis

Das Zertifikat ist seiner Natur nach ein Derivat, also immer von einem zugrunde liegenden Wert (Basiswert oder Underlying) ausgehend – sei das nun ein Börsenindex, der Ölpreis, eine bestimmte Aktie oder eine Branche oder eine Region, die in einem Basket- oder Themenzertifikat abgebildet werden. Arbter: „Damit haben auch Privatanleger einen Zugang zu Märkten, die auf Grund der technischen Erfordernisse bisher ausschließlich den Profis vorbehalten waren.“ Gut für die Entwicklung des Zertifikates, wenn sich das Underlying in die erwartet Richtung bewegt. Die Abweichung zwischen der Entwicklung des Underlyings und dem Wert des Zertifikates ist übrigens das beste Verkaufsargument der Emittenten.
„Wenn es um den Ertrag geht, dann habe ich beim Zertifikat das Potenzial der Aktie und zusätzlich als Hebel das Know-how, das vonseiten des Emittenten einfließt. Geht die Strategie nicht auf, dann verliere ich mit dem Zertifikat auch nicht mehr als die Aktie“, sagt Heinrich Karasek, für Sal. Oppenheim als Vorstand im ZFA. So schneidet bei einer Seitwärtsbewegung des Marktes ein Bonus-Zertifikat besser ab als der Basiswert, und bei einer Aktienrally lässt das Outperformance-Zertifikat den zugrunde liegenden Index deutlich hinter sich.

Berechenbares Investment

Sich allerdings darüber zu beschweren, wie jüngst geschehen, dass Bonus-Zertifikate bei einem stark fallenden Markt nicht funktionieren, heißt, dem Charakter des Zertifikats nicht Rechnung zu tragen – ähnlich den amerikanischen Produkthaftungsprozessen der 1980er-Jahre, als Konsumenten klagten, weil sie sich beim Heckenschneiden mit der Heckenschere verletzt hatten.
Gleiches gilt auch für die Garantieprodukte. Die Garantie wird am Ende der Laufzeit erfüllt, zwischendurch kann es ohne Weiteres bergauf oder bergab gehen. Solche Anwürfe überraschen umso mehr, als gerade Zertifikate die am Kapitalmarkt gängige Praxis revolutionieren. Statt eine Wette mit ungewissem Ausgang auf eine bestimmte Entwicklung einzugehen, weiß der Anleger, der ein Zertifikat kauft, bereits bei Vertragsabschluss punktgenau, was ihn zu Laufzeiten erwartet. Da gibt es keine Überraschungen. Das ist unbestritten erst- und einmalig und funktioniert nur, weil Zertifikate passiv gemanagt werden. Sie folgen der Entwicklung des Basiswertes, ohne dass irgendjemand eingreift. Eine Steuerung, wie sie etwa der Manager eines Fonds vornimmt, indem er die Zusammensetzung der in Fondsbesitz befindlichen Papiere verändert, um die Ertragsaussichten zu erhöhen, kennen die Emittenten von Zertifikaten nicht. „Das Zertifikat macht das Investment berechenbarer“, betont Friedrich Strobl. „Ich weiß als Anleger von vornherein, was ich bekomme, wenn meine Strategie aufgeht.“
Deshalb verstehen die Zertifikate-Leute auch den Ruf nach mehr Transparenz nicht, der gelegentlich aus der Ecke der Fondsanbieter kommt. „Nachdem beim Zertifikat von vornherein feststeht, wie der Ertrag ausschaut und auch keine versteckten Kosten in den Produkten untergebracht werden können, ist die Forderung eigentlich unverständlich.“ Inzwischen ist auch hier die Akzeptanz längst größer geworden.
Frank Weingarts: „Auch Fonds kaufen inzwischen Zertifikate.“ Die Vermischung geht so weit, dass beispielsweise strukturierte Fonds (als Sondervermögen klassifiziert) das Auszahlungsverhalten von Zertifikaten übernehmen.

 FAQ

Werner Szábo, Zahnarzt 5/2008

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