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Zahnheilkunde 5. Mai 2008

Münchhausen-Syndrom

Eine 48-jährige Patientin kommt innerhalb eines Jahres dreimal in die Ambulanz der Abteilung für MKG-Chirurgie. Die erste Untersuchung zeigt eine unklare Schleimhautläsion im Bereich des Tuber maxillae rechts. Unklar deshalb, weil der Bereich zahnlos ist und kein Gegenbiss besteht. Das Röntgen ist unauffällig, jedoch nicht die Anamnese. Die Patientin hat angegeben, dass sie in dieser Region einen heftigen Juckreiz verspürte und sich mit einem Schraubenzieher gekratzt habe. Eine medikamentöse Lokalbehandlung mit Solcoseryl-Dental-Adhäsivpaste wird eingeleitet. Die Wunde heilt komplikationslos ab.
Einige Monate später erscheint die Patientin wieder in der Ambulanz. Diesmal wird eine Verletzung der Schleimhaut im Kieferwinkelbereich links festgestellt. Wegen Verdachtes auf Selbstverletzung wird die Patientin auch dem Facharzt für Psychiatrie und Neurologie vorgestellt. Nur widerwillig folgt sie dieser Überweisung. Von psychiatrischer Seite wird der Verdacht auf ein „Münchhausen-Syndrom“ ausgesprochen. Zum dritten Mal sucht die Patientin unsere Ambulanz wegen eines Wangeninfiltrates auf, welches, so hat die Untersuchung ergeben, wieder auf eine Verletzung, die sich die Patientin selbst an der Wangeninnenseite zugefügt hat, zurückzuführen ist. Die Diagnose „Münchhausen-Syndrom“ bestätigt sich, und die Patientin kommt in psychiatrische Behandlung.

Kommentar: Wie wir später eruieren konnten, handelte es sich bei der Patientin um eine gestörte Beziehungskonfliktverarbeitung, wobei sie versuchte, durch Selbstbeschädigung auf sich aufmerksam zu machen, um mehr Zuwendung zu bekommen.
Im Pschyrembel ist das „Münchhausen-Syndrom“ als eine psychoneurotische Fehlhaltung von Patienten definiert, die bewusst durch falsche anamnestische Angaben und dringliche Schilderung vorgetäuschter Symptome, besonders von Bauchbeschwerden, versuchen, eine stationäre Behandlung, unter Umständen auch eine Operation, zu erreichen.

Prim. Prof. MR, DDr. H. Porteder, Zahnarzt 4/2008

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