zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 5. Mai 2008

Suggestivfragen bei Gericht

Das Ziel von Suggestivfragen ist es, eine bestimmte (erwartete) Antwort zu bekommen. So wie im täglichen Leben Suggestivfragen eine Rolle spielen, spielen sie auch bei Gericht eine solche, allerdings in diesem Fall eine besondere. Warum? Weil die Antwort eine rechtliche Konsequenz haben kann beziehungsweise hat.
Nach meiner Erfahrung können Richter auf von Rechtsanwälten gestellte Suggestivfragen ablehnend reagieren, sie müssen aber nicht. Dies bedeutet, dass der (beklagte) Arzt vor Gericht beziehungsweise der Gutachter oder auch Zeuge derartige Fragen zu beantworten hat. Dazu noch ein paar Vorbemerkungen:
Suggestivfragen müssen als solche für die gerichtsunerfahrene Person nicht erkennbar sein. Insbesondere, wenn es sich um eine Reihe von zusammenhängenden Fragen handelt, die auf ein einziges Ziel hingerichtet sind, nämlich eine Streitpartei (häufig den Arzt) oder den Sachverständigen in die Enge der Glaubwürdigkeit zu treiben oder ihn zu einem Widerspruch zu provozieren. Derartige Fragen können sehr gut maskiert sein, sodass dies häufig erst auffällt, wenn man sich im Laufe der Fragenkaskade und Abfolge der eigenen Antworten schon soweit festgelegt hat, dass man kaum mehr durch weitere wohlüberlegte Antworten aus dem Dschungel der Folgerichtigkeit, die bei Gericht immer wieder angesprochen wird, herausfindet.

Ein Wort in den Mund legen ...

Besonders brisant, um nicht zu sagen gefährlich wird es, wenn Rechtsanwälte damit beginnen, jemandem ein Wort in den Mund zu legen und ultimativ die Aufforderung daran knüpfen, nur mit ja oder nein zu antworten. Das Ziel einer derartigen Taktik ist es, den Gesprächspartner (Streitpartei, Sachverständiger, Zeuge etc.) festzulegen, ihm quasi rhetorische Fesseln anzulegen, um ihn argumentativ chancenlos zu machen.
So wie es in der Medizin nicht nur Fragen gibt, die mit ja oder nein zu beantworten sind, so ist es nach meiner Erfahrung auch bei vielen Rechtsfragen, die nicht eine Antwort im Sinne von schwarz oder weiß zulassen, sondern wo die Erläuterung der Umstände, aufgrund welcher sich etwas ereignet hat, für das Verständnis und die Rechtslage von Bedeutung ist.
Im Folgenden sollen einige Bespiele für Suggestivfragen und allgemeine Schlussfolgerungen gebracht werden, um die Aufmerksamkeit dafür zu schärfen. Der Rechtsanwalt leitet zum Beispiel wie folgt ein:
• Wenn ich von der Annahme ausgehe, dass …, dann ergibt sich daraus …
• Wenn ich unterstelle, dass …, dann folgt daraus, …
• Sie haben doch selbst gesagt, dass …, woraus ich schließe, dass …
• Meinen Sie nicht auch, dass …
• Wenn ich Ihrer Meinung folge, dann kann man doch den Schluss daraus ziehen, dass …
• Wenn ich unterstelle, dass so lange keine Information erfolgte, dann sind die Folgen doch …

Ablenkend vom Thema, aber doch mit Bezug darauf, kann eine Suggestivfrage wie folgt beginnen:
• Wenn wir ganz offen und unbeeinflusst vom konkreten Fall darüber sprechen, dass …, dann ergibt sich doch logischerweise daraus, …

Anwaltliche Schlussfolgerungen lauten häufig so:
• … was bedeutet, dass die Behandlung verschleppt wurde.
• … dann handelt es sich also doch um einen Behandlungsfehler.
• … dann kommen Sie selbst zur Ansicht, dass ein Behandlungsfehler vorliegt.
• … das heißt, dass Sie durch Ihre Stellungnahme den Behandlungsfehlervorwurf erhärten.
• … damit widersprechen Sie sich, was den Schluss auf einen Behandlungsfehler zulässt.
• Glauben Sie nicht, wenn der Patient gewusst hätte, dass dies oder jenes passieren könnte, dass er die Behandlung …

Vosicht bei der Wortwahl

Zur Erläuterung möchte ich noch zum Begriff „verschleppt“ festhalten, dass dieses Wort bereits einen Mangel oder Fehler impliziert, der sich auf eine Zeitspanne bezieht. Kurz gesagt bedeutet dies, dass bei Verwendung dieses Wortes zum Ausdruck gebracht werden soll, dass eine Behandlung nicht rechtzeitig erfolgte und dass darin ein Behandlungsfehler zu suchen sei. Ich empfehle daher aus gutachterlicher Sicht, eine genaue Unterscheidung zwischen den Begriffen verzögert und verschleppt zu treffen, da dies rechtlich von Bedeutung sein kann.
Im Folgenden drei Beispiele aus der Gerichtspraxis zum Thema „Karies- und Parodontalbehandlung“ sowie zur „Mundhygiene“.

Fallbeispiel 1

Einem Zahnarzt wurde von der Klägerin vorgeworfen, er hätte unterminierende Karies nicht entdeckt und sie habe davon erst im Rahmen eines Behandlerwechsels erfahren. Die Recherche hat ergeben, dass die Patientin bei der vorletzten und letzten Kontrolle vom Vorbehandler bereits darauf hingewiesen wurde. Eine entsprechende Dokumentation wurde diesbezüglich vorgelegt, wobei sich allerdings auch zeigte, dass die letzte Kontrolle mehr als zwei Jahre zurücklag.
Der Klagevertreter zog in Zweifel, dass sich derart viel Karies, wie vom Nachbehandler dargelegt, innerhalb dieses Zeitraumes gebildet haben konnte. Die Suggestivfrage bestand darin, dass der Rechtsanwalt des klagenden Patienten die Frage wie folgt formulierte: „Sie werden mir doch zustimmen, dass die Fotos, die der nachbehandelnde Zahnarzt nach Entfernung der Füllungen angefertigt hat, eine tiefe Karies zeigen“.
Hier habe ich zugestimmt, jedoch nicht mehr dem zweiten Teil seiner Feststellung, in der er meinte, er habe sich mit diesen Fotos bei anderen Zahnärzten erkundigt, die allesamt erklärt hätten, dass die Zeitspanne mit der Tiefe und Ausdehnung der Karies nicht korrelierten. Aufgrund der guten Dokumentation des Vorbehandlers und dem üblen Mundhygienestatus, den ich bei der Begutachtung feststellte, war es nicht schwer, als Gutachter diesen Einwand zurückzuweisen.

Fallbeispiel 2

Für die Folgen seiner Parodontose (Zahnlockerung und Verlust mehrerer Zähne) versucht ein Patient seinen Zahnarzt, bei dem er über zehn Jahre in Behandlung war, verantwortlich zu machen.
Er warf ihm vor, die Parodontose nicht erkannt und ihn über den Schweregrad seines Zustandsbildes nicht informiert zu haben. Wie sich bei den Verhandlungen herausstellte, war der Patient ein- bis zweimal pro Jahr zu einer sogenannten „Paro-Behandlung“ in der Ordination, und zahlreiche Röntgenbilder wurden angefertigt.
Der Patient bemerkte zwar schon vor Jahren, dass seine Zähne zunehmend locker wurden, erklärte aber, nichts von Parodontose gewusst zu haben. Die Paro-Sitzungen besuchte er, und die als Zeugen vernommenen zahnärztlichen Helferinnen erklärten vor Gericht, mit ihm über Parodontose gesprochen zu haben. Ebenso hatte dies ihr Chef getan. Hinzuzufügen ist noch, dass sich bei den Gerichtsunterlagen ein Bestellzettel gefunden hat, auf dem wörtlich „Parodontosebehandlung“ mit Angabe des Datums notiert war.
Dem Kläger war es nicht möglich, seine Uninformiertheit (Unkenntnis) bezüglich Parodontose vor Gericht glaubhaft darzustellen und zu behaupten, darüber nicht aufgeklärt worden zu sein, da das Gericht feststellte, dass in der heutigen Zeit sogar Schulkinder diesen Begriff kennen und auch Medien ständig darüber berichten. Da nützte auch die Frage des Klagevertreters nichts, der suggestiv meinte, ich werde ihm doch recht geben, dass es für Zahnlockerung auch noch andere Ursachen außer Parodontose gebe.
Ich habe ihm recht gegeben, und erklärte, dass auch ein Zahntrauma, ein Tumor etc. infrage kommen, die am meisten naheliegende Ursache jedoch die Parodontose ist.

Fallbeispiel 3

Hier geht es um die Eigenverantwortung hinsichtlich der Mundhygiene und um eine interessante Gerichtsentscheidung in Deutschland.
Die Patientin stand von 1990 bis 2004 regelmäßig in Kontrolle bei der beklagten Zahnärztin, berichtet sie. Im Jahr 2004 schlug diese ihrer Patientin eine umfangreiche Sanierung wegen Karies und Parodontose vor. Die Patientin ließ die Behandlung allerdings bei einem anderen Zahnarzt machen, wobei mehrere Zähne extrahiert und eine Wurzelspitzenresektion durchgeführt wurden. Die Klägerin behauptete vor Gericht, dass sie von ihrer Zahnärztin bis 2004 nicht auf den problematischen Zustand ihrer Zähne aufmerksam gemacht und über eine entsprechende Mundhygiene aufgeklärt wurde. Sie machte die Zahnärztin dafür verantwortlich und begehrte Schadenersatz.
Die Zahnärztin wandte ein, dass die Patientin nur sehr unregelmäßig in die Ordination gekommen sei und dass sie im Übrigen mehrmals auf die mangelhafte Mundhygiene hingewiesen habe. Es wurden von ihr auch Schäden an den Zähnen festgestellt und dies der Patientin mitgeteilt. Die Zahnbehandlung erfolgte nach und nach, bis schließlich die umfangreiche Sanierung empfohlen wurde. Das Urteil des Landesgerichtes Duisburg lautete wie folgt:
Ein Zahnarzt ist nicht verpflichtet, seinem Patienten zu erklären, dass und wie er Mundhygiene zu betreiben hat. Jedermann muss selbst wissen, dass und wie man die Zähne putzen soll, gegebenenfalls kann erwartet werden, dass er die Eigeninitiative aufbringt, sich hierüber selbst Kenntnisse zu verschaffen, was ohne großen Aufwand möglich ist. Dass die klagende Patientin ihre Zähne putzen musste, wusste sie, und die beklagte Zahnärztin durfte dahingehend Kenntnisse bei ihr voraussetzen.
Es sei nicht Aufgabe eines Zahnarztes, der feststellt, dass ein Patient sich nicht ordentlich die Zähne putzt, diesen dazu anzuhalten.
Etwas anderes kann allerdings dann gelten, wenn der Patient – für den Zahnarzt erkennbar – zu eigenverantwortlichem Handeln nicht in der Lage ist. In diesem Fall mögen sich besondere Fürsorgepflichten des Zahnarztes ergeben.
Die Eigenverantwortung des Patienten überwiegt in einem solchen Maße, dass die durch die Vernachlässigung der Mundhygiene eingetretenen Erkrankungen nicht als durch die Unterlassung eines Hinweises seitens des Beklagten adäquat verursacht angesehen werden können. Hier ist das Unterlassen der ordnungsgemäßen Mundhygiene in einem so überwiegenden Maße von der Patientin selbst zu vertreten, dass der Verursachungsanteil der beklagten Zahnärztin vollständig zurücktritt.
Das Berufungsgericht (Oberlandesgericht Düsseldorf) schloss sich diesen Ausführungen an und hielt außerdem fest, dass seit 1995 der Hinweis auf Mängel der Mundhygiene mehrfach dokumentiert wurde. Allerdings wies das Gericht auch darauf hin, dass es im Einzelfall Aufgabe des Zahnarztes sein könne, seine Patienten über eine geeignete Zahnpflege aufzuklären und dabei auch eine Änderung der Reinigungsgewohnheiten anzusprechen (das letztgenannte Beispiel ist unter dem Titel „Grenzen der zahnärztlichen Beratungspflicht bei mangelnder Mundhygiene“ von Christoph N. Stegers, Fachanwalt für Medizinrecht, Berlin, publiziert; „Quintessenz“ 1, 59. Jg., Jänner 2008).
Dieses Urteil erscheint mir interessant und zukunftsweisend, da sich das österreichische Medizinrecht am deutschen orientiert und darüber hinaus in zunehmendem Maße bei uns der Trend zu beobachten ist, dass Patienten dazu neigen, ihren Arzt für ihre Gesundheit/Krankheit voll und ganz verantwortlich machen zu wollen.

Prim. Prof. MR, DDr. H. Porteder, Zahnarzt 4/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben