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Zahnheilkunde 24. Juli 2008

Hygieneverhalten deutscher Zahnärzte

Hygienische Maßnahmen zum Infektionsschutz sind in der Zahnarztpraxis von großer Bedeutung. Wichtig ist dabei eine Multibarrieren-Strategie, so Prof. Dr. Axel Kramer, Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universität Greifswald. Um zu überprüfen, inwieweit die Grundlagen des Infektionsschutzes und der Unfallverhütung sowie die Empfehlungen des RKI – Robert-Koch-Instituts (die im Zahnarzt bereits des Öfteren vorgestellt wurden) – in deutschen Zahnarztpraxen Berücksichtigung finden, wurde von Kramer zusammen mit Kolleginnen/Kollegen aus Greifswald und Berlin eine Studie an drei Orten (Berlin, Greifswald, Magdeburg) durchgeführt.
Die Praxen wurden dabei nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Kramer: „Die Responserate lag zwischen 85 und 97 Prozent, was für ein großes Interesse der Zahnärzte und -ärztinnen an Infektionsprophylaxe spricht.“ Die Interviews wurden in deren Mittagspause durchgeführt und die Daten anonymisiert festgehalten. Insgesamt wurden 331 Zahnärzte befragt.

Wesentliche Defizite erkennbar

„Wie unsere Studie ergab, war das Hygieneverhalten durch wesentliche Defizite charakterisiert“, berichtet Kramer in einem Artikel in der Zeitschrift „Hygiene und Medizin“ (3/2008, 64–73). Zudem sei nicht auszuschließen, dass die Antworten gar nicht den Ist-Zustand repräsentieren, sondern eher die Vorstellung der Zahnärzte, wie der Zustand sein sollte. Andererseits sei zu berücksichtigen, dass die Befragung vor der Veröffentlichung der Neufassung der RKI-Richtlinie erfolgte, die zu einem Umdenkprozess in den Zahnarztpraxen und bei der Kammer geführt habe. So hat etwa die Landeszahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern den Zahnarztpraxen einen detaillierten Leitfaden für die Organisation der Hygiene in den Ordinationen zur Verfügung gestellt. Als Grundregel für das Hygienemanagement gilt dabei, dass jeder Patient so behandelt werden sollte, als hätte er eine übertragbare Krankheit.“
Hygienepläne wurden in bis zu 98 Prozent der Praxen vorgefunden (der höchste Prozentsatz fand sich in Greifwald), allerdings waren sie meist nicht praxisspezifisch. Der Impfschutz wies an allen drei Standorten gravierende Lücken auf. Selbst bei Hepatitis B betrug die Impfrate in Berlin nur 77 Prozent; in den neuen deutschen Bundesländern lag sie bei 95 Prozent. Immerhin 82 Prozent der Zahnärzte erhoben eine Infektionsanamnese; allerdings zogen sie daraus nicht immer die entsprechenden Schlussfolgerungen im Hinblick auf Endokarditisprophylaxe und Bestellsystem. In diesem Zusammenhang wies Kramer darauf hin, dass etwa in den USA bei Patenten mit totaler Hüftendoprothese in den ersten zwei Jahren nach der Implantation bei invasiven zahnärztlichen Eingriffen wegen des Risikos einer odontogenen Infektion eine Antibiotikaprophylaxe empfohlen wird. Danach gilt diese Empfehlung nur für Risikopatienten.

Desinfektion der Hände

Die empfohlene Händedesinfektion vor bzw. nach jeder Behandlung wurde relativ selten durchgeführt: in Berlin lediglich in 20, ansonsten in bis zu 50 Prozent der Praxen. Andererseits wurde eine Händewaschung vor jeder Behandlung in 85 bis 90 Prozent durchgeführt. „Der Stellenwert der Händedesinfektion wird offensichtlich stark unter, der der Händewaschung überschätzt“, fasst der Experte zusammen. Dabei stelle die Händewaschung im Unterschied zur alkoholischen Händedesinfektion eine hohe Belastung für das Hautorgan dar und sei daher nur bei sichtbarer Verschmutzung, nach Toilettenbesuch etc. angebracht. In bis zu 13 Prozent der Praxen wurde ein Gemeinschaftshandtuch verwendet, dies sei strikt abzulehnen, betonte Kramer. Desinfektionsmittelspender wurden vor Neubefüllung nur in etwas mehr als zehn Prozent der Praxen desinfiziert. Hautpflegemittel wurden in bis zu 20 Prozent nicht kontaminationssicher bereitgestellt.

OP-Handschuhe, Mundschutz, Schutzkleidung und Abdeckung

Auch dem routinemäßigen Tragen von Schutzhandschuhen sowie der Verwendung von sterilen OP-Handschuhen bei chirurgischen Eingriffen wurde nicht der erforderliche Stellenwert beigemessen. Darüber hinaus kamen gepuderte Handschuhe, die heute obsolet sind, in 24 bis 35 Prozent der Praxen zum Einsatz.
In den Berliner Zahnarztpraxen wurde in mehr als der Hälfte niemals eine Mundhöhlenantiseptik durchgeführt. In Greifswald bzw. Magdeburg war der Anteil der „Antiseptik-Verweigerer“ deutlich geringer. In der RKI-Richtlinie wird eine Mundhöhlenantiseptik bei Patienten mit erhöhtem Infektionsrisiko sowie bei allen umfangreicheren zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen empfohlen. Kramer empfiehlt zudem, analog zur Hautantiseptik, auch vor Injektionen in der Mundhöhle eine Antiseptik durchzuführen.
Erhebliche Mängel zeigten sich auch bei Schutzkleidung und Abdeckmaterialien. In bis zu 65 Prozent (Berlin) wurde Kofferdam grundsätzlich nicht eingesetzt. Aus hygienischer Sicht ist eine fehlende sterile Abdeckung des OP-Feldes bei oralchirurgischen Eingriffen nicht tolerierbar; sie fand sich in Berlin aber dennoch in einem hohen Prozentsatz der Praxen. Bei oralchirurgischen Eingriffen wurden sterile Kühlmedien (aus Einweggebinden) lediglich in 16 bis 26 Prozent verwendet. „Dies ist kritisch zu bewerten, da durch antibakterielle Zusätze zum Kühlwasser die erforderliche Keimfreiheit nicht erreicht wird“, erklärt der Hygieneexperte.
„Wir werden übrigens in der nächsten Zeit mit einer Langzeituntersuchung beginnen, die sich mit der Verkeimung der wasserführenden Systeme von Dentaleinheiten in einer (kieferorthopädischen) Praxis beschäftigt“, so Prof. Dr. Franz F. Reinthaler, Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin der MedUni Graz. Dabei soll die Biofilmentwicklung in sechs Dentaleinheiten verglichen werden (mit Desinfektionsmittelzumischung, mit Zumischung und Wasser-Ablaufenlassen in der Früh, ohne Zumischung usw.).

Keine Überwachung der Sterilisation

Eine korrekte Aufbereitung der Hand- und Winkelstücke nach jedem Patienten wurde nur in wenigen Praxen durchgeführt. Unbefriedigend war die Situation auch bei der Aufbereitung chirurgischer und endodontischer Instrumente. Weiters wurde in 2 bis 13 Prozent der Praxen die Sterilisation nicht überwacht. Ebenfalls in bis zu 13 Prozent wurde die Absaugkanüle nicht nach jedem Patienten gewechselt. „Abgesehen vom Infektionsrisiko ist das einfach ekelerregend“, betont Kramer.
Patientennahe Flächen wurden nach der Behandlung in lediglich 59 bis 65 Prozent der Praxen desinfizierend abgewischt. Relativ häufig wurde dabei nicht auf den Arbeitsschutz (Tragen von Schutzhandschuhen) geachtet. Schutzmaßnahmen bei Eingriffen an der Absauganlage wurden in Berlin in lediglich knapp 40 Prozent ergriffen; in Greifswald und Magdeburg war der Prozentsatz deutlich höher. Prothetische Werkstücke wurden in bis zu zehn Prozent (Berlin) nicht desinfiziert. Häufig wurden in den Praxen nicht geprüfte Desinfektionsmittel verwendet.

Zukünftig wird alles besser

„Angesichts der von uns vorgefundenen Defizite überrascht es nicht, dass die für die Zahnarztpraxen relevanten gesetzlichen Grundlagen und Empfehlungen häufig nicht vorhanden waren“, so Kramer. Was die Zukunft betrifft, äußert sich der Hygiene-Professor aber optimistisch: Durch die Initiativen der Landeszahnärztekammern zur Umsetzung der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sei eine durchgreifende Verbesserung der Situation zu erwarten. Darüber hinaus regte Kramer an, dass die Hygieneausbildung im Studium über die Vorlesung hinaus durch ein Praktikum vertieft werden sollte.

Dr. Peter Wallner, Zahnarzt 8/2008

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