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Zahnheilkunde 25. Oktober 2007

Generalsanierung mit einem neuen Hygienekonzept

Anlässlich der Generalsanierung der 14 Zahnambulatorien bleibt derzeit „kein Stein auf dem anderen“. Wir sprachen mit dem leitenden Chefzahnarzt Prim. DDr. Franz Schuster, MSc, über die Umsetzung der Arbeits-, Praxis- und Umwelthygiene.

Die letzte Generalsanierung der Zahnambulatorien der NÖGKK liegt über 20 Jahre zurück. Sie haben die Leitung der Zahnambulatorien von Prim. Dr. Urschütz mitten im derzeit laufenden Sanierungsprojekt übernommen.
Die Hygiene hat in der Zwischenzeit an Komplexität zugenommen und die Regelungen sind enger gefasst worden. Wie sind Sie an die Neuorganisation der Arbeits-, Praxis- und Umwelthygiene herangegangen?

Schuster: So wie es mir in meiner Zahnarztpraxis ergeht, so verhält es sich auch in einem Zahnambulatorium. Mit der Zeit wird man betriebsblind. Insofern empfand ich es als Vorteil im Zuge der Generalsanierung unbefangen auch an die Neuorganisation der Arbeits-, Praxis- und Umwelthygiene als Hygienebeauftragter herangehen zu können. Mir war jedoch von Anfang an klar, dass mit dem angestrebten neuen Hygienekonzept eine erhebliche Mehrbelastung auf die verantwortlichen Zahnärztinnen und Zahnärzte und die durchführenden Zahnarztassistentinnen zukommen würde. Ich trat daher mit dem Vorsatz an, diesen zeitlichen Mehraufwand durch eine rationellere Aufbereitungsmethode abzufedern. Mit der Begleitung des Hygieneprojekts wurde ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet, Herr Rudolf Bohrer, betraut. Er übernahm die Erstellung und Implementierung des neuen Hygienekonzeptes.

Können Sie die Grundlagen des Hygienevorhabens in groben Zügen erläutern?
Schuster: Nachträglich gesehen erscheint alles ganz einfach. Herr Bohrer erhob den Ist-Zustand in einem sanierten sowie in einem noch nicht sanierten Zahnambulatorium. Den bildlich festgehaltenen Zuständen und Prozessen stellte er – ebenfalls bebildert – den vorgeschlagenen Soll-Zustand gegenüber.

Der eine oder andere Leser wird sich nun fragen, wozu es eines Projektes bedarf, um ein neues Hygienekonzept zu erstellen und einzuführen?
Schuster: Mir erging es ebenso. Heute weiß ich, dass die vielfach erprobte Gliederung eines Projektes in eine Informations-, Planungs-, Realisierungs- und Abschlussphase viel für sich hat und vor Leerläufen und Fehlern bewahren kann. Wichtig ist, genügend Zeit in die Informations- und Planungsphase zu investieren.

Bitte fassen Sie jene Eckpunkte des Hygieneprojekts zusammen, die auch für niedergelassene Zahnärzte/-äztinnen von Interesse sein könnten.
Schuster: Hier sind vor allem zu nennen: die Erfassung des hygienerelevanten Status quo durch einen erfahrenen Fachmann, die Ermittlung des Verbesserungspotenzials beziehungsweise des Soll-Zustandes durch ebendiesen und die Festlegung des Hygiene-Levels, an dem sich die Praxis orientieren will. Weiters die Sondierung der dazu benötigten, normkonformen Geräte, die Erprobung der angestrebten Verfahren und die Erstellung der praxiseigenen Vorgabedokumente wie zum Beispiel Hygieneplan, Arbeitsanweisungen, Plan zur Routineüberwachung, fakultativ Wartungs- und Fortbildungsplan.

Wie und wo soll denn ein interessiertes Praxisteam die angestrebten Aufbereitungsverfahren erproben?
Schuster: Herr Bohrer hat im Wiener Dentalinformations-Centrum (DIC) der Firma Henry Schein einen funktionstüchtigen Aufbereitungsraum initiiert, mitgeplant und entscheidenden Einfluss auf die Einrichtung und Ausstattung genommen. Ich kann jedem interessierten Praxisinhaber nur empfehlen, diese Einrichtung unverbindlich zu nützen. Im Falle der niederösterreichischen Gebietskrankenkasse war das eine wertvolle Hilfe.

Haben Sie noch weitere Tipps für unsere Leserinnen und Leser?
Schuster: Empfehlenswert ist die Einbindung der betroffenen Mitarbeiterinnen von Anfang an. Veränderungen jeglicher Art bedeuten für die Betroffenen immer Verunsicherung und auch Angst. Um diese abzubauen, ist vor jeder der vier Projektphasen ein Kurzvortrag durch den Praxisinhaber oder den externen Begleiter angezeigt. Regelmäßige Mitarbeiterbesprechungen dienen auch dazu, das Wissenskapital der Mitarbeiterinnen („Mitunternehmer“) zu nützen. Für sinnvoll halte ich auch die Ernennung einer Hygienekontaktperson auf freiwilliger Basis – ähnlich der Sicherheitsvertrauensperson im Arbeitsschutzrecht. Als wertvoll kann sich auch erweisen, dass nach jeder extern absolvierten Schulung die Teilnehmerinnen drei, unmittelbar umsetzbare Vorschläge zum Nutzen der Praxis einbringen. Neben den regelmäßig durchgeführten Mitarbeiterbesprechungen halte ich auch eine Kommunikationsplattform für Hygienebelange auf digitaler Basis für sinnvoll – ähnlich dem früheren schwarzen Brett in großen Firmen. Für Schulungszwecke bietet sich die Anfertigung eines semiprofessionellen Videos in der Praxis anhand der Arbeitsanweisungen und des Planes zur Routineüberwachung an. Die Arbeit vor der Kamera lässt bei den Mitarbeiterinnen die Identifikation mit dem infektionsprophylaktischen Anliegen stark ansteigen. Wer sich den Aufwand nicht antun möchte, wird vielleicht stattdessen eine Fotoserie anfertigen. Der Erfolg eines Hygieneprojektes ist daran abzulesen, wie die von den Mitarbeiterinnen selbst erstellte Hygienecheckliste erfüllt wird und eventuell die freiwillige jährliche Hygienebegehung durch einen unabhängigen Dritten ausfällt. Selbstkontrolle ist jedenfalls der Schlüssel zum Erfolg.

Nun zu einer Gretchenfrage.
Für welches Aufbereitungskonzept hat sich das Hygieneteam entschieden?

Schuster: Da in Österreich die Verordnung nach § 93 MPG, die so genannte Hygiene-Verordnung, seit Jahren auf sich warten lässt, war das Hygieneteam in seiner Entscheidung frei. Der Stand von Wissenschaft und Technik wird derzeit im deutschsprachigen Raum durch die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts widergegeben. Die darin vorgegeben Anforderungen übernahmen wir in unsere strategische Planung. Dies fiel uns umso leichter, als intern schon vorher die Entscheidung für die maschinelle Aufbereitung in einem Thermodesinfektor der Firma Miele gefallen war.
Nach der Risikoanalyse der aufzubereitenden Medizinprodukte und deren Einteilung in Medizinprodukte-Gruppen konnten wir uns unter Anleitung den entsprechenden Verfahren zuwenden. Bei der Aufbereitung der Instrumente sollte die Anzahl der Handkontakte im Vergleich zur bisherigen nasschemischen Eintauchmethode reduziert werden. Hier griff das Hygieneteam auf einen Vorschlag von Herrn Bohrer zurück und entschied sich für ein indikationsbezogenes Settray. Auf Bitten des Beraters besorgte die Firma Henry Schein eine bereits vorselektionierte Auswahl von sechs Wasch- und zugleich Sterilisier-Systemen für Handinstrumente und je zwei für rotierende und Wurzelkanal-Instrumente. Die Entscheidung fiel bei den Handinstrumenten zugunsten eines thermostabilen Kunststoff-Rahmens aus, der im DIC und in einem Pilot-Ambulatorium getestet wurde. Den Abschluss bildete die Erstellung der ambulatoriumsinternen Vorgabedokumente, die vom Sachverständigen, der die Validierungen vornahm, und der Sanitätsbehörde gefordert wurden. Das Hygienekonzept wurde von Herrn Bohrer anlässlich einer Informationsveranstaltung den Beschäftigten der Zahnambulatorien vorgestellt und eine Diskussionsrunde eingeleitet.

Die als Krankenanstalten geführten Zahnambulatorien sind einer regelmäßigen Hygienekontrolle unterworfen. Stimmt es, dass diese einen strengeren Maßstab anlegt als die im Rahmen des Zahnärztegesetzes vorgesehene Evaluierung der Qualität?
Schuster: Ihre Frage ist mit „ja“ zu beantworten. Wir unterliegen dem Krankenanstaltengesetz und damit der sanitären Aufsicht. Diese orientiert sich überwiegend an der Krankenhaushygiene.

Können Sie dazu ein konkretes Beispiel nennen?
Schuster: Im Medizinproduktegesetz wird für alle Einrichtungen
des Gesundheitswesens die Validierung der Aufbereitungsprozesse gefordert, das heißt, die Reinigung/Desinfektion, Verpackung und Sterilisation sind mit geeigneten validierten Verfahren durchzuführen. Die Sanitätsbehörde steht auf dem Standpunkt, dass Zahnambulatorien, die in Form einer öffentlich-rechtlichen Krankenanstalt betrieben werden, diese zeit- und kostenintensive Prozedur auf sich nehmen müssen.

Da das Medizinproduktegesetz die Validierung explizit auf die Art, Größe und Aufgabenstellung der Einrichtung abstellt, wird die Forderung nach Validierung der Aufbereitungsverfahren im Rahmen der Führung einer allgemeinen Zahnarztpraxis nicht nur in zahnmedizinischen Fachkreisen sehr kontrovers diskutiert.
Könnten Sie daher noch ein anderes Beispiel für vorhandene Unterschiede bei Kontrollen anführen?

Schuster: Spontan fällt mir die Qualität des Brauchwassers aus der Behandlungseinheit ein. Geläufige Schlagworte dazu sind: Biofilm, Pseudomonaden und Legionellen. Zahnambulatorien müssen jährlich eine Prüfung vornehmen lassen, deren Ergebnisse bei der sanitätsbehördlichen Einschau vorzulegen sind.

Wie lautet Ihr kritisches Resümee zu dem Hygieneprojekt?
Schuster: Ich hätte nicht gedacht, dass sich das Spannungsfeld zwischen Krankenhaushygiene und Praxishygiene in der Zahnheilkunde so gravierend auswirken könnte. Weiters, dass die Sprache der involvierten Projektpartner so unterschiedlich ausfallen kann. Und letztlich, dass die Umstellung so lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Aber wie heißt es schon in „Murphy’s Law“: „Alles dauert länger, als man glaubt.“

Dr. Peter Wallner, Zahnarzt 10/2007

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