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Zahnheilkunde 25. Oktober 2007

Mikrobiologische Analyse in der zahnärztlichen Praxis

 Kultur anlegen
Anlegen einer Kultur

Die menschliche Mundhöhle ist als Grenzraum zwischen Organismus und Umwelt von mehr als 400 Keimspezies, in der Mehrzahl Bakterien, aber auch Pilze und Viren, besiedelt. Sie bilden ein komplexes Ökosystem, welches bei gesundem Organismus und intaktem Immunsystem hohe Stabilität aufweist. Ein plaquefreier Zustand existiert selbst bei bester Mundhygiene in der Praxis nicht und wäre auch ­keineswegs wünschenswert.
Die natürliche Keimflora hat auf den oralen Geweben eine wichtige Schutz- und Platzhaltefunk­tion, durch welche eine Besiedelung mit von außen eindringen den, möglicherweise krankheitser­ re­gen­den Mikroorganismen ver­ hindert wird. Die Keime bilden auf den oralen Hart und Weichgewebsoberflächen Biofilme, welche im apathogenen Zustand durch die natürliche Regeneration der Schleim­häute und die keimbegrenzende Wirkung des Speichels reguliert werden. Sämtliche Bestandteile des oralen Ökosystems stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Störungen der Biozönose durch endo- oder exogene Faktoren können zu Erkrankungen
der oralen Strukturen führen. Vor allem die ständige physiologische Erneuerung des Saumepithels ist eine wichtige Vo­raussetzung zur Aufrechterhaltung der Gesundheit von Gingiva und Parodontium.
Bei mangelnder Mundhygiene können sich Pilze und Bakterien vermehrt ansiedeln. Besonders auf den Zahnoberflächen entstehen Beläge, in welchen sich die Wachstums- und Vermehrungsbedingungen der Keime verändern. Stoffwechselprodukte der Keime und zunehmende Sauerstoffarmut innerhalb der dichten Plaque induzieren eine Zunahme anae­rober und mikroaerophiler Keime, welche oft über potente Patho­mechanismen verfügen. Die Keimakkumulation führt letztlich zu ­einer Störung der Regeneration des Saumepithels, zur Entzündung und Taschenbildung. Über die Etablierung zunächst spezifischer parodontalpathogener Mikroor­ganismen greift die Entzündung auf das Desmodont und den Al­veolarknochen über.

Exo- und endogene Komponenten beeinflussen die Sulcusflora

Socransky beschreibt vier Faktoren, welche parodontale Erkrankungen provozieren können. Diese sind: günstige lokale Wachstumsbedingungen für Keime, ein Wirtorganismus mit defizitärem Immunsystem, eine hohe Anzahl potenziell pathogener Keime und eine rückläufige Zahl schützender apathogener Arten.
Diese multifaktorielle Genese und die unterschiedlichen exo- und endogenen Auslöser führen zu individuell unterschiedlichen Keimspektren und Krankheitsverläufen, welchen bei der Therapie Rechnung getragen werden muss. In einer Zahnfleischtasche finden sich zwischen 30 bis 100 Keim­arten, welche nicht alle primäre Pathogene darstellen. Während für die Auslösung der gingivalen und parodontalen Erkrankungen nach derzeitigem Wissensstand nur eine begrenzte Anzahl von ­Keimen in Frage kommt, können die Erhaltung und Progression der ent­zündli­chen Prozesse auch von zahlrei­chen anderen Spezies betrieben werden.
An und teilweise auch in den vorgeschädigten Weichgeweben können sich bei fortgeschritte­nen Parodontiden atypische Keime, die nicht zur Mundhöhlenflora ­gehören, ansiedeln. Blutungen und zerstörte Gewebeteile bilden einen idealen Nährboden für solche Keime, die in einem gesunden ­Biotop keine Möglichkeit zur Ko­lonisation finden würden. Diese Mikroorganismen können sogar die ursprünglichen „klassischen Parodontalkeime“ weitgehend aus dem Sulcus verdrängen und selbst zu schweren entzündlichen Dest­ruktionen und erhöhter Krankheitsprogression führen. Besonders Patienten mit eingeschränkter Immunkompetenz und/oder systemischen bzw. konsumieren­den Erkrankungen sind gefährdet. Prädisponierende Faktoren können dabei exogene Noxen wie ­Rauchen, mechanische und chemi­sche Schädigungen, bestimmte Medikamente und psychischer Stress sein. Zu den endogenen Auslösern gehören auch Dysfunktionen der neutrophilen Granulozyten, ein hyperaktiver Monozytentyp und andere Einschränkungen der lokalen Abwehr.
Die notwendige Berücksichtigung dieser Faktoren erfordert vom behandelnden Arzt eine detaillierte Analyse des Zusammenspiels der krankheitsbedingenden Komponenten. Die mikrobiologische Untersuchung der Sulcusflora ist dabei ein wichtiger Baustein zur Diagnosestellung und zur Erarbeitung eines individuellen patientengerechten Behandlungsschemas. Die Bestimmung der ­Sulcusflora muss letztlich eine ­therapeutische Konsequenz, meist in Form einer adjuvanten antibiotischen Therapie haben. Im Idealfall besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen dem mikro­biologischen Labor und dem behandelnden Zahnarzt.

Risikofaktoren des Patienten sind wichtige Informationen

Informationen über die Anamnese des jeweiligen Patienten mit Angabe der Risikofaktoren sowie der Dauer und Art seiner Erkrankung sind für den Mikrobiologen äußerst hilfreich. So können beispielsweise bei einem Diabetiker oder einem immunsupprimierten Patienten bereits in die primäre Analyse auch Keimgruppen einbezogen werden, die beim organisch gesunden Patienten eher selten auftreten. Dasselbe gilt bei Verdacht auf Pilzbefall oder bei oralen Läsionen, die eine virale Komponente vermuten lassen. Wichtig ist die Angabe möglicher Antibiotika-Unverträglichkeiten seitens des Patienten. Im Antibiogramm kann im mikrobiologischen Labor dann gleich ein alternatives Mittel ge­testet werden. Das Labor soll also eine möglichst umfassende Keim­bestim­mung unter Berücksichtigung individueller Patientendaten durchführen.
Weiters müssen auch die bestehenden pathogenitätsverstärkenden Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Keimspezies miteinbezogen werden. Die Virulenz einer subgingivalen Plaque ­resultiert nicht nur aus der Summe der Pathomechanismen der ein­zelnen Spezies, sondern weit mehr noch aus den sich gegenseitig verstärkenden Interaktionen der beteiligten Mikroben. Nur über die Kenntnis dieser Mechanismen kann ein möglichst optimaler Therapieansatz gefunden werden. Geduld und interdisziplinäre Kommunikationen können erfahrungsgemäß auch bei so genannten „therapierefraktären Fällen“ zum Erfolg führen.

Ch. Eder, L. Schuder, Zahnarzt 11/2007

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