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Zahnheilkunde 29. Mai 2007

Entzündungen der Speicheldrüse

Für die Integrität und Funktion der oralen Strukturen ist eine ausreichende Speichelproduktion eine wesentliche Voraussetzung. Pathologische Veränderungen der Drüsen führen daher praktisch immer zu Störungen, wie Mundtrockenheit mit Geschmacks- und Schluckstörungen, vermehrter Karies- und Parodontitisneigung und Stomatitis durch veränderte Keimbesiedelung. Der Zahnarzt ist daher bei Speicheldrüsenerkrankungen oft der erste Ansprechpartner. Besonders Veränderungen der kleinen Speicheldrüsen wie Tumoren und Entzündungen werden nicht selten bei der intraoralen Inspektion im Rahmen einer Routinekontrolle entdeckt. Die Kenntnis der möglichen Differenzialdiagnosen dieser Erkrankungen sowie Anordnung weiterführender Untersuchungen zur Klärung von Ursache und Dignität fallen daher häufig in den Aufgabenbereich des Zahnarztes.
Bei den Speicheldrüsen unterscheidet man zwischen den großen paarigen extraoralen Drüsen, Gl. parotis, Gl. submandibularis und Gl. sublingualis, und den unpaarigen intraoralen kleinen Drüsen an den Lippen, der Zunge, der Wangenschleimhaut, am Gaumen und im Rachen.
Die großen Speicheldrüsen liegen zwar außerhalb der Mundhöhle, sind aber durch ihre Ausfuhrgänge mit dieser in offener Verbindung. Der Speichelfluss aus diesen Gängen muss ständig aufrechterhalten bleiben, da sonst Keime über das Gangsystem in die Drüse hineinaszendieren und zu massiven Entzündungen führen können. Die aus einem oberflächlichen und einem tiefer gelegenen Drüsenanteil bestehende Gl. parotis mündet gegenüber den ersten und zweiten Oberkiefermolaren auf der Papilla salivaris superior, die Gl. submandibularis liegt am posterioren Rand des M. mylohyoideus und mündet auf der Caruncula sublingualis. Die aus drei Drüsengruppen (posteriore seröse, posteriore mucöse und anteriore gemischte Drüsen) bestehende Gl. sublingualis befindet sich in der Plica sublingualis des Mundbodens. Entzündungen und Veränderungen an diesen intraoralen Mündungsbereichen weisen immer auf Erkrankungen der Drüsen hin.

Virale Infektionen

Bei Speicheldrüsenerkrankungen kann man prinzipiell zwischen entzündlichen Erkrankungen (Sialadenitis), nichtentzündlichen Veränderungen, Tumoren und zystischen Speicheldrüsenveränderungen unterscheiden.
Infektiöse Speicheldrüsenentzündungen können bakteriell oder viral bedingt sein. Die bekannteste virale Speicheldrüsenerkrankung ist zweifelsfrei die von Myxoviren verursachte Mumps. Sehr häufig und weniger bekannt sind Entzündungen durch das Cytomegalievirus (CMV). Dieses rezidiviert nach der oft im Kindesalter erfolgten Primärinfektion bei Abwehrschwäche auch im Erwachsenenalter und führt zu Schwellungen der betroffenen Gewebe. Die Zellkerne zeigen typische virale Kerninklusionen (Eulenaugenzellen).

 Mundtrockenheit
Mundtrockenheit mit Geschmacks- und Schluckstörungen, vermehrter ­Karies- und Parodontitisneigung und Stomatitis können Hinweise auf pathologische Veränderungen sein.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Bakterielle Infektionen sind häufiger

Häufiger und weniger spektakulär sind bakterielle Infektionen, welche fast immer durch aszendierende Keime aus der Mundhöhle ausgelöst werden. Akute eitrige Sialadenitis einer oder mehrerer großer Speicheldrüsen wird meist durch Staphylokokken oder hämolysierende Streptokokken hervorgerufen. Entzündungen und Schwellungen kleiner Speicheldrüsen können im Rahmen vorbestehender bakterieller Erkrankungen wie Stomatitis und/oder schwere Gingivitis entstehen. Andererseits können sie wiederum Ausgangspunkt für weitere Infektionen der Mundschleimhaut und des Zahnfleisches sein. Mangelnde Mundhygiene und unversorgte Parodontalerkrankungen steigern die Keimbelastung und damit auch das Risiko aufsteigender Infekte. Die so genannte suppurative Parotitis ist eine akute pyogene Infektion des Speicheldrüsengewebes, welche vor allem ältere im Allgemeinzustand und in der Abwehr reduzierte Patienten betrifft und ebenfalls durch retrograd von der Mundhöhle her über den Ductus Stenoni aufsteigende Keime ausgelöst wird.
Bakteriell induzierte Erkrankungen der Speicheldrüsen müssen immer auch antibiotisch therapiert werden, da die Gefahr einer Abszessbildung mit Einbruch in benachbarte Strukturen wie Mundboden oder Gehörgang besteht.
Die Entzündungen können unter bestimmten Umständen rezidivieren und schließlich chronisch werden. Das Entzündungsgeschehen greift dann auf die Umgebung der Drüse über und diese kann durch bindegewebigen Umbau wie ein derber nicht verschieblicher Tumor imponieren. Es kommt zur Atrophie und Vernarbung der Drüsen. Ein Beispiel dafür ist der „Hütterer Tumor“ der Gl. submandibularis, bei welchem das chronische Entzündungsgeschehen mit Gangproliferationen einhergeht. Chronische Verläufe werden durch vorbestehende Läsionen des Drüsensystems begünstigt.
Speichelsteine führen fast immer zu verstärkter Keimbelastung und Entzündung. Sie treten bevorzugt in der Gl. submandibularis auf und stehen meist in Zusammenhang mit systemischen Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, Gicht, Neigung zur Steinbildung in anderen Organen wie Galle oder Harnwegen und erhöhtem Kalziumspiegel im Serum. Wenn ein Stein den Ausfuhrgang verlegt, kommt es zu vermindertem Speichelfluss und zur Ansiedelung von potenziell pathogenen Bakterien. Besonders im Sommer begünstigt mangelnde Flüssigkeitsaufnahme die Infektion. Diese führt letztlich zu schmerzhaften Entzündungen. Da die damit einhergehende Schwellung als derber Knoten im Mundbodenbereich imponiert, ist der Zahnarzt oft der erste Ansprechpartner. Eine differenzialdiagnostische Abklärung einer solchen Läsion (Ausschluss eines möglichen Tumors im Mundbodenbereich) ist eine unbedingte Notwendigkeit. Die Erstdiagnose kann mittels Ultraschall erfolgen. Bei dringendem Verdacht auf Speichelstein sollte eine Sialographie angeordnet werden. Die weiteren Schritte werden vermutlich in Zusammenarbeit und Absprache mit einem HNO-Arzt durchgeführt werden. Die Therapie kann dann in Abhängigkeit von der Größe und Lage der Steine eine endoskopische Steinentfernung oder bei sehr kleinen Steinen eine Ausschwemmung der Steine durch medikamentöse Anregung des Speichelflusses sein.
Neben Speichelsteinen können auch alle anderen Verengungen des Gangsystems wie Narben, Polypen oder Tumoren zu einem Sekretstau mit den beschriebenen Konsequenzen führen.
In jedem Fall ist eine Sanierung notwendig, da die verminderte Drüsenfunktion sonst negative Auswirkungen auf das gesamte intraorale Milieu hat.

Ch. Eder, L. Schuder, Zahnarzt 6/2007

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