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Zahnheilkunde 29. Mai 2007

Parodontologie „pur“ am Wolfgangsee

Der Präsident der ÖGP Dr. Wolfgang Müller zur Situation im niedergelassenen Bereich: „Die Einführung einer parodontalen Kontrolle durch Allgemeinmediziner im Rahmen der Gesundenuntersuchung war sicherlich ein wichtiger Schritt hinsichtlich der Bewusstmachung dieses Problems. Allerdings belastet sie in der derzeitigen Form die Allgemeinmediziner zeitlich zu stark und führt unter Umständen trotzdem zu falsch negativen Ergebnissen, da die Parodontitis eine sehr komplexe Erkrankung mit schubhaftem Verlauf ist und nur von Zahnmedizinern verlässlich diagnostiziert werden kann. Es ist daher unser Bestreben, einerseits diese Untersuchung durch Allgemeinmediziner zu vereinfachen, andererseits zu erreichen, dass jedem Patienten bei der Gesundenuntersuchung eine zahnärztliche Kontrolle nahegelegt wird.“
Ein weiteres Ziel ist, dass die von der ÖGP favorisierte „Parodontale Grunduntersuchung“ dann auch tatsächlich von den Zähnärzten flächendeckend durchgeführt wird, was bisher nicht der Fall ist (Informationen zur „Parodontalen Grunduntersuchung“ unter www.oegp.at).

Live-Operationen

Wie schon die Jahre zuvor wurde auch heuer ein umfangreiches Programm für Ärzte, Praxismitarbeiterinnen und Prophylaxeassistentinnen geboten. Um der Themenvielfalt gerecht zu werden, wurde parallel in zwei Sälen von anerkannten Spezialisten aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Belgien vorgetragen.
Eines der Highlights bildete die Übertragung von Live-Operationen auf eine Großleinwand. In zwei aufeinanderfolgenden operativen Eingriffen demonstrierte Prof. Dr. H. Wachtel aus München zunächst eine neue Membrantechnik (Double-Layer-Technik) für die gesteuerte Knochenregeneration bei einer Implantation. Wachtel: „Hinsichtlich der knöchernen Augmentation in der horizontalen Dimension zeigen membrangestützte Verfahren hohe Erfolgsraten. Die Wahl der Membran hat in diesem Zusammenhang jedoch einen großen Einfluss auf das zu erwartende Therapieergebnis. Nichtresorbierbare Membranen erzielen aufgrund ihrer hervorragenden Barrierefunktion sehr gute Ergebnisse, jedoch ist eine Infektion mit folgender Membranexposition mit großen, häufig irreversiblen Gewebsverlusten verbunden. Im Gegensatz dazu sind resorbierbare Membranen häufig komplikationsärmer, jedoch sind deren Stabilität und Barrierefunktion nicht vergleichbar mit einer nichtresorbierenden Membran.“ In der Live-Op wurde gezeigt, wie sich diese Nachteile durch Anwendung von zwei unterschiedlichen resorbierbaren Membranen ausgleichen lassen.
In der zweiten Operation brachte er den Tagungsteilnehmern die „modifizierte Tunneltechnik“ näher. Diese modifizierte Tunneltechnik, die zur Rezessionsdeckung, zur Gingivaverdickung und zum Alveolarkammaufbau eingesetzt werden kann, verzichtet fast vollständig auf Inzisionen und erzielt durch Untertunnelung der Gewebe in Kombination mit subepithelialen Bindegewebstransplantaten hervorragende nahezu narbenfreie Ergebnisse. Zu dieser minimalinvasiven Technik kommt die Anwendung eines mikrochirurgischen Konzeptes: scharfe Mikroskalpelle, spezielle scharfe Instrumente zur Tunnelierung und mikrochirurgisches Nahtmaterial sorgen für ein reduziertes Gewebetrauma mit minimaler postoperativer Rezession.

Regenerative Verfahren

Ein Update der regenerativen Parodontitistherapie wurde von Privatdozent Dr. M. Christgau aus Düsseldorf gebracht. Er wies darauf hin, dass das ideale Ziel der Parodontitistherapie die vollständige Regeneration des infolge entzündlicher Prozesse verloren gegangenen parodontalen Stützgewebes ist. Nicht alle dafür entwickelten Therapiekonzepte haben zu diesem erklärten Ziel geführt.
Zu den wissenschaftlich anerkannten Verfahren zählen heute die gesteuerte Geweberegeneration mit Hilfe zellokklusiver Membranen sowie die Applikation von Schmelz-Matrix-Proteinen.
Bei der Anwendung von Knochenersatzmaterialien muss man sich vor Augen halten, dass die klinischen Parameter kein Beweis dafür sind, dass eine histologische Regeneration eingetreten ist. Als Goldstandard gilt immer noch die Verwendung körpereigenen Knochens. Bei Verwendung von extraoralem Knochen, z. B. aus dem Beckenkamm, besteht jedoch ein Risiko für das Auftreten von Wurzelresorptionen. Er warnte davor, Erfahrungen hinsichtlich der Knochenersatzmaterialien, die in der Implantologie gemacht wurden, 1:1 auf die Parodontologie zu übertragen. Die modernen Membranen sind bei richtiger Anwendung alle als gut einzustufen. Extrem wichtig ist bei allen regenerativen Verfahren die prä- und postoperative Infektionskontrolle. Darüber hinaus kommt dem korrekten, mikroinvasiven Weichgewebsmanagement eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg regenerativer Eingriffe zu. Für den Langzeiterfolg ist weiters ein funktionierendes Recall-System mitbestimmend.

Lokale oder systemische Antibiotikatherapie

Prof. Dr. A. Mombelli befasste sich mit der Antibiotikatherapie im Rahmen der Parodontalbehandlung. Der Einsatz antimikrobiell wirksamer Substanzen hat das Spektrum der Parodontaltherapie in den letzten Jahren entscheidend verbessert und diese Möglichkeiten sollten auch ausgeschöpft werden, bevor man frühzeitig resigniert und sich mit dem Gedanken tröstet, dass es ja auch noch Implantate gebe. Voraussetzung für den Einsatz dieser Substanzen ist jedoch ein vertieftes Verständnis für die biologischen und pharmakodynamischen Abläufe.
Insbesondere bei aggressiven und refraktären Parodontitisformen ist ein kombiniert mechanischantibiotischer Therapieansatz angezeigt. Antibiotika können, lokal oder systemisch eingesetzt, bei schwierigen Problemen unterstützend wirken und die Notwendigkeit zusätzlicher Interventionen reduzieren. Zu beachten ist auch, dass sich manche Keime mechanisch nicht zur Gänze entfernen lassen, wie beispielsweise Aggregatibacter actinomycetem comitans. Zu den häufigsteingesetzten Medikamenten gehören Amoxycillin, Metronidazol und Clindamycin. In Bezug auf die Resistenzbildung ist es sinnvoller zwei Antibiotika kombiniert zu geben.

Erkrankung der Mundschleimhaut

In den letzten Jahren hat die Zahnheilkunde eine Interessenverschiebung von der rein reparativen Tätigkeit hin zu oralmedizinischen und systemischen Aspekten mitgemacht. In diesem Zusammenhang findet auch die Thematik der Mundschleimhauterkrankungen wieder mehr Beachtung. Dr. W. Bengel aus Bensheim stellte unterschiedliche Erkrankungsformen und Möglichkeiten, einer klinischen Diagnose nahezukommen, dar. Gesamt betrachtet ein schwieriges Feld, da die Mundschleimhaut nur beschränkte Reaktionsmöglichkeiten auf verschiedenste Reize hat und dadurch vieles sehr ähnlich aussieht. Zudem kann bei sehr vielen systemischen Erkrankungen die Mundschleimhaut mitbeteiligt sein.
Ein umfangreiches Programm wurde auch den zahnärztlichen Assistentinnen geboten. Mehrere Vorträge widmeten sich dem Umgang mit allgemeinmedizinisch kompromittierten Patienten und Patienten mit speziellen Bedürfnissen. J. Schönberg und RDH A. van der Lans (Wien) wiesen darauf hin, dass die Zahl der dementen Patienten, die an der Alzheimer-Erkrankung leiden, zunimmt. Schwere Erkrankungen dieser Art führen nicht nur zu allgemeinmedizinischen und Verhaltensproblemen, sondern wirken sich auch negativ auf die orale Hygiene aus. Zahnmedizinische Betreuungskonzepte müssen entsprechend adaptiert werden. Weiters wurden Konzepte zur Raucherentwöhnung (Prof. Dr. P. Saxer, Zürich) und praktische Tipps aus der motivierenden Gesprächsführung (Mag. Dr. C. Luciak-Donsberger, Wien) im Umgang mit schwierigen Patienten vermittelt.
Raum für Kommunikation war auch beim schwungvollen Gesellschaftsabend gegeben. „Dr. Kingsize – The Elvis Tribute Show“ und die Sonderausgabe einer amüsant gestalteten „zahnärztlichen Millionenshow“ sorgten für wohltuende Entspannung nach der konzentrierten Kongresstätigkeit.

Dr. Wilhelm Schein, Zahnarzt 6/2007

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