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Zahnheilkunde 29. Mai 2007

8. Kärntner Seesymposion

 Seesymposium
v.l.n.r.: Prof. Dr. Thomas Bernhart, Dr. Paul Weigl, Ass. DDr. Martin Krainhöfner, Prof. DDr. Michael Matejka und Dr. Georg-H. Nentwig

Zirka 450 Besuchern wurden von 4. bis 6. Mai 2007 in Pörtschach am Wörthersee Vorträge aus verschiedensten Spezialbereichen der Zahnheilkunde geboten. Wissensgebiete zu vernetzen, war eines der erklärten Ziele der Tagungsleiter DDr. Martin Wiegele und DDr. F. K. Tuppy. Die hohe Besucherzahl zeigte, dass diese Zielvorstellung von vielen Kollegen geteilt wird.
Tuppy dazu: „Es gehört zu unserer zahnärztlichen Tätigkeit Brücken zu bauen. Im übergeordneten Sinne wollen wir auch bei unserer Fortbildungstätigkeit Brücken bauen – zwischen verschiedenen medizinischen Wissensgebieten, aber auch zwischen den Menschen und Institutionen, die sich der Vermittlung dieses Wissens widmen.“

Prothetische Behandlungskonzepte

Eine länderübergreifende Brücke wurde mit dem Highlight der Veranstaltung gebaut – dem Vergleich der prothetischen Behandlungskonzepte der Wiener und der Frankfurter Schule. Anhand eines Falles mit Teilbezahnung im OK und UK wurden von Repräsentanten beider Schulen prothetische Versorgungskonzepte inklusive entsprechender Kostenrechnungen vorgestellt. Die Wiener Schule wurde repräsentiert durch Prof. Dr. Thomas Bernhart und Ass. DDr. Martin Krainhöfner, die Frankfurter Schule durch Prof. Dr. Georg-H. Nentwig und Dr. Paul Weigl. Dabei zeigten sich einerseits viele Gemeinsamkeiten, vor allem in der Zieldefinition, aber auch unterschiedliche Auffassungen betreffend Durchführung der Therapie, was zeitweise zu recht hitzigen Diskussionen führte. Als ausgleichender Moderator fungierte Prof. DDr. Michael Matejka, der mit Ruhe und Übersicht die Diskussionen leitete.
Vorgestellt wurden Versorgungen beginnend mit der einfachen Modellguss-Kassenlösung bis hin zu hochwertigen implantatgetragenen Versorgungen. Während die Wiener Schule bei den abnehmbaren Modellgussversorgungen eher biegeelastischen Halteelementen und Verbindern, die auch eine gewisse Knochenlagerbelastung zulassen, den Vorzug gibt, setzt die Frankfurter Schule auf eher starre Verankerungen.
Bei den Implantatversorgungen bevorzugt das Frankfurter Team um Prof. Nentwig das Ankylos-System mit Bio-Oss als Knochenersatzmaterial und man sieht auch kein Problem darin, natürliche Pfeilerzähne in eine implantatgetragene Brücke einzubinden. Außerdem wurde der Standpunkt vertreten, dass durch die exakte Konusverbindung beim Ankylos-Implantat einer Spaltbewegung kein Raum gegeben sei, dadurch komme es nicht zu ständigen bakteriell kontaminierten Fluidverschiebungen und das Bone-Remodelling im crestalen Bereich könne dadurch verhindert werden. Hierzu merkte Prof. Dr. Matejka kritisch an, dass sich seines Erachtens dieses Problem nicht auf den verwendeten Implantattyp reduzieren lasse, da es sich hierbei um ein multifaktorielles Geschehen handle.
Weiterer intensiver Diskussionspunkt war die Verwendung von Kurzimplantaten, um sich aufwändigere augmentative Verfahren zu sparen. Bei Implantaten mit Presspassung und Konusverbindung, so Prof. Nentwig, können auch kleinere Implantate mit Einzelzähnen belastet werden. Voraussetzung dafür ist allerdings ein optimales Knochenmanagement. Außerdem empfiehlt er nach Freilegung der Implantate eine zunächst mehrmonatige provisorische Versorgung mit wenig belastenden Kunststoffkronen, bis sich die funktionellen Strukturen des Knochens ausgebildet haben. Erst dann erfolgt die Definitivversorgung. Zur Vermeidung von Nervverletzungen empfiehlt er einen Verzicht auf die Leitungsanästhesie, weil man bei lokaler Infiltration rechtzeitig durch Reaktionen des Patienten gewarnt werde.
Augmentations- und Implantationsverfahren, wie sie in der Wiener Schule zur Anwendung kommen, wurden von Prof. Dr. Bernhart eindrucksvoll dargestellt. Ass. DDr. Krainhöfner bot einen sehr systematischen und anschaulichen Überblick über die Erfordernisse bei der prothetischen Planung.
Einig war man sich darin, dass verschiedene Wege zum angestrebten Therapieziel führen, eine sorgfältige Planung und gewissenhafte Durchführung in Abstimmung mit den Patientenwünschen vorausgesetzt.
Zusammengefasst bot dieser Veranstaltungsteil eine spannende Darstellung der heutigen Möglichkeiten der Zahnheilkunde, die auch aufzeigte, dass noch viel Raum für Forschung gegeben ist.Das Auditorium spendete dafür den brillanten Vortragenden viel verdienten Beifall.

Bisphosphonate und Osteonekrosen der Kiefer

Zahnmediziner sehen sich immer komplexer werdenden Anforderungen gegenüber. Mehr und mehr Patienten unterliegen Therapien und Medikationen, die in die zahnärztliche Tätigkeit hineinspielen. Ein Beispiel dafür sind die Gefahren, die Bisphosphonattherapierten Patienten bei zahnärztlichen Eingriffen drohen.
Dr. Bernd Striessnig von der MKG-Chirurgie in Klagenfurt widmete sich diesem Thema in eindrucksvoller Weise. Bisphosphonate gehören bei Patienten mit Plasmozytom und bei Patienten mit malignen Erkrankungen mit Knochenmetastasen inzwischen zum Therapiestandard. Seit 2003 wird über einen möglichen Zusammenhang zwischen der Medikation von Biphosphonaten einerseits sowie der unerwünschten Wirkung von Osteonekrosen der Kiefer andererseits berichtet. Wichtig für die zahnärztliche Praxis ist es, Hochrisikopatienten rechtzeitig zu erkennen – das sind in erster Linie Tumorpatienten, die Bisphosphonate i. v. erhalten. Diese Patienten sollten während der Therapie keinen zahnärztlich chirurgischen Eingriff haben. Im Idealfall sollten Internisten vor Beginn einer solchen Therapie die Patienten zur Sanierung zuweisen. Osteoporosepatienten, die Bisphosphonate in niedrigerer Dosierung oral erhalten, werden derzeit nicht als Hochrisikopatienten eingestuft, obwohl auch bei dieser Patientengruppe die Zahl der reportierten Kieferosteonekrosefälle zunimmt.
Knochenersatzmaterialien war ein eigener Vortragsblock gewidmet. Von führenden Experten auf diesem Gebiet wurden fünf unterschiedliche Knochenersatzmaterialien und ihre besonderen Indikationen und Kontraindikationen besprochen.
Auch der Komplementär- und Allgemeinmedizin war Raum gegeben. Exminister und Internist Dr. Michael Ausserwinkler gab einen Überblick über die Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, diskutierte mögliche Beziehungen zu entzündlichen Zahnerkrankungen und leitete aus dem Gesagten die Forderung ab, auf diesem Gebiet Forschungsbemühungen zu verstärken und die interdisziplinäre Kommunikation zu intensivieren.
Dr. med. dent. Johann Lechner aus München befasste sich mit der Problematik der schwer diagnostizierbaren chronischen Entzündungen im Kieferbereich. Für ihn besteht die Lösung des Problems in der Anwendung von zwei neuen Testverfahren – CAVITAT und TOPAS (www.kieferostitis.de).

Zahnärzte bieten Leistung mit hoher Qualifikation

Einen kurzen Streifzug durch die aktuelle Standespolitik unternahm der Präsident der Österreichischen Zahnärztekammer MR DDr. Hannes Westermayer. Er wies darauf hin, dass Österreich bezüglich der Zahnärzte eine Vollversorgung aufweise, worauf man bei Ausbildung und Niederlassungsordnung Rücksicht nehmen müsse. Jüngst aufgetretenen Tendenzen, die Zahnmedizin über Ordinationsketten zu Diskontpreisen anzubieten, werde man entgegentreten. Zahnärzte produzieren nicht eine beliebig vermehrbare Massenware, sondern es handelt sich um eine persönlich Dienstleistung, die eine hohe Qualifikation und individuelle Beschäftigung mit dem Patienten voraussetzt. Außerdem habe das Beispiel der Apothekenliberalisierung in Skandinavien gezeigt, dass ein Mehr an Markt auch zum Nachteil der Konsumenten ausgehen kann.
Zahnärzte genießen laut Umfragen noch immer ein hohes Ansehen, was nicht zuletzt auf die persönliche Betreuung der Patienten zurückzuführen ist. Zunehmende Delegierungstendenzen von zahnärztlichen Leistungen sind daher auch aus diesem Grunde kritisch zu betrachten. Ein weiterer Schwerpunkt der standespolitischen Tätigkeit ist derzeit die Überprüfung des Leistungs- und Honorarkataloges durch Arbeitsgruppen in allen Ländern, als Vorbereitung für Neuverhandlungen mit den Kassen.
Der letzte Kongresstag war der Kieferorthopädie gewidmet. Dr. Susanne Chiari und Dr. Adriano Crismani diskutierten die Frage der skelettalen kieferorthopädischen Verankerung und gaben wichtige Hinweise zur Auswahl des richtigen Verankerungssystems je nach der gegebenen anatomischen Situation und der gewünschten Zahnbewegung.
Begleitend wurde auch ein umfangreiches Fortbildungsprogramm für die zahnärztlichen Assistentinnen angeboten. Zahlreiche Firmen informierten über Neuentwicklungen auf dem Produktsektor. Der gelungene Galaabend im Hotel Werzer bot den Teilnehmern willkommene Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und gegenseitigen Kennenlernen.

Dr. Wilhelm Schein, Zahnarzt 6/2007

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