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Zahnheilkunde 24. Mai 2007

Speichel und Parodontitis

Mikroorganismen und ihren Stoffwechselprodukten kommen bei der Auslösung gingivaler und parodontaler Erkrankungen eine zentrale Rolle zu. Die Destabilisierung des ökologischen Gleichgewichts zwischen den Keimen, den biologischen Strukturen der Mundhöhle und dem Gesamtorganismus führt letztlich zur Auslösung von Erkrankungen der Schleimhaut und des Zahnhalteapparats.
Eine Untersuchung der subgingivalen Plaque bezüglich potentiell pathogener Bakterien und Pilze und die Austestung von deren Empfindlichkeit gegenüber antibiotischen Substanzen bilden die Basis einer effektiven medikamentösen Begleittherapie der Parodontitis. Dennoch kommt es nicht selten zu Reinfektionen und neuerlichen Entzündungen, die wiederum zu Gewebsabbau und Alveolarknochendestruktion führen. Um eine dauerhafte Sanierung zu erzielen, sind deshalb neben einer wirksamen Keimbekämpfung auch die Faktoren der individuellen Wirtsreaktion zu beachten.

Funktion des Speichels

Von den endogenen Komponenten kommt dabei dem Speichel eine zentrale Bedeutung zu. Sowohl die Quantität als auch die biologischchemische Zusammensetzung des Speichels sind wesentlich für die Gesunderhaltung der oralen Gewebe. Der gesunde Mensch produziert über die großen und kleinen Speicheldrüsen zirka 1 bis 1,5 Liter Speichel pro Tag, wobei der Speichelfluss unter anderem von der körperlicher Aktivität und der reflektorischen Stimulation abhängt. Der so genannte Ruhespeichel ist dickflüssig, der stimulierte Speichel hat dünnere Konsistenz. Die Regulation erfolgt über die sympathische und parasympathische Innervation der Drüsen. Die serösen und mukösen Sekrete vermischen sich untereinander, aber auch mit den Abscheidungen der oralen Keime und den zellulären und zellfreien Bestandteilen der Sulcusflüssigkeit. Der Gehalt an Wasser, Mineralstoffen und Spurenelementen sowie die enthaltenen Puffersubstanzen, die bakteriziden und fungiziden Stoffe, die Immunglobuline, Enzyme und Glykoproteine bestimmen die Wirksamkeit des Speichels bei der Keimabwehr.

Saurer Speichel fördert Entzündungen

Der normale pH-Wert des Speichels liegt zwischen 7 und 7,1, das heißt, er reagiert neutral bis leicht basisch. Durch falsche oder einseitige Ernährung (z. B. zu viel raffinierte Zucker), aber auch durch Magen-Darm-Erkrankungen wie gastroösophagealer Reflux oder mangelnde Nahrungsresorption im Dünndarm kann es zu einer Übersäuerung des Speichels kommen. Der niedrigere pH-Wert bewirkt dann eine erhöhte Entzündungsbereitschaft und eine Störung der Wundheilung. Kleine Verletzungen, die in der Mundhöhle, wie sie häufig durch harte Nahrungsbestandteile auftreten, persistieren dann über längere Zeit und bilden damit einen idealen Nährboden für parodontalpathogene Keime. Zusätzlich verstärkt der niedrige pH-Wert die Schmerzempfindlichkeit der oralen Weichgewebe. Eine Messung des Speichel-pHs ist deshalb nicht nur in Zusammenhang mit dem Kariesrisiko, sondern auch im Hinblick auf die Vermeidung beziehungsweise Sanierung parodontaler Erkrankungen sinnvoll. Der Zahnarzt erhält dadurch wichtige Hinweise auf mögliche Störfaktoren.
Die im Speichel enthaltenen Muzine bilden einen protektiven Überzug auf der Schleimhaut und schützen diese so vor Austrocknung und Verletzung. Die Muzine begrenzen außerdem die Penetration von schädlichen Stoffen aus Nahrung und Genussmitteln wie etwa Tabak in tiefe Gewebe. Darüber hinaus enthält der Speichel Faktoren, welche die Adhäsion und das Wachstum von Mikroorganismen beeinflussen.

Glykoproteine fördern/hemmen Plaquebildung

Die Bildung von Plaque auf oralen Oberflächen beginnt mit der Adsorption von Glykoproteinen aus dem Speichel. Dadurch entsteht ein Pellikel, der nach 24 bis 48 Stunden eine Dicke von zirka 400 nm erreicht. Er enthält Amylase und glykolisierte Proteine sowie Fragmente aus Eiweißen, welche laufend durch die proteolytischen Fermente des Speichels gebildet werden. Insgesamt sind im Speichel 25 bis 35 verschiedene Proteine in einer Konzentration von 150 mg/100 ml Flüssigkeit gelöst.
Dazu gehört die wichtige Gruppe der serösen Glykoproteine (mit geringem Molekulargewicht und hohem Mannoseanteil) mit den PRPs (glykolysierte proteinreiche Proteine) und der Alpha-Amylase. Weiters enthält die Speichelflüssigkeit Glykoproteine mit selbstständigen Glykoproteingruppen, wie s-IgA (sekretorisches IgA), Lactoferrin, Kallikrein und Fibronectin sowie die mukösen Glykoproteine mit hohem Molekulargewicht: die Muzine. Diesen Stoffgruppen kommen mehrere Funktionen zu: So bindet Lactoferrin Eisen, welches für den Stoffwechsel vieler Parodontalkeime wie zum Beispiel für die Vertreter der Prevotella und Porhyromonasgruppe essentiell ist und diesen dadurch entzogen wird. Die Lactoperoxidase kann die bakteriellen Glykolyseenzyme hemmen und den Kohlenhydrattransport der Keime stören. Sekretorisches IgA hat durch seine dimere Form eine hohe Resistenz gegenüber bakteriellen Proteasen. Durch Bindung an mikrobielle Antigene kann es Keime agglutinieren.

Adhärenz der Keime

Die Muzine und die PRPs beeinflussen die Adhärenz der Keime, die ja Voraussetzung für die Bildung einer Plaque ist. Bestimmte Faktoren können die Adhärenz entweder fördern oder behindern. Die Struktur der betreffenden Glykoproteine ist deshalb auch Gegenstand intensiver Forschungen. So konnte Gibbons feststellen, dass verschiedene Bacteroides und Actinomycesspezies eine besonders hohe Affinität zur Bindung an PRPs haben. Diese Affinität ist oft sogar innerhalb einer Art in den verschiedenen Stämmen unterschiedlich stark ausgeprägt. Häufig binden die Bakterien nur an vorher an Hydroxyapatit adsorbierte PRPs, was auf eine Änderung der molekularen Konfiguration und eine damit einhergehende Freilegung der nötigen Bindungsstellen für die Keime schließen lässt.
Untersuchungen des Verteilungsmusters adhäsiver und antiadhäsiver Speichelglykane zeigten deutliche Unterschiede zwischen Patienten mit aggressiven rasch fortschreitenden Parodontiden und einer gesunden Kontrollgruppe (Janisch M., 2002). Möglicherweise können in Zukunft über diese Parameter wichtige Hinweise auf eine Prädisposition für parodontale Erkrankungen gewonnen werden. Weiters ergaben neuere Untersuchungen typische Veränderungen des Glykolisierungsmusters unter adrenerger Stimulation. Dies erklärt Exazerbationen parodontaler Entzündungen unter psychischem Stress.

Hyposalivation

Auch Verminderungen der Speichelmenge, wie sie durch Dysfunktion der Speicheldrüsen entstehen, können Parodontalerkrankungen begünstigen. Dieser unter dem Begriff Xerostomie zusammengefasste Symptomenkomplex kann unterschiedliche Ursachen haben. Ätiologisch kommen Erkrankungen oder Operationen an den großen Speicheldrüsen, Innervationsstörungen der Drüsen, verminderte Kauaktivität wie beispielsweise bei unzureichender oder schlechter prothetischer Versorgung, aber auch systemische Erkrankungen wie Störungen des Wasserhaushalts in Zusammenhang mit chronischer Diarrhö, Diabetes mellitus mit osmotischer Diurese, D. insipidus, Nephropathien, vegetative Störungen und Psychosen in Frage.

Beeinflussung von Medikamenten

Auch eine Reihe von Medikamenten müsse als xerogen eingestuft werden. Dazu gehören Therapeutika aus den Gruppen der Anticholinergika mit parasympathikolytischer Wirkung (trizyklische Antidepressiva, manche Antiasthmatika), Antazida, Antihistaminika, Antiparkinsonmittel, manche Antihypertonika und Diuretika. Eine detaillierte Anamnese hinsichtlich des allgemeinen Gesundheitszustands und der Dauermedikationen des betroffenen Patienten kann hier Aufschluss geben. Bei mangelndem Speichelfluss leiden die Patienten unter vermehrtem Durstgefühl, Rauigkeitsgefühl und Brennen auf den Schleimhäuten und unter Schluckbeschwerden wegen der mangelnden Einspeichelung der Nahrung.
Veränderungen des Speichelflusses führen unweigerlich zu Veränderungen des gesamten intraoralen Milieus mit allen negativen Folgen. Dem Wirtsfaktor Speichel soll deshalb bei der Behandlung und Kontrolle von parodontalen Erkrankungen ausreichende Aufmerksamkeit geschenkt werden. Richtige Zusammensetzung, neutraler pH-Wert und ausreichende Menge des Speichels sind wichtige Grundlagen der oralen Gesundheit.

Ch. Eder, L. Schuder, Zahnarzt 5/2007

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