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Zahnheilkunde 5. Februar 2008

Zähneknirscher und Nussknacker

Schmerzen an einigen oder „allen“ Zähnen ohne klassische Ursache, Zahnlockerungen, parodontale Rezessionen, Verhärtungen der Kaumuskel, Kopf- oder Nackenschmerzen, Kiefergelenksprobleme usw. – zahlreiche Beschwer-den führen die Patienten zu uns Zahnärzten. Manchmal sind wir die letzte Anlaufstelle nach Ortho-päden, HNO-Ärzten und selbst Psychiatern.
In einigen Fällen können wir eindeutig einen störenden Vorkontakt oder einen massiven Fehlbiss diagnostizieren. Am ziel-sichersten ist eine Führung des Patienten in die zentrale Kiefergelenksposition (Scharnierbewegung ohne Druck nach hinten) – dann spürt man oft, wo der Patient zuerst aufkommt und abgleitet. Da-zu passen dann Abrasionsfacetten, parodontale Rezessionen oder lokale Taschen. Manche Patienten sind aber so verspannt, dass eine Führungsbewegung nicht möglich ist. In leichteren Fällen hilft es, 15 bis 20 Minuten auf Watterollen oder ein Gelkissen zu beißen. Bei stärkeren Problemen empfiehlt sich eine Vorbehandlung mit Akupunktur oder Physiotherapie – die Patienten sollen anschlißend gleich zur zahnärztlichen Diagnose oder therapeutischen Bissnahme kommen, möglichst mit einem Bissausgleich im Mund (z. B. Aqualizer).

Abbau der Catecholamine

Manche Patienten haben keine Okklusionsstörung, reagieren aber den Stress trotzdem über die Zähne ab. Unser Gebiss ist an sich zum Knirschen geeignet. Während der REM-Phasen etwa 4–5-mal eine Viertelstunde pro Nacht, bewirkt Zähneknirschen den Abbau der Catecholamine. Über das Traumerleben kommt es gleichzeitig zu psychischer Entlastung. Allerdings führt ein länger dauerndes Kiefeln mit hohem Krafteinsatz zu den bekannten Schäden an Zähnen, Halteapparat oder Kiefergelenk.
In den meisten Fällen ist von akademischem Interesse, wo die Hauptursache liegt – eine Schiene entlastet in jedem Fall. Besonders hoch ist die Trefferquote, wenn die Patienten berichten, dass verschiedene Beschwerden morgens stärker sind. Ganz wenige Menschen knirschen ausschließlich während der Arbeit. Diese tragen eine klassische Schiene nur bei massivsten Beschwerden, da sie doch deutlich sichtbar ist und die Sprache stört. Tagsüber spürt man die Verspannung auch und kann eine Schonhaltung nach mesial einnehmen.
Ziel einer Schiene ist, gezieltes Knirschen ohne Schäden zu ermöglichen. Als idealer Aufbissbehelf hat sich bei mir eine UK-Schiene bewährt. Die Dicke sollte durchschnittlich etwa 1 mm betragen, an der Stelle des Vorkontaktes darf ruhig ein Loch sein. Bei dieser Konstruktion können die Patien-ten gut entspannen. Extrem muskelstarke Patienten zerbeißen die Schiene manchmal – bei diesen sollte die maximale Dicke 2 mm betragen. Solche „Nussknacker“ haben meist ohnehin einen ho-hen Freiraum zur Ruheschwebe und vertragen auch die stärkere Bisshebung.

Herstellung der Schiene

Zu Klinikzeiten sind wir von einem Slide nach mesial ausgegangen und haben vor allem OK-Schienen hergestellt mit Führung über ein Frontschild. Zahlreiche Fallanalysen unter kieferorthopädischen Aspekten und mit kinesiologischer Überprüfung haben gezeigt, dass bei der Mehrzahl der Patienten ein Vorknirschen gar nicht möglich ist, sie weichen nach lateral aus. Wir stellen daher eine Gruppenführung über Eckzähne und Prämolaren ein. Molaren haben etwas weniger Abstützung, Frontkontakt besteht erst bei festem Schlussbiss. Die „Schultern“ nach lateral reichen bis zu den bukkalen OK-Höckern, frontal bewährt sich ein Aufbiss-Plateau. Letzterem gebührt große Aufmerksamkeit: bei zu wenig Kontakt können die Frontzähne elongieren, bei zu viel protrudieren.
Die Schiene hält, indem sie sich an den UK-Zähnen verklemmt – das erfordert vom Techniker gefühlvolles Ausblocken. Sie darf nicht so fest sitzen, dass einzelne Zähne oder Zahngruppen schmerzen, aber auch nicht wackeln oder kippen, sonst besteht ein Anreiz zum „Spielen“, was wiederum Schäden verursachen kann.
Die stabilisierenden Lingualschilder dürfen beim Schlucken nicht stören, sonst hebt die Zunge die Schiene hoch. Die Außenkanten müssen leicht abgerundet und manchmal konkav geschliffen werden, um den Mundschluss möglichst nicht zu beeinträchtigen. Bei exakter Anpassung klagen die Patienten in den ersten Tagen über mehr oder weniger Speichel, spüren aber gleich, dass sie besser schlafen und endlich wieder entspannter aufwachen.

Kontrollierte Nachbehandlung

Weitere Korrekturen erfolgen in jedem Fall nach zwei Wochen. Wenn es zu einer schrittweisen Entspannung der Muskel und einem Abschwellen der bilaminären Zone hinter den Kondylen kommt, kann man etwa 4- bis 6-mal im Abstand von einem Monat einschleifen; wenn keine Verände-rung des Bisses mehr erfolgt, empfiehlt sich eine neuerliche Analy-se, wo der Bissfehler liegt und welche Korrekturen im Gebiss sinnvoll wären. Bei reinem Stress-Knirschen genügt eine zweite Kontrolle nach zwei Monaten, dann wird die Schiene halbjährlich überprüft. An einzelne neue Füllungen kann sie angepasst werden. Elastische Schienen motivieren zum Knirschen und können zu Zahnverschiebungen führen. Reine Frontblockaden sind kurzfristig gut, können aber Elongationen nicht verhindern.
Im Gegensatz zu vielen Allgemeinärzten sehe ich bei Schienen selten Materialprobleme. Prinzipiell besteht zwischen Prothetikkunststoffen und Weizenunverträglichkeit ein Zusammenhang. Außerdem bestehen bei Patienten mit jeglichen „Allergien“ Verschleimungen der Atemwege und generell Bruxismustendenzen. Die Entspannungswirkung ist aber so überwiegend, dass sich die Patienten wohl fühlen. In den Fällen, wo die Schiene nicht toleriert wurde, habe ich immer Bissnahmefehler oder zu massive Kunststoffgestaltung gefunden.

Entspannungsprozess

Die Entspannungswirkung kann beschleunigt und verstärkt werden durch Zusatztherapien:Etwa autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Physiotherapie, Craniosacraltherapie, Hypnose, Gesprächstherapie. Ohrakupunktur (Kaumuskel, HWS): beidseits 1 cm unter dem Mundwinkel; Mundakupunktur: retromolar (Quaddelstraße schräg nach außen). Orthomolekulare Stressbrecher: Magnesiumtabletten und Vitamin-B-Komplex (je 2 x 1) oder Zinkkapseln und natürliches Vitamin C/1 g (ebenfalls je 2 x 1). Brausezubereitungen werden oft schlecht vertragen. Pflanzliche Zubereitungen (Hopfen, Baldrian, Passionsblume) wirken schlaffördernd, ohne tagsüber die Reaktionsfähigkeit zu beeinträchtigen, machen nicht süchtig und ermöglichen natürlichen Schlaf. Schulmedizinische Schlafmittel und Psychopharmaka verhindern Träume –, damit entfallen aber auch die psychische Verarbeitung und ein Teil der Erholung. Bachblüten helfen sehr gut. Bei Gedankenkreisen empfiehlt sich Cherry plum, auch alle Angst- und Unsicherheitsblüten können passen. Einzelblüten sind stärker als Mischungen. Etwa alle vier Wochen ändern sich die Blüten.
Homöopathika: Ohne Test kann man die muskelentspannenden Magnesium-phosphoricum-Zubereitungen einsetzen: Schüsslersalz Nr. 7 (D6-Tabl.); 2 x 2; oder D12-Globuli 2 x 5. Phosphor hat auch eine Wirkung gegen häufig bestehende Ängste. Höhere Potenzen – ab der D30 – haben stärkere psychische Effekte, sollen aber nur nach Test oder bei guten homöopathischen Kenntnissen eingesetzt werden. Bei gleichzeitig laufender homöopathischer Therapie bitte unbedingt Rücksprache mit den Kollegen halten.
In Fällen, wo die Stressfaktoren klar und zeitlich absehbar sind (Prüfungen u. Ä.), kann man die Zeit bis dahin mit entspannenden Therapien überbrücken und eventuell ein Gelkissen einsetzen – starke Knirscher zerbeißen es allerdings in etwa vier Wochen.

Dr. Eva-Maria Höller, Zahnarzt 1/2008

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