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Zahnheilkunde 25. Oktober 2007

Fallbeispiel einer Kieferostitis und ihrer Folgeprobleme

Die 43-jährige Patientin wird im Juli 2006 von ihrer praktischen Ärztin zu uns verwiesen, da im linken Oberkiefer dumpf pochende Dauerschmerzen bestehen, bei Bewegung stärker. Die Beschwerden sind so massiv, dass die Patientin langsam lebensüberdrüssig wird, aber mit den üblichen Diagnosemethoden findet sich keine greifbare Ursache. Die Kollegen der Zahnklinik überlegen Implantate regio 26 und 27, damit die Abstützung wieder gleichmäßig wird.
Etwa ein Jahr davor wurde der Zahn 26 devitalisiert, mehrmals gespült und inzidiert, reseziert und schließlich entfernt – dabei wird auch ein Jodoformrest saniert. Die Patientin bekommt zwölf Antibiotikakuren, nach denen es ihr eher schlechter geht. Beide linken Prämolaren sind wurzelbehandelt, 25 erscheint überfüllt (an der Klinik apexversiegelt).
Im linken Sinus maxillaris gibt es Polypen. Im MR überstrahlen Metallfüllungen jegliche Knochendefekte. Die Leukozyten sind mäßig erhöht, am linken Kieferwinkel ist ein Lymphknoten tastbar. Die Patientin trägt eine OK-Schiene, die Halswirbelsäule weist Degenerationszeichen auf. Kieferorthopädisch besteht ein Kreuzbiss 15 und 16, die Zähne 11 und 21 stehen steil. Klinisch zeigt sich im Bereich der Resektionsnarbe regio 26 eine Rötung.
Im Armlängenreflextest finde ich ein dreieckiges Kieferostitisgebiet mit etwa 5 mm Seitenlänge, auch Gangrängranulom und Streptococcus hämolyticus sprechen an. Weiters testen die Ampullen Neuralgie und Immunschwäche. Alle anderen Routinetestpunkte sind in Ordnung, auch die Membransysteme.

Therapeutische Maßnahmen

Als erste Maßnahme setzen wir Arthrokehlan A Tropfen ein. Dabei handelt es sich um homöopathisierte Abwehrstoffe, die aus Gangränzellen gewonnen werden. Das Mittel wird als Neuraltherapie direkt in das ausgetestete Gebiet gespritzt – 1:1 vermischt mit Lokalanästhetikum. Die Patientin soll 2-mal täglich zehn Tropfen einnehmen (10 Min. vor dem Essen) und auf das Gebiet 2-mal täglich einen Tropfen auftragen. Das macht etwa drei bis vier Wochen Sinn (entspricht 3 Packungen), dann kann bei Bedarf ein anderes Mittel gesucht werden. Bei der Kontrolle nach drei Wochen zeigt sich, dass der Erfolg nur kurzfristig war – lediglich ein paar Stunden war Ruhe, was aber immerhin für die richtige Lokalisation spricht.
Als neues Mittel setzen wir Vipera D8 Glob. (2 x 5) ein sowie orthomolekulares Magnesium gegen Muskelverspannungen. Wegen des bevorstehenden Ordinationsurlaubes muss mit einer operativen Sanierung zugewartet werden. In der Zwischenzeit wird im AKH ein CT angefertigt, die Patientin bringt mir ein dickes Paket Bilder, auf denen sehr deutlich absolut kein Befund zu sehen ist. Eine Ganzkörperszintigraphie zeigt Entzündungszeichen regio 17 (18 wurde vor 4 Monaten extrahiert) und 26.
Ende August: Der zum Jochbein ausstrahlende Schmerz ist immer noch unerträglich, der Testbefund wie beim ersten Mal. Wir suchen diesmal Pefrakehl als Begleitmittel aus (wird aus Candidapilzen gewonnen) und entschließen uns kurzfristig für eine Operation: In der Gegend der ehemaligen mesiobukkalen Wurzel 26 findet sich weicher, osteomyelitisch eingeschmolzener Knochen, nach distal reichend und von Fasergewebe umgeben. Es besteht keine Verbindung zur Kieferhöhle. Wir verzichten bewusst auf Antibiotika, da wir eine chronische Entzündung ausheilen möchten und die kühlenden Nebeneffekte dabei stören würden. Die Patientin beschreibt den Wundschmerz als lächerlich gegen die vorherigen Schmerzen.
Im September stellen sich ähnliche Schmerzen ein, die diesmal aber durch Tragen der noch von der Zahnklinik stammenden Schiene gemildert werden können. Vom Operationsbereich zur Wange besteht ein starker Muskelstrang, den wir mehrmals massieren, auch eine orthopädische Wirbelsäulenkorrektur wird durchgeführt. Im November geht die Schiene kaputt. Wir fertigen eine UK-Retainerfolie als erste Hilfe an. Autogenes Training hilft nicht, klinisch besteht ein reziprokes Kiefergelenksknacken (terminal).
Im Februar 2007 entschließen wir uns zu einer Brücke von 24 und 25 auf 28. Diese gelingt gut. Wir führen weitere zahnärztliche Korrekturen durch. Gleichzeitig erhöht sich der berufliche und private Stress der Patientin stark. Sie hat plötzlich das Gefühl, dass die Brücke gegen die Wange stößt. Ein Modellvergleich zeigt, dass der Zahn 28 tatsächlich schmäler war. In drei Sitzungen verschmälern wir die Bukkalfläche, bis dort keine Keramik mehr vorhanden ist – die Patientin empfindet dies als Erleichterung. Wir fertigen nach Abschluss der zahnärztlichen Arbeiten eine OK-Retainerfolie an – die Patientin fühlt sich am wohlsten, wenn sie beide trägt. Begleitend erhält sie Magnesium als Mineralstoff, Schüssler-Salz (D6) oder Globuli in D12 oder D30 – etwa alle sechs Wochen wechselnd. Im Herbst ist eine klassische UK-Schiene geplant, da nur in die harten Schienen eine wirklich entspannende Führung im Bereich der Eckzähne und Prämolaren eingebaut werden kann. In diesem Fall werden wir eine Dicke von etwa 2 mm wählen, da die Erhöhung bei unserer Patientin entspannende Wirkung zeigt.

Biotests sind hilfreich in der Ursachenfindung

Der Behandlungsablauf beschreibt sehr gut, dass man sich ohne Biotest manchmal nicht für eine der vielen möglichen Ursachen für chronische Schmerzen entscheiden kann, weil auch die tollsten bildgebenden Verfahren nur die Dichte der Struktur, nicht aber die eigentliche Knochenqualität anzeigen. Im sauren Milieu der chronischen Entzündungsbereiche werden Schwermetalle eingelagert (dazu gibt es umfangreiche Studien von Dr. Johann Lechner aus München: Im entfernten Gewebe fanden sich Zink, Cadmium, Quecksilber u. Ä. anstelle von Kalzium und Phosphat). Dass Entzündungsherde auch Muskelverspannungen triggern, ist ebenfalls bekannt. Diese können entweder bestehen bleiben, weil die Muskeln ja ungleichmäßig auftrainiert sind oder wie in diesem Fall anfällig auf zusätzlichen Stress reagieren.
Diagnose und Begleitbehandlung erforderten Komplementärmedizin, die eigentliche Therapie bestand jedoch aus klassischer Zahnheilkunde.

Dr. Eva-Maria Höller, Zahnarzt 10/2007

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