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Zahnheilkunde 29. Mai 2007

Ganzheitliche Kinderzahnbehandlung

Erschöpfte Praktiker haben oft die Milchzähne einfach unbehandelt belassen, hoch motivierte Spezialisten empfehlen Milchzahnkronen – wo liegt die Grenze zwischen notwendig und machbar?
Wie immer ist die Vorbildwirkung eine ideale Voraussetzung für angstfreie Patienten. Verbal und im unbewussten Verhalten werden hier viele Fehler gemacht („Tut gar nicht weh ...“ bringt die Kinder erst auf die Idee, dass es schmerzen könnte.). Kleinkinder, die Eltern oder Geschwister zu einem (schmerzfreien) Zahnarztbesuch begleiten, verbinden unsere Praxis mit netten Spielgelegenheiten und wollen oft freiwillig die Zähne herzeigen. Wenn es geht, ist eine erste Sitzung mit Lob und einem kleinen Geschenk natürlich eine tolle Vertrauensbasis.

 Behandlung von Kindern braucht Geduld und Fingerspitzengefühl.
Behandlung von Kindern braucht Geduld und Fingerspitzengefühl.

Foto: Dr. Eva-Maria Höller

Prophylaxe

Bei bekannter Kariesanfälligkeit der Eltern arbeite ich schon bei Schwangeren mit homöopathischen Calciumsalzen, meistens mit Calcium phosphoricum D30, 1-mal wöchentlich 5 Globuli, 4–6-mal etwa alle sechs Monate. Dieses Salz wirkt gleichzeitig gegen Ängste, die wohl jede werdende Mutter kennt. Die Globuli kann man Säuglingen in ungesüßtem Tee verabreichen, ab dem Ende des ersten Lebensjahres lutschen die Kinder sie auch gerne.
Bei größeren Kindern bevorzuge ich Schüsslersalz – Tabletten mit der D6 als Intensivkur, hier erfolgt die Auswahl nach homöopathischem Typ, das Phosphorsalz passt aber so gut wie immer. Klassische Fluortabletten verwende ich nicht – abgesehen davon, dass sie angeblich psychisch unbeweglich machen, wird vielen Kindern einfach übel davon. Lokale Fluoridierungen befürworte ich in jeder Form, persönlich bevorzuge ich Lack (z. B. Duraphat).
Schon bei Babys erkennt man oft Verdauungsstörungen: Schreikinder, Neurodermitis, Allergien ... Symbioselenkung auch bei kleinen Kindern kann man mit Milchsäurekeimen im Tee oder durch Bestreichen der Brustwarze erzielen (Kapseln öffnen) oder mit Sanummitteln (morgens Mucokehl D5, abends Nigersan D5 je 5 Tropfen für fünf Tage, dann Sankombi 2-mal 5 Tr. für 2 Tage – etwa 3 Monate, ev. auch nur 1–2 Tr. von jedem Präparat in die Ellenbeuge einreiben).
Frühkindliche Entwicklungsstörungen kann man mit Craniosakraltherapie oder homöopathischen Konstitutionsmitteln ausgleichen.
Bei beginnenden Kieferfehlstellungen muss man auf Schluckstörungen achten. Myofunktionelles Umtrainieren funktioniert meist erst nach Beseitigung einer Darmstörung. Bestehende Habits muss man ebenfalls frühzeitig abstellen, etwa Daumenlutschen. Dies ist oft ein Selbsthilfeversuch bei einer craniosakralen Störung. Anatomisch geformte Schnuller sind das kleinste Übel und bis Ende des dritten Lebensjahres gefahrlos zu verwenden. Einfache korrigierende Übungen wie die Spatelübung nach Fränkel zum Stärken der Lippen oder die Sackerl-Aufblas-Übung zur Aktivierung des Craniosakralsystems können Kinder ab etwa vier Jahren durchführen.
Polypen können oft durch Homöopathika rückgebildet werden – allerdings erfordert dies Geduld und viele Eltern wollen lieber eine rasche Operation.

Putzen

Bei Babys kann man die ersten Zähnchen mit Wattebäuschchen säubern, meist genügt allerdings die Selbstreinigung. Die Putztrainer (Gummizahnbürstchen) sind ein nettes Spielzeug. Ab etwa zwei bis drei Jahren können die Eltern putzen – zuerst ohne Pasta, später mit Kinderpasten, die den Lebensmittelverordnungen unterliegen. Die üblichen Zahnpasten sind den Kindern meist auch zu scharf, sie stören die ätherischen Öle. Ab dem Schulalter sind die elektrischen Zahnbürsten für Kinder lustig und durchaus empfehlenswert. Sie sollen nicht zu großen Druck ermöglichen. Ultraschallgeräte können im Zahnhalsbereich Schäden setzen und bei entsprechenden Anlagen epileptische Anfälle fördern.
Zahnseide setze ich bei Kindern nicht ein – die Verletzungsgefahr ist relativ hoch. Im Fall von fixen Zahnspangen sind Mundduschen empfehlenswert. Die Kinder sollen in Kreisbewegungen (händisch, da es sonst zu Ablösungen der Bracketts kommt) um die Halterungen putzen. Zusätzliches Spülen ist sinnvoll, aber nicht mit aggressiven Spüllösungen, die die Mundflora stören, sondern mit fünf Tropfen Grapefruitkernextrakt im Wasser.

Kieferorthopädie

Gerne setze ich Mundvorhofplatten ein (auch als Schnuller für Große ...). Frühe Regulierungen starte ich nur bei Frontkreuzbiss (weil dieser sich selbst verstärkt) und bei großem Unterkiefer – hier gibt es ab zirka vier bis fünf Jahren einen Mini-Kybernetor und Kinnkäppchen mit geringem Druck. Bei extrem kleinem Unterkiefer kann man mit Fränkelgeräten oder mit Aktivatormodifikationen mit UK-Pelotten das Unterkieferwachstum fördern – funktioniert nur während des Hochwachsens der bleibenden Prämolaren mit sieben bis acht Jahren und ist später nur chirurgisch korrigierbar. Die meisten Spangen starten mit neun bis zehn Jahren und erstrecken sich über den Seitzahnwechsel.
Der Versuch einer Wachstumslenkung ist stets sinnvoll, im Zahnwechsel sind erstaunliche Veränderungen möglich. Gut passende Funktionsgeräte verbessern den Gesamtzustand der jungen Patienten. Bei Kindern kann man mit Gerät im Mund beobachten, wie sich Haltungsfehler ausgleichen, falsche Konstruktionsbisse können jedoch Koordinationsstörungen bis hin zu einer Skolioseentwicklung hervorrufen. Zu frühe Multibandbehandlungen bringen ebenfalls Störungen der normalen Haltungsadaptation und der Konzentration. Ab dem Durchbruch aller bleibenden Zähne ist der Einsatz abnehmbarer Spangen begrenzt: Große Zahnbewegungen können sie nicht bewirken.
Die Tragezeit sollte ab der Pubertät zwölf bis 14 Stunden betragen – da ist eine gut durchgeführte Multibandbehandlung das kleinere Übel. Je elastischer die Drähte sind, umso schneller geht die Behandlung. Mit NiTi-Drähten und wenig Friktion liegt der Therapiezeitraum der fixen Phase meist deutlich unter einem Jahr. Eventuelle Materialunverträglichkeiten werden mittels homöopathischer oder orthomolekularer Begleitbehandlung beseitigt.
Kieferchirurgische Korrekturen sind manchmal unvermeidlich im Sinne einer Vermeidung vorhersehbarer schwerer Funktionsstörungen. Implantate zur besseren Verankerung bei Jugendlichen lehne ich ab – bei Erwachsenen mit großen Freiendabschnitten sind sie eine denkbare Alternative.
Viele Kinder sind heute zumindest bis Schulbeginn kariesfrei. Allerdings soll man die Konstitution, die „Anlage“ nicht unterschätzen: Auch wenn Eltern alles richtig machen, gibt es Kinder mit minderwertigem Schmelz. Dabei muss man bedenken, dass die Anlage der Milchzähne bereits in der 7. bis 12. Schwangerschaftswoche erfolgt – in dieser Zeit leiden die Mütter oft unter massiver Übelkeit und die Versorgung des Embryos kann mangelhaft sein.
Bei bleibenden Zähnen sehe ich oft Schäden auf Frontzähnen und ersten Molaren. Deren Schmelzglocken werden im ersten Lebensjahr gebildet – ein relativ unauffälliger Durchfall genügt für Flecken und Dellen. Die oft angeschuldigten Antibiotika sind eine Seltenheit, da heute genau bekannt ist, welche eingelagert werden und diese daher nur mehr im Notfall angewendet werden.

Milchzahnfüllungen

Beginnende Milchzahnkaries behandle ich oft mit Fluorlack. Ab etwa drei Jahren kann man die Karies meist auslöffeln und eine erste Füllung legen. Klarerweise muss man schnell sein und möglichst schmerzfrei arbeiten – wenn nicht alles perfekt ist, kann man die Füllung nach einigen Monaten unter besseren Bedingungen wiederholen. Bereits leicht gelockerte Zähne, deren Lebensdauer maximal nur mehr Monate beträgt, fülle ich nur, wenn sie Beschwerden verursachen.
Meine Lieblingsmaterialien sind Glasionomer mit Silber (Ketac silver) – auch wenn es im Test nicht so gut abschneidet: 50 Prozent unverträglich. Aber: Es klebt gut, ist wenig feuchtigkeitsempfindlich und führt selten zum Absterben des Zahnes. Selbst direkte Überkappungen gelingen oft. Reines Glasionomer führt leider oft zur Gangrän. Für Kunststoffe halten die Kinder nicht ruhig genug. Eine Alternative ist IRM-Zement. Amalgam verwende ich bei Kindern nicht, da bei ihnen Quecksilber noch leicht in den Organismus vordringt. Leider muss man zugeben, dass es das haltbarste Material war, und Milchzahnfüllungen halten alle nicht sonderlich gut.
Die empfohlenen vorgefertigten Stahlkronen setze ich nicht ein – das Material wäre sehr gut, aber ordentlich gemacht, sind sie so teuer, dass die Eltern abwinken. Bei bleibenden Zähnen verwende ich manchmal silberarmierte Glasionomere, wenn die Kinder noch sehr unruhig sind und tausche sie später gegen Composites.

Nächste Folge/Teil 2: „Devitale Milchzähne, Parodontalprobleme, Knirschen und Unfälle“

Dr. Eva-Maria Höller, Zahnarzt 6/2007

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