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Zahnheilkunde 29. Mai 2007

Notdienstbegehrlichkeiten der NÖGKK

Anfang 2007 wandte sich die Landeszahnärztekammer Niederösterreich (NÖ) an die niederösterreichische Gebietskrankenkasse (NÖGKK), um eine Anpassung der seit 1996 (!) nicht mehr erhöhten Pauschale für den Zahnärzte-Notdienst zu urgieren. Die mit NÖGKK-Schreiben vom 23. März 2007 eintreffende Antwort ist erstaunlichen Inhaltes: Zunächst wird lapidar mitgeteilt, dass der Ausschuss für Vertragspartnerangelegenheiten einer Erhöhung der Pauschale von 68,17 auf 75,– Euro je Einheit zugestimmt hat. Was sich die NÖGKK aber als „Gegenleistung“ der Vertragszahnbehandler vorstellt, soll euch Kolleginnen und Kollegen hier mitgeteilt werden.

 Waaartezimmer
Der Zahnärztenotdienst ist für den Patienten eine gute Einrichtung, leider aber für die Ärzte weniger.

Karikatur: Loserl

Rundschreiben: Führung des Notdienstes

Zur Untermauerung ihrer unten genannten Forderung legt die NÖGKK nämlich ein nahezu dreißig Jahre altes (!) Rundschreiben vor. Dieses am 20. Dezember 1977 verfasste Papier sollte den Notdienst ab 1978 regeln. Ich zitiere aus dem Inhalt: „Als Zeitraum für den Wochenend- und Feiertagsdienst wurde Folgendes festgelegt:
a) Wochenenddienst – von Samstag 7.00 Uhr bis Montag 7.00 Uhr (Anm.: jeweils früh natürlich!)
b) Feiertagsdienst – von 7.00 Uhr des Feiertages bis 7.00 Uhr des dem Feiertag folgenden Tages
c) Doppelfeiertagsdienst – von 7.00 Uhr des zweiten Feiertages bis 7.00 Uhr des folgenden Tages.
Während dieser Zeiten ist der Vertragszahnbehandler für die Patienten erreichbar. Darüber hinaus muss jedoch eine volle Ordinationstätigkeit (mit Assistenz) pro Tag in der Zeit von 8.30 bis 11.30 Uhr bzw. von 14.00 bis 17.00 Uhr abgehalten werden.“
Dieses Rundschreiben wurde damals in nicht unterschriebener Form an die Kollegen versandt. Als einer der geistigen Urheber scheint übrigens ein Primarius und heutiger Hofrat und Professor auf, der bis vor allerkürzester Zeit die zahnärztliche Standespolitik in Niederösterreich maßgeblichst mitgeprägt hat! Es würde hier zu weit führen, im Detail zu beschreiben, wie die Notdienste in der Folge dann tatsächlich weitergeführt wurden. Wer es wissen will, soll sich an mich wenden (p.standenat@gmx.at), ich sende die diversen Schreiben gerne zu.

48 Stunden in Bereitschaft stehen

Das Problem von heute im Klartext: Die Landeszahnärztekammer NÖ sieht sich nunmehr mit der Forderung der NÖGKK konfrontiert, die Vertragszahnärzte hätten einen 48-stündigen Wochenendbereitschaftsdienst mit jeweils 3-stündiger täglicher fixer Ordinationszeit einzurichten (Feiertage analog!). Dafür sei die GKK bereit, den Tagessatz um 6,83,– Euro (!) zu erhöhen. – So weit die Fakten, jetzt war zu recherchieren: MR Roland Merich, Vizepräsident der NÖZÄK sagte mir, dass es der NÖGKK auf Urgenz der Standesvertretung hin nicht möglich gewesen sei, eine „unterschriebene“ Fassung einer vertraglichen Vereinbarung oder wenigstens des bereits erwähnten Rundschreibens aus dem Jahr 1977 vorzulegen. Außerdem haben Rückfragen bei älteren Kollegen ergeben, dass das Modell mit dem 48-Stunden-Bereitschaftsdienst im zahnärztlichen Bereich in NÖ niemals umgesetzt wurde!

Auf Punkt und Beistrich umsetzen

Als Nächstes habe ich die für die Angelegenheit sozusagen „ressortzuständige“ Dame der NÖGKK kontaktiert, die mir definitiv mitgeteilt hat, sie wünsche in meinem Artikel namentlich nicht genannt zu werden. Die Dame ficht in keiner Weise an, dass das zur Diskussion stehende Papier a) 30 Jahre alt ist und b) offensichtlich niemals unterfertigt wurde. Für sie ist der Text bindend und hat ihrer Meinung nach dreißig Jahre danach auf Punkt und Beistrich umgesetzt zu werden! Sie behauptet außerdem, dass es in NÖ sehr wohl einige Zahnärzte gäbe, die im Zuge ihres Notdienstes 48 Stunden „rufbereit“ wären und dass damit meine obige Aussage unrichtig sei. Eine diesbezügliche Rückfrage bei Vizepräsident MR Merich ergab, dass ihm seit dem Beginn seiner Tätigkeit in NÖ im Jahre 1979 (!) kein einziger im Sinne der NÖGKK bereitschaftsdienstleistender Zahnarzt in NÖ untergekommen ist.
Ich habe die Dame natürlich weiter gefragt, was sie beziehungsweise die NÖGKK sich unter „Bereitschaftsdienst“ eigentlich genau vorstellt. Es gibt hier nämlich grundsätzlich zwei Möglichkeiten: a) Man kann die Hauptaufgabe des diensthabenden Behandlers in der prinzipiellen Erreichbarkeit sehen. Der jeweilige Zahnarzt müsste dann von Fall zu Fall entscheiden, für welchen Patienten er tatsächlich ruf„bereit“ ist, nämlich auf kürzestem Weg in die Ordination fährt, um ihn umgehend zu behandeln. Den anderen Patienten würde lediglich die nächste Plan- bzw. Notdienstordinationszeit mitgeteilt beziehungsweise telefonische Ratschläge erteilt.

Dringliche und weniger dringliche Fälle

Als Zahnarzt kann ich zu solchen Hirngespinsten nur sagen, dass ich nicht im Traum daran denke, die Patienten aufgrund telefonisch übermittelter Angaben in dringliche und weniger dringliche Fälle zu selektieren. Forensisch gesehen wäre ich da der klassische „Ferndiagnostiker“ – mit allen rechtlichen Folgen für mich im worst case.
b) Die zweite Sicht ist, den Bereitschaftsdienst als wirkliche Bereitschaft für die Patienten zu sehen, das heißt bei jedem Anruf eines Patienten unverzüglich die Ordination aufzusuchen und die Behandlung durchzuführen.
Die Dame hat mir mündlich und schriftlich versichert, sie stelle sich einen Dienst nach Variante a) vor. Das kann ich mir gut vorstellen, liebe Dame, denn Sie haften ja nicht für die so zu treffenden „Selektions“-Entscheidungen! Sie sitzen ja in Ihrem Büro und können daher für auf diese Weise unausweichlich vorkommende einschlägige zahnärztliche Fehlentscheidungen niemals zur Verantwortung gezogen werden!
Sehen wir uns nun die Probleme beider Varianten weiter an: Bei a) und b) kann ich jedenfalls mit massiv gestörter Nachtruhe rechnen und das zwei Nächte hintereinander vor dem Beginn der Arbeitswoche. Jeder hat die Möglichkeit, mich – berechtigt oder unberechtigt – rund um die Uhr anzurufen. Ich habe also das Problem, nach einem Wochenende ohne Nachtruhe am Montag einen mindestens 8-stündigen Normalarbeitstag durchstehen zu müssen, mit Planarbeiten, die höchste Präzision und damit Konzentration erfordern. Haben es sich die „Montag“-Patienten im Zeitalter kompromissloser Qualitätsansprüche verdient, einem vollkommen übermüdeten Zahnarzt gegenüberzusitzen? Wäre der Notdienst-Zahnarzt verantwortungsbewusst, müsste er konsequenterweise die Ordination am Montag schließen, um sich auszuruhen. Die Erhöhung um 6,83 Euro pro Einheit werden die dadurch entstehenden Kosten jedoch nicht abdecken!

Arbeitszeitregelung der Assistentinnen

Das zweite große Problemfeld stellen die Notdienst-Assistentinnen dar, die ja schon in dem Schreiben von 1977 (s. o.) definitiv eingefordert werden. Über die hier gegebene rechtliche Situation hat mir Herr Thor von der Arbeitsrechtabteilung der Arbeiterkammer (herzlichen Dank!) erschöpfend Auskunft gegeben: Eine 48-stündige Rufbereitschaft ist rechtlich möglich, bedarf jedoch der Zustimmung der Arbeitnehmerin.
Das Honorar muss vereinbart werden. Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit muss unabhängig davon natürlich separat abgegolten werden. Dabei ist zu beachten, dass der Samstagvormittag bis 13.00 Uhr Regelarbeitszeit ist (wenn nicht zuvor schon in der Woche 40 Stunden gearbeitet wurde). Dann ist bis 20.00 Uhr ein Überstundenzuschlag von 50 Prozent zu bezahlen, ab 20.00 Uhr ein Nachtzuschlag von 100 Prozent.
Weiter ist zu beachten, dass die Tageshöchstarbeitszeit der Helferin zehn Stunden beträgt (der Anfahrtsweg ist dabei Vereinbarungssache). Das bedeutet, dass eine 48-stündige Rufbereitschaft unter Einhaltung einer vorgeschriebenen Ruheperiode eine maximale Arbeitsleistung von 20 Stunden bringen kann. Sinnvoll wäre es daher natürlich, drei Helferinnen im 8-Stunden-Schichtdienst arbeiten zu lassen. Glauben Sie, liebe Kollegin, oder Sie, lieber Kollege, dass die 6,83-Euro-Erhöhung pro Einheit zur Abdeckung der solcherart entstehenden Kosten ausreicht?
Fairerweise muss bei der Diskussion um die Honorare natürlich festgehalten werden, dass die Kassen die dringend notwendigen Leistungen ja auch doppelt honorieren (das Pan-Rö gehört übrigens laut NÖGKK nicht dazu!). Genauso muss unsererseits wiederum angemerkt werden, dass jegliche im Zuge der Schmerztherapie zu erbringende Leistung krassest unterhonoriert ist. Das fängt bei unserem diagnostischen Können an und hört bei der Trepanation einer „östlichen“ NEM-Krone und dem Aufsuchen der drei Kanäle eines Gangrän-7ers auf.

Leistungsspektrum der NÖGKK ausweiten

Nun ist es aber an der Zeit, auch die NÖGKK einmal so richtig „voll punkten“ zu lassen. Meine polemisch gemeinte Frage, warum denn die Zahnambulatorien der NÖGKK keinen Notdienst leisten, wurde dahingehend beantwortet, die Bereitschaft hätte seinerzeit sehr wohl bestanden, die Fachgruppe (bzw. Kurie) ZMK hätte das jedoch verhindert. Meine lieben Standesvertreter: Hier ist einmal eine wunderbare Gelegenheit, sich von der Blockadementalität vergangener Tage zu lösen. Die NÖGKK ist unser Vertragspartner – warum soll sie sich nicht auch an der Notdienstleistung beteiligen? Das wäre doch einmal eine Idee: „Wir wollen verhandeln, um das Leistungsspektrum der NÖGKK auszuweiten und nicht, um es einzuschränken!“ – Sehen wir diesbezüglich in den Ambulatorien doch Partner – es würde uns allen nützen! Es wäre zum Beispiel möglich, dass die Vertragsbehandler weiterhin Vormittagsdienste leisten, die NÖGKK-Ambulatorien neu einzurichtende Nachmittagsdienste. Den Patienten wäre auf diese Weise sicher geholfen.

Liebe Kollegin, lieber Kollege! ...

... Vorläufig ist es aber noch nicht so weit. Heute fordert die NÖGKK von unserer Landes-ZÄK, ihr ein im Sinne des Schreibens von 1977 formuliertes Papier unterfertigt zu retournieren (NÖGKK-Schreiben vom 23.03. und 24.04.2007 – können auf Wunsch ebenfalls zugesandt werden!), damit die „48-Stunden-Maschine“ anrollen kann und die Erhöhung um 6,83 Euro/Einheit wirksam wird.
Sie alle betrifft es. Sagen Sie Ihre Meinung, reden Sie mit Ihren Kammervertretern. Ich bin mir sicher, dass sich unsere Kämmerer vernünftigen, konstruktiven und vor allem durchführbaren Vorschlägen nicht verschließen werden, von wem auch immer sie kommen mögen.

Standenat, Zahnarzt 6/2007

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