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Zahnheilkunde 29. Mai 2007

Scheidung nach vielen Ehejahren

Die Scheidung ist für alle Beteiligten ein einschneidendes Ereignis. Besonders Kinder reagieren mit Verlustangst und begreifen schwer, dass ihre Eltern nicht mehr gemeinsam für sie da sind. Wie man damit fertig wird, ist nicht so sehr von dem Umstand der Trennung selbst abhängig, sondern sehr wesentlich von den Bedingungen vor und nach der Scheidung.
Bei einer Scheidung geht es ja nicht nur um die rechtlichen Fragen, wichtig ist auch der menschliche Aspekt. Es sind nicht die Ehen, die scheitern, sondern die Menschen. Die größten Leidtragenden sind vor allem die Kinder. 18.000 Scheidungswaisen im Jahr sind enorm, denn die Trennung ist ein sehr schmerzlicher Eingriff in das Leben aller Beteiligten. Und um eine Tatsache kommt man nicht herum: Nach der Scheidung Eltern bleiben, heißt, sich von der Paarebene zu verabschieden und trotzdem gemeinsam für die Kinder da zu sein – das heißt, sich auf die Elternebene zu besinnen.
Ganz entscheidend für eine positive Entwicklung ist der Umstand, wie Paare aus ihrem Kampf zwischen Macht und Ohnmacht herausfinden. Kindern kann man viel zumuten, man muss es nur in der für sie richtigen Weise tun. Kampf, Macht und Ohnmacht aber sind das Schlimmste für Kinder.

Vor den Trümmern meines Lebens ...

„Wir haben uns nach fast 25 Jahren Ehe getrennt. Unsere Ehe war schon lange nicht mehr sehr glücklich, trotzdem stehe ich jetzt vor den Trümmern meines Lebens und komme da alleine nicht mehr heraus. Wir haben uns auseinandergelebt. Ich war viele Jahre nicht mehr berufstätig und hatte/habe drei Kinder. Ich hatte eine einvernehmliche Scheidung wollen, ich war froh nach all den Demütigungen der letzten Jahre endlich zur Ruhe zu kommen. Mein Mann dagegen wollte sein gekränktes Ego – warum eigentlich gekränkt, er ist fremdgegangen, hat mit seiner Freundin ein Kind – durch alle Mittel des Rechtsstaates wieder aufpolieren. Ich bin nicht sehr selbstbewusst, mein Mann wollte keine selbstbewusste Frau und schaffe es einfach nicht, meine Wut und Verletztheit in ein positives Lebensgefühl umzuwandeln. Dazu kommt, dass eine Frau mit über fünfzig es viel schwerer hat, wieder einen Partner zu finden. Außerdem steht er finanziell viel besser da, was seine Situation auch viel bequemer macht. In der Gesellschaft wird Scheidung ja angeblich akzeptiert. Aber nur was sich in unserem Freundeskreis abspielt, zeigt mir, dass die wenigsten Menschen wirklich damit umgehen können. Es ist kaum auszuhalten, was da alles passiert.“
Das ist der Auszug aus einem Therapiegespräch, das eindrucksvoll ein Phänomen beschreibt: Scheidung nach vielen Ehejahren. Die Selbstverwirklichungswelle hat unsere Gesellschaft fest im Griff und macht vor nichts und niemandem halt. Lieblosigkeit, Beziehungslosigkeit und die Idee, in einem begrenzten Leben auch alles unterbringen zu können, ehe es vielleicht doch zu spät ist, all das stellt uns vor schwierige Aufgaben.

„Waren schon lange nicht mehr glücklich“

Männer scheinen sich dabei leichter zu tun. Zumindest ist das meine Erfahrung aus der Praxis. Denn entweder kommen sie gar nicht in die Beratung, und wenn, dann nur, weil sie von ihrer Partnerin „gezwungen“ wurden. „Unsere Ehe war schon lange nicht mehr sehr glücklich.“ Dieser Satz ist aber auch eine große Chance, vielleicht doch rechtzeitig etwas zu tun. Zugegeben, nicht jede Ehe ist zu retten, aber es ist für mich kaum zu glauben, wie wenig Partner nach vielen Ehejahren voneinander wissen. „Das habe ich nicht gewusst, wieso hast du das nicht gesagt.“ „Ich habe das 1.000-mal gesagt, nur du hast es nicht gehört.“ Diesen Dialog höre ich immer wieder.
Wenn immer mehr Gemeinsamkeiten fehlen, warum nicht doch noch etwas ganz Neues beginnen? Das ist eine Möglichkeit, die Mut erfordert. Die andere: auch nach den Jahren der großen Verliebtheit: Fragen, zuhören und bleiben, zum Bleiben gehört manchmal mehr Mut als zum Gehen. Irgendwie geht immer alles weiter, es ist nur die Frage zu welchem Preis. Und der ist oftmals sehr hoch. Alle Beteiligten stehen phasenweise unter großer seelischer Anspannung. Nichts geht den Menschen so sehr auf die Nerven wie die Menschen. Intolerante Einstellungen wirken sich negativ auf das Klima des Zusammenlebens in der Familie aus. Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Toleranz ist vor allem eine wertschätzende Einstellung anderen gegenüber, und das bedeutet Akzeptanz und Anerkennung. Toleranz ist daher vor allem die Harmonie über Unterschiede hinweg.

Professionelle Hilfe

Bei psychischen Problemen können Freunde oder Verwandte gut helfen , aber man sollte dabei bedenken, dass z. B. einem Freund das Leid des besten Freundes so sehr „zu Herzen geht“, dass er sich mit der Situation schnell überfordert fühlt. Auch bei Sachfragen ist es ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen. Ich denke, hier gilt nicht entweder oder, sondern sowohl als auch, denn Scheidung ist immer ein Prozess zwischen einer emotional-psychologischen und juristisch-gerichtlichen Welt.
Recht, Mediation, Psychologie und Kommunikation ist professionelle Hilfestellung und der neue Weg in der Scheidungsberatung, denn in Situationen, wo Menschen nicht mehr weiterwissen kann dadurch viel menschliches Leid verhindert und eine tragfähige Basis für die Zukunft geschaffen werden. Und beides ist bei gemeinsamen Kindern in jedem Fall unerlässlich.

Dr. Andreas Kienzl, Zahnarzt 6/2007

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