zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 25. Oktober 2007

Forensik und Zahnarztassistentin

Medizinrechtliche und berufsrechtliche Aspekte haben in der Medizin zahlreiche Berührungspunkte, die nicht nur den Arzt und das Pflegepersonal betreffen, sondern in der Zahnheilkunde auch die zahnärztliche Assistentin. Da die zahnärztliche Assistentin ein Teil des Ordinationsteams ist, kommt ihr eine gewisse Mitverantwortung zu, die sich aus ihren Pflichten im Rahmen ihres Tätigkeitsgebietes ergibt. Um nur einige wenige herauszugreifen, nenne ich hier die Sorgfaltspflicht, die Schweigepflicht, die Wahrheitspflicht und die Pflicht, allenfalls als Zeugin (wenn vom Gericht geladen) aufzutreten.

Pflicht zur Wahrheit

Die zuletzt angesprochene Rolle der zahnärztlichen Assistentin als Zeugin vor Gericht ist zunehmend im Rahmen von Haftungsverfahren gegen Zahnärzte gefragt. Dabei kommt der Aussage einer oder mehrerer Zahnarztassistentinnen, ein und derselben Ordination, mitunter großes Gewicht zu. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn es im Prozess um Fragen der Aufklärung geht. Sofern vom Gericht keine Befangenheit der Zahnarztassistentin festgestellt werden kann, handelt es sich bei der Aussage um eine wichtige Aufgabe, die mit Pflicht zur Wahrheit verbunden ist.
Da die Beweislast für die erfolgte Aufklärung beim Arzt liegt, kommt sowohl der Dokumentation wie auch Zeugenaussagen von Assistentinnen großes Gewicht zu. Da zahnärztliche Assistentinnen zumeist keine Erfahrungen mit Gerichten haben, sind häufig bei deren Vernehmung Unsicherheit und Nervosität zu beobachten, eine Verhaltensschwäche, die gegnerische Anwälte für sich zu nutzen verstehen. Sie versuchen, durch ihre Fragestrategie, die zahnärztliche Assistentin unglaubwürdig erscheinen zu lassen.
Es ist mir daher ein Anliegen zu betonen, dass Verteidigungsreden nicht formal auswendig gelernt werden sollen, sondern dass versucht werden sollte, nach dem Studium der Karteikarte und nach dem eigenen Erinnerungsvermögen Aussagen ruhig und überlegt (wahrheitsgetreu) inhaltlich und sachlich folgerichtig zu machen.

Zeugenspflicht

Auch sollte das Erinnerungsvermögen nicht überspannt werden. Dazu ein Beispiel: In einem Gerichtsverfahren, in dem es, wie so häufig, um die Klärung der
Frage einer ausreichenden Aufklärung ging, wurde die zahnärztliche Assistentin des beklagten Zahnarztes als Zeugin vernommen. Folgende Fragen wurden gestellt: Wie groß ist die Ordination, in der Sie arbeiten? Wie viele Patienten werden im Tagesdurchschnitt behandelt? Welche Tätigkeiten üben Sie in der Ordination aus? Wie lange sind Sie in dieser Ordination schon tätig?
Das Interesse des Gerichtes an der Ordination und der Tätigkeit der zahnärztlichen Assistentin löste bei ihr sichtlich Freude und in der Folge einen Redeschwall aus. Nach einer Nachdenkpause machte der Richter die Assistentin darauf aufmerksam, dass der Streitfall bereits drei Jahre zurückliegt und forderte die Assistentin auf, zu sagen, ob sie sich tatsächlich erinnert, während der in Streit stehenden Aufklärung, damals im gleichen Raum anwesend gewesen zu sein. An ihren Zeugeneid erinnert, nichts als die Wahrheit zu sagen, gab die Assistentin einigermaßen verzögert und nervös die Antwort, dass sie sich doch nicht mehr sicher ist, ob sie während der bestrittenen Aufklärung überhaupt im gleichen Raum anwesend war. Die Folge war, dass sie als Zeugin ausgefallen ist.

Bedeutung der Sorgfaltspflicht

Ein anderes Beispiel soll die Bedeutung der Sorgfaltspflicht der zahnärztlichen Assistentin aufzeigen. Eine Patientin hat für einen zahnärztlichchirurgischen Eingriff auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen. Während der Zahnarzt außerhalb dieses Raumes noch telefonierte, richtete die Assistentin die Instrumente für den Eingriff her. Dabei fiel ein Instrument zu Boden. Drei Wochen nach operativer Entfernung eines unteren Weisheitszahnes bildete sich ein entzündliches Infiltrat im Kieferwinkelbereich. Die Patientin erinnerte sich an den Vorfall in der Ordination und behauptete, dass der Kieferabszess durch das schmutzige Instrument ausgelöst wurde, da die zahnärztliche Assistentin das Instrument aufgehoben und zu den anderen für sie vorbereiteten Instrumenten gelegt hatte. Diese Causa war zwar nicht Klagegegenstand, wurde aber im Rahmen einer anderen Klagebehauptung vorgebracht, um die Zustände, die in dieser Ordination herrschen, darzustellen.

Schweigepflicht

Was die Schweigepflicht betrifft, ist festzuhalten, dass ordinationsinterne, Patienten betreffende Informationen nicht nach außen getragen werden dürfen. Aus dieser Pflicht ist weiters ableitbar, dass Patientendaten auch nicht innerhalb der Ordinationsräumlichkeiten an andere Patienten weitergegeben werden dürfen. Dazu ein Beispiel, das zu einer heftigen Beschwerde führte. Einer im Wartezimmer bereits unruhig gewordenen Patientin gegenüber begründete eine gesprächige zahnärztliche Assistentin die längere Wartezeit damit, dass der Herr Doktor gerade damit beschäftigt ist, bei einer anderen Patientin mehrere faulige und übel riechende Wurzelreste zu entfernen. Als die behandelte Patientin nach geraumer Zeit endlich den Behandlungsraum verließ, erkannten sich beide Damen als Nachbarinnen des gleichen Wohnhausblockes.
Das Problem in diesem Fall war, dass sich nicht nur der Ärger der wartenden Patientin aufgestaut hatte, sondern dass beide Damen nicht gerade in harmonischer Nachbarschaft lebten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die nächste Gelegenheit des persönlichen Zusammentreffens dazu benutzt wurde, den Ärger abzureagieren und der die Wartezeit auslösenden Nachbarin gegenüber zu erklären, dass sie es nicht so weit hätte kommen lassen sollen, dass ihre Wurzeln zu stinken beginnen. Eine entsprechende Reaktion, auf die ich hier nicht eingehe, war die Folge.
Die aus der Praxis aufgezählten Beispiele zum Thema Sorgfaltspflicht, Schweigepflicht und Zeugenspflicht sollen zeigen, dass der Mitverantwortung und den Pflichten des zahnärztlichen Hilfspersonals eine große Bedeutung zukommt. Das oben Gesagte betrifft auch das Image der Praxis, was eine Patientin so formulierte, dass ihr Zahnarzt korrekt und kompetent sei und sie auch deshalb gerne die Praxis aufsuche, da dort die zahnärztlichen Assistentinnen so nett und freundlich und vor allem mitfühlend sind.

Überschreiten der Kompetenz

Informationen, die vom zahnärztlichen Hilfspersonal an Patienten weitergegeben werden, müssen wahrheitsgemäß sein. Werbung am Telefon für Therapiemethoden zu machen, die die Kompetenz des Praxisinhabers überschreiten, ist nicht zielführend. Das Gleiche gilt für die telefonisch versuchte Anpreisung von angeblichen Spezialisierungen und besonderen Zuständigkeiten einer Ordination.
Ein in diese Richtung trainiertes Hilfspersonal hat schon bei so manchem Beratung und Hilfe suchenden Patienten den Eindruck hinterlassen, dass Werbung vor sachliche und patientenfreundliche Information gestellt wird.
Der Aussage eines Zahnarztes, dass er arbeitet und die zahnärztliche Assistentin aufklärt, ist entgegenzuhalten, dass laut Ärztegesetz die Aufklärung zu den ur-eigenen Aufgaben und Pflichten des Arztes gehört. Gerichte erkennen im Streitfall eine durch zahnärztliches Hilfspersonal erfolgte Aufklärung nicht an.
In einem Streitfall, in dem es um Prothetik geht, ist es nicht hilfreich, wenn die zahnärztliche Assistentin stolz vor Gericht erklärt, dass sie auf eine große Erfahrung beim Abnehmen von Zahn-KieferAbdrücken zurückblicken kann. Auch ist es den ärztlichen Überzeugungsbemühungen gegenüber Patienten nicht förderlich, wenn Patienten erwidern, dass ihnen die zahnärztliche Assistentin die Sache aber anders erklärt habe. Kompetenzüberschreitungen des zahnärztlichen Hilfspersonals, wie auch von Zahntechnikern, werden vor Gericht zu Lasten des Arztes ausgelegt. Ich bin der Meinung, dass aufgrund der zunehmenden Anforderungen die Zeit gekommen ist, eine Berufsordnung zu schaffen und damit eine berufliche Aufwertung herbeizuführen.

Prim. Prof. MR, DDr. H. Porteder, Zahnarzt 10/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben