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Zahnheilkunde 25. Oktober 2007

Slowakei: Ein junger Staat mit wachsender Wirtschaft

Die Slowakei ist als eigener Staat sehr jung. Zwar siedelten schon seit dem 5. Jahrhundert Slawen auf dem heutigen Staatsgebiet, doch die längste Zeit war es Teil des deutschen, mährischen, polnischen und am längsten des ungarischen Reiches (und mit letzterem Teil der „Donaumonarchie“ Österreich-Ungarn). 1918 schlossen sich Tschechien (auf dem Gebiet Böhmens und Mährens) und die Slowakei zur Tschechoslowakei zusammen. Dieses Bündnis löste sich 1993 mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems auf.
Obwohl die Wirtschaft in der Slowakei zu den am stärksten wachsenden in ganz Europa zählt, ist der zunehmende Wohlstand noch nicht bis zu den Arbeitnehmern durchgedrungen. Vor allem der Osten des Landes hinkt wirtschaftlich nach. Der EU ist die Slowakei im Zuge der großen Ost-Erweiterung 2005 beigetreten, der Euro soll 2009 eingeführt werden.
Wie in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks ist auch in der Slowakei das Gesundheitssystem im Umbruch. Auch hier litt das alte verstaatlichte System an Unterfinanzierung, Misswirtschaft und Korruption.

Radikale Reform

Im Jahr 2004 beschloss die slowakische Regierung, dass ab Jänner 2005 nur noch Aktiengesellschaften als Krankenversicherungen auftreten dürfen. Das gesamte Versicherungssystem wurde also radikal privatisiert. Bei einer Krankenversicherung hält allerdings der Staat die Mehrheit der Aktien und hat so massiven Einfluss. Derzeit sind sieben Krankenversicherungen auf dem Markt und stellen sich den Patienten zur Wahl. Versichert ist jeder. Wer sich die Versicherung nicht leisten kann, dem wird sie vom Staat bezahlt.
Der Zahnarzt schließt seine Verträge mit den Versicherungen über die Zahnärztekammer (Slovenská komora zubných lekárov) ab und verrechnet direkt. Die von der Versicherung bezahlten Leistungen sind freilich unterschiedlich. Oft werden nur basale Leistungen geboten. Will der Patient bessere Materialien oder nicht zwingend notwendige Behandlungen, muss er sie selbst bezahlen.
Angedacht wird derzeit auch, die sieben Krankenkassen erneut wieder zu einer einzigen zusammenzuführen. Dieser Plan ist aber derzeit im Stadium der Diskussion und von einer Umsetzung noch recht weit entfernt.

Konzentration im Westen

Obwohl die Zahnärzte mit den Zahlungen der Kassen unzufrieden sind, arbeiten nur etwa fünf bis zehn Prozent der slowakischen Zahnärzte in einer reinen Privatpraxis ohne Kassenverträge. Sie finden sich hauptsächlich im äußersten Westen, namentlich in der Hauptstadt Bratislava, und sind ostösterreichischen Kollegen, die mit höheren Löhnen und Steuern belastet sind, oft genug ein Dorn im Auge. Schließlich entwickelt sich Bratislava und die westliche Slowakei neben Ungarn zum zweiten „Billigland“ für Zahntouristen, und speziell für Wiener liegt die slowakische Hauptstadt mit nur 50 Kilometer Entfernung buchstäblich nahe.
Ein Röntgenbild kostet am freien Markt 150,– bis 300,– SK (Slowakische Kronen; 4,50 bis 9,– Euro), ein Panoramaröntgen 500,– bis 650,– SK (15,– bis 19,– Euro). Eine zweiflächige Amalgamfüllung ist um 650,– bis 900,– SK (19,30 bis 26,70 Euro), eine zweiflächige Kompositfüllung um 700,– bis 1.300,– SK (20,80 bis 38,60 Euro) zu haben. Für eine Wurzelkanalbehandlung an zwei Kanälen zahlt der Privatpatient etwa 1.700,– SK (50,– Euro). Nach Angaben der slowakischen Zahnärztekammer verdient ein niedergelassener Zahnarzt zwischen 4.500,– und 7.500,– Euro jährlich. Angestellte des öffentlichen Gesundheitssystems kommen auf 3.000,– bis 4.800,– Euro, im Spital liegen die Gehälter bei 3.900,– bis 6.000,– Euro jährlich.

Zahl der Zahnärzte rückläufig

Bei diesen Zahlen verwundert es wohl nicht, dass auch die Slowakei unter „Braindrain“ leidet. Wer nicht im Westteil des Landes unterkommt (in Bratislava leben fast zehn Prozent der Gesamtbevölkerung), geht vor allem nach Tschechien, Irland, Großbritannien oder Schweden. Da die gesamte Bevölkerung der Slowakei nur etwa 5,5 Millionen beträgt, fällt die Zahl der Slowaken allerdings bei den Zielländern kaum ins Gewicht. Etwa die Hälfte der Zahnärzte sind über 50 Jahre alt. Die Zahl der Zahnärzte in der Slowakei ist auch aus diesem Grund rückläufig. Da die Zahnarztdichte mit einem Arzt auf 1.812 Einwohner etwas über dem europäischen Durchschnitt liegt, ist diese Entwicklung grundsätzlich wenig besorgniserregend. Derzeit ist zumindest offiziell auch der Osten des Landes noch gut versorgt.
Insgesamt sind rund 3.000 Zahnärzte in der Slowakei gemeldet. 2.500 davon in niedergelassener Praxis, die anderen im öffentlichen Dienst, als Angestellte in Privatpraxen, an den Universitäten und in der Armee. Fünf Spezialisten sind anerkannt: Kieferorthopäden, Parodontologen, Prothetiker, Kinderzahnärzte und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen. Zu ihnen müssen Patienten überwiesen werden.

Hilfskräfte und Spezialisten

Hilfskräfte sind Dentalhygieniker, Dentaltechniker und Assistenten. Die Assistenten schließen ihre vierjährige Ausbildung mit einem Bakkalaureat ab. Ihre Anwesenheit bei der Behandlung ist obligatorisch. Auch die Dentaltechniker erhalten eine vierjährige Ausbildung. Wollen sie ihr eigenes Labor eröffnen, müssen sie zwei Jahre eine zusätzliche Ausbildung absolvieren und erhalten ein Diplom. Zusätzlich werden sie in einer eigenen Kammer registriert. Derzeit sind rund 2.000 Dentaltechniker erfasst.
Dentalhygieniker werden zwei Jahre ausgebildet und schließen mit einem Diplom ab. Auch für sie besteht eine eigene Kammer. Selbständige Berufsausübung ist ihnen verboten. Das Gehalt liegt bei 200,– bis 300,– Euro monatlich. Rund 270 Dentalhygieniker sind registriert. Die Ausbildung der Zahnärzte erfolgt an den Universitäten von Bratislava und Košice und dauert sechs Jahre plus drei Jahre praktischer Ausbildung. An laufender Fortbildung sind fünf Tage jährlich vorgeschrieben, wovon ein Teil auch praktische Arbeit umfassen muss.

Weitere Informationen im
EU Manual of Dental Practice: www.eudental.eu.
Zahnärztekammer (Slovenská komora zubných lekárov): www.skzl.sk
Gesundheitsministerium (Ministerstvo zdravotníctva SR):
www.health.gov.sk
Kammer der Zahntechniker (Slovenská komora zubných technikov): www.zubnytechnik.sk
Allgemeine Krankenkasse (Všeobecná zdravotná poist’ovna, Versicherungsanstalt im staatlichen Eigentum): www.vszp.sk

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 10/2007

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