zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 29. Mai 2007

Lettland sucht den Weg aus der Krise

Lettland, der mittlere der drei baltischen Staaten, war in seiner Geschichte wechselnd fremden Herrschaften unterworfen. Neben dem Deutschen Orden im Mittelalter waren es auch hier Polen, Preußen und Russland, die über die Letten regierten. Seit 1991 ist Lettland (wieder) unabhängig.

Viele Russen in Lettland beheimatet

Das Lettische ist (neben dem Litauischen) eine der beiden letzten überlebenden Sprachen aus der baltischen Sprachfamilie, einer eigenen Familie innerhalb der indogermanischen Sprachen. Aufgrund der jüngeren Vergangenheit wohnen auch in Lettland viele Russen und Russisch wird allgemein verstanden, wenn auch nicht immer begrüßt. Lettland hat von den drei baltischen Staaten die relativ meisten Russen im Land (rund 42 Prozent der Bevölkerung) – und damit die größten Probleme.
Auch in Lettland scheitert die geplante Einführung des Euros mit Anfang 2008 an der hohen Inflationsrate von 6,9 Prozent. Währung bleibt bis auf Weiteres der Lettische Lats (offizielles Kürzel LVL, inoffizielles Kürzel Ls), der aber mit dem Euro fix gekoppelt ist (1 Euro = 0,7 Lats = 70 Santims).

Finanzierung des Gesundheitssystems

Das Gesundheitssystem wird durch Steuern finanziert. Jährlich bestimmt das Parlament die Ausgaben für Gesundheit, die von der staatlichen Gesundheitsversicherung (Veselibas obligatas apdrošinašanas valsts agentura, VOAVA) an die Gesundheitsanbieter verteilt werden. Träger der öffentlichen Einrichtungen sind meist Bezirke und Kommunen.
Die Mittel für das Gesundheitssystem (4,4 Prozent des BIP) reichen allerdings bei weitem nicht aus und so sind zahlreiche Ausnahmen und recht hohe Selbstbehalte zu finden. Mit schuld an der tristen Finanzlage war eine schwere Wirtschaftskrise inklusive Zusammenbruch einiger großer Banken in Lettland im Jahr 1995. Obwohl die Wirtschaft sich seither gut entwickelt, leiden
auch die Kommunen und Regionalbehörden immer noch unter den Nachwirkungen – und müssen sparen.
Zu den Ausnahmen von der staatlichen Versorgung gehört auch die Zahnmedizin. Nur bei Kindern unter 18 Jahren übernimmt die Krankenkasse die Kosten bei den rund 300 Ärzten in öffent
lichen Kliniken, allerdings auch hier nicht für alle Leistungen, etwa nicht für orthodontische Behandlungen. Nur etwa die Hälfte der Kinder sehen regelmäßig eine Praxis von innen. Die geringe Größe des Landes und die dichte Besiedlung sorgen dafür, dass Lettland keine Unterversorgung im Sinne eines Mangels an Zahnärzten kennt. Da die Patienten aber privat bezahlen müssen und sich nur Bessergestellte eine entsprechende Versicherung leisten können, gehen nicht alle zum Zahnarzt. Vor allem die Pensionisten leiden unter der Diskrepanz der steigenden Preise, aber teilweise extrem niedrigen Einkünfte.
Ein weiteres Problem des Gesundheitssystems ist die Abwanderung. Obwohl die Löhne steigen – erst kürzlich wurden die Gehälter der Ärzte in den staatlichen Krankenhäusern von 330,– auf 660,– Euro monatlich verdoppelt –, gehen gerade die gut Ausgebildeten ins Ausland. Kein Wunder, verdient doch etwa in Österreich schon ein Turnusarzt das Doppelte bis Dreifache. 2003 verdiente ein Zahnarzt in Lettland nach Angaben der Zahnärztlichen Vereinigung (Latvijas Zobarstu asociacija) etwa 5.400,– Euro jährlich, und zwar sowohl jene in Privatpraxen als auch die in den Spitälern angestellten.

Preisgestaltung

Lettische Zahnärzte arbeiten teils in Einzelpraxen, teils in Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Auch das ist teilweise noch ein Erbe der Privatisierung der – naturgemäß unterschiedlich großen – staatlichen Polikliniken der Sowjet-Ära. Die Preise schwanken entsprechend dem freien Markt. Zudem berechnen einige Zahnärzte und -kliniken die Untersuchung extra, bei anderen ist sie im Fall einer Behandlung inkludiert. Richtwerte für die Preise sind für eine zweiflächige (Helio) Kompositplombe LVL 10,– bis 40,– (14,– bis 57,50 Euro), eine Metallkeramikkrone kostet zwischen LVL 50,– und 100,– (70,– bis 140,– Euro). Ein Röntgenbild eines Zahnes kommt auf etwa LVL 2,– bis 3,– (2,90 bis 4,30 Euro) und eine Wurzelkanalfüllung auf LVL 5,50 bis 15,– (8,– bis 22,– Euro). Eine abnehmbare Teilprothese kommt auf LVL 50,– bis 90,– (70,– bis 130,– Euro).
Hilfskräfte sind Dentalhygieniker, Dentaltherapeuten, Zahntechniker und Assistenten. Während die ersten drei Gruppen eine Ausbildung an der Universität absolvieren und sich registrieren lassen müssen, existiert für die Assistenten zwar ebenfalls eine Schule an der Universität, die Registrierung ist jedoch freiwillig. Das Verhältnis von Assistenten zu freiberuflichen Zahnärzten ist ungefähr 1:1. 1.150 der insgesamt 1.602 lettischen Zahnärzte arbeiten in freier Praxis, und ihnen stehen 1.023 Assistenten gegenüber.

Ausbildung

Die Ausbildung der Zahnärzte beginnt mit einer Eintrittsprüfung vor dem fünfjährigen Studium. Es folgen zwei Jahren bezahlte, supervidierte Praxis und eine Abschlussprüfung, bevor sich der Kandidat niederlassen kann. Die Fortbildung ist seit 2001 verpflichtend. Jeder Zahnarzt muss alle fünf Jahre mindestens 250 Stunden absolvieren. Anerkannte Spezialisten sind Kieferorthopäden, Zahnprothetiker und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen.
Die Registrierungsbehörde, die auch die Fortbildung überwacht, ist die Staatliche Agentur für Gesundheitsstatistik und Medizintechnologien (Veselibas statistikas un medicinas tehnologiju valsts agentura, VSMTVA).

Weitere Informationen im EU Manual of Dental Practice 2004 des Council of European Dentists, http://www.eudental.org
Zahnärztliche Vereinigung (Latvijas Zobarstu asociacija, lettisch): http://www.lza-zobi.lv
Zahnarztportal (lettisch): http://www.stomatologi.lv
Staatliche Krankenkasse ((Veselibas obligatas apdrošinašanas valsts agentura, Kurzinformationen auf Russisch und Englisch): http://www.voava.gov.lv
Staatliche Agentur für Gesundheitsstatistik und Medizintechnologien (Veselibas statistikas un medicinas tehnologiju valsts agentura, lettisch, tw. Englisch): http://www.vsmtva.gov.lv

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 6/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben