zur Navigation zum Inhalt
 
Zahnheilkunde 29. Mai 2007

20 Jahre Ordinarius

Nicht viele Universitätsprofessoren sind zwanzig Jahre lang Vorstand einer Abteilung. Einer von ihnen übergibt heuer sein Institut einem Nachfolger: Prof. Dr. Wolfgang Sperr, Doyen der Zahnheilkunde in Österreich, emeritiert als Vorstand der Klinischen Abteilung für Zahnerhaltung an der Universitätszahnklinik Wien. In Pension geht der engagierte Zahnarzt deswegen aber noch lange nicht.

Wie fühlen Sie sich, angesichts der bevorstehenden Emeritierung?
Sperr: Wenn man sein ganzes Leben etwas intensiv betrieben und auch eine gewisse Position errungen hat, lässt man nicht so einfach los. Ganz verlassen werde ich die Zahnmedizin auch nicht.
Wir betreiben an der Abteilung für Zahnerhaltung an der Zahnklinik zum Beispiel eine Langzeitstudie zu einem neuen Füllungsmaterial, und die werde ich weiter betreuen.

Wer wird Ihr Nachfolger?
Sperr: Der ist noch nicht bestimmt. Die Stelle ist noch nicht ausgeschrieben. Wann das passieren wird, liegt in den Händen des Rektorats.

Wie sieht Ihre Bilanz nach 20 Jahren Ordinariat und noch wesentlich längerer Zeit in der Zahnheilkunde aus?
Sperr: In diesen zwanzig Jahren hat sich im Bereich der Zahnerhaltung unglaublich viel verändert.
Um nur die letzten Neuerungen zu nennen, sind wir an der Abteilung für Zahnerhaltung an der Bernhard-Gottlieb-Universitäts-Zahnklinik im Rahmen der Endodontologie gerade auf ein neues System bei Wurzelbehandlungen umgestiegen. Wir arbeiten nun nach der so genannten „Crown down“-Methode mit Nickel-Titan-Instrumenten. Dadurch wird ein wesentlich höherer Reinigungseffekt erzielt. Eine ganz große Neuerung, eigentlich eine Vielzahl von Neuerungen, bietet der Laser in der Zahnheilkunde. Diese zukunftsweisende Technologie der Zahnheilkunde hat übergreifend auf alle Teilgebiete dieses Faches ihren Platz erobert – zum Wohle der Patienten.

Laserzahnheilkunde gehört ja auch zu Ihren Spezialgebieten. Sie waren durch Jahrzehnte auch Vertreter Österreichs in der World Federation for Laser Dentistry und sind Ehrenpräsident der SOLA, der Internationalen Gesellschaft für orale Laseranwendungen.
Sperr: Ja. Und wir sind stolz darauf, dass Österreich hier eine führende Rolle spielt. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Präsident und der Ehrenpräsident einer internationalen Gesellschaft aus einem kleinen Land kommen und diese ihren Sitz in Wien hat, wo auch regelmäßig Treffen stattfinden. Der Laser spielt in der Zahnheilkunde eine immer größere Rolle, nicht zuletzt dank seiner Vielseitigkeit. Hier sind noch spannende Entwicklungen zu erwarten.

Zum Beispiel?
Sperr: Beginnen wir mit der Präparationstechnik. Auf diesem Gebiet sind wir bereits jetzt in der Lage rotierende Instrumente zu ersetzen, wenn plastische Füllungsmaterialien zum Einsatz kommen. Darüber hinaus kann die Schmelzoberfläche für das Füllungsmaterial Komposit konditioniert werden (d. h. eine mikroretentive Oberflächenstruktur geschaffen werden), ohne dass eine 37%ige Phosphorsäure zur Anwendung kommen muss. So lassen sich dann Komposite mit der Zahnoberfläche fest verkleben, woraus eine Verlängerung ihrer Lebenszeit resultiert.
Im Rahmen der Wurzelbehandlungen sind wir bei der Entfernung von Keimen, die sich in den Wurzelkanälen eingelagert haben, überaus erfolgreich und der bisherigen Therapie weit überlegen. Daraus resultiert eine signifikante Verkürzung der so genannten Gangränzahnbehandlungen Chirurgische Eingriffe im Rahmen der oralen Chirurgie lassen sich mit dem Laser hervorragend und wesentlich übersichtlicher durchführen, da die Eingriffe nicht durch lokale Blutungen beeinträchtigt werden. Nicht vergessen werden sollte der Lasereinsatz in der so genannten Bleaching-Technik. Da die üblichen Bleichverfahren, die ja mit sehr effektiven Präparaten durchgeführt werden, leicht zu einer Schädigung der Schmelzoberfläche führen können, kann durch Verwendung von speziellen Lasergeräten ein wesentlich sanfteres Bleichverfahren durchgeführt werden.

Leider ist die Anschaffung von Lasergeräten sehr teuer. Raten Sie den niedergelassenen Kollegen dennoch dazu?
Sperr: In Zukunft wird der Einsatz von Lasergeräten in der zahnärztlichen Praxis selbstverständlich sein. Aus Kostengründen wird der/die praktizierende Zahnarzt/ärztin aber zu Beginn entscheiden müssen, welche Schwerpunkte im Rahmen seiner/ihrer zahnärztlichen Tätigkeit Priorität haben. Denn die verschiedenen Laser-Wellenlängen haben ganz verschiedene Einsatzgebiete. Momentan sind die Dentallaser leider sehr teuer und ihre Amortisierung in der täglichen Praxis sicher ein Problem.

Werden Sie die Position als Ehrenpräsident der SOLA noch längere Zeit beibehalten?
Sperr: Die Ernennung zum Ehrenpräsidenten erfolgt auf Lebenszeit und ist das Ergebnis meiner Initiativen und meines Einsatzes zu Beginn dieser neuen Behandlungsmethode für diese Technologie.

Planen Sie noch weitere Aktivitäten?
Sperr: Ebenfalls recht neu und teilweise noch in Planung ist der Aufbau einer zahnmedizinischen Schiene in der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Ich bin in den Verwaltungsrat gewählt worden und wir planen einige Veranstaltungen zu zahnmedizinischen Themen.
Ich halte es für wichtig, dass Ärzte und Zahnärzte auf wissenschaftlicher Ebene zusammenarbeiten. Die Kluft, die durch die Trennung von Human- und Zahnmedizin entstanden ist, sollte möglichst schnell wieder abgebaut werden. Eine viel engere Zusammenarbeit kann sich nur zum Wohle der Patienten auswirken.

Ein ständiges Thema in der Zahnmedizin sind die „Touristen“. Wie stehen Sie zu den Zahnkliniken in Österreichs Umgebung?
Sperr: Die Ausbildung ist in diesen Ländern ebenso gewissenhaft wie jene in Österreich. Nur muss man auch die wirtschaftlichen Umstände in unseren Nachbarstaaten (besonders im Osten) berücksichtigen, die ja manchmal für gewisse Grenzen der Möglichkeiten sorgen. Keinesfalls dürfen aber medizinische Ausbildung und kommerzielle Nutzung der Ausbildungsinstitute in einen Topf geworfen werden. Jede Ausbildung verursacht Kosten! Diese sollte später – durch die hohe Qualität des Ausbildungsniveaus – der Allgemeinheit, die ja zum Teil für diese Kosten aufkommen muss, zugute kommen. Eine optimale medizinische Betreuung der Bevölkerung kann ja nur im Interesse aller sein! Ich hatte auch an meiner Abteilung zum Beispiel einen hoch qualifizierten Mitarbeiter aus Ungarn. In jedem Land und jedem Beruf finden sich naturgemäß qualitativ Bessere und Schlechtere. Wer allerdings ein profundes Wissen hat, wird sich kaum gezielt in Grenznähe niederlassen, da er rasch über eine ausreichende Anzahl von Patienten verfügen wird. Manche Kollegen – unabhängig von der Staatsbürgerschaft – haben es auf möglichst hohe Umsätze und Gewinne abgesehen. Die bauen sich dann Zahnfabriken auf. Über die Qualifikation der dortigen Mitarbeiter kein allgemeines Urteil gefällt werden.
Wir sehen ja nur die Misserfolge. Die Erfolge bekommen wir nicht zu Gesicht. Und schließlich sagte schon Eugen Roth: „Und wenn du noch so gut chirurgst, es kommt der Fall, den du vermurkst.“ Niemand – kein Mensch – ist unfehlbar!

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 6/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben