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Zahnheilkunde 24. Mai 2007

Estland im wirtschaftlichen Umbruch

Das kleine Estland – mit rund 45.000 Quadratkilometer Fläche knapp größer als die Schweiz oder etwas mehr als halb so groß wie Österreich – hat keine lange Geschichte als eigenständiger Staat. Vom 13. bis ins 19. Jahrhundert beherrschten die Deutschen die Geschichte des Landes, bis 1885 war Deutsch Unterrichts- und Behördensprache. Im Sinne der damals europaweit vorherrschenden nationalistischen Bewegungen setzte dann die so genannte Russifizierungskampagne ein – obwohl das Estnische eigentlich dem finnougrischen Sprachkreis angehört und keine slawische Sprache ist. In den folgenden Jahrzehnten wechselten sich – von einer Phase der Selbständigkeit zwischen 1918 und 1939 abgesehen – Russen und Deutsche als Herrscher über das kleine baltische Land ab, bis es 1940 gemeinsam mit den beiden anderen baltischen Staaten Lettland und Litauen unter starkem Druck der UdSSR beitrat.
Von da an unterstützte die Moskauer Regierung die Ansiedlung von anderen Sowjetbürgern, besonders von Russen, in Estland, so dass heute etwa 30 Prozent der Bevölkerung Russen sind. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erreichte Estland 1991 offiziell wieder die Unabhängigkeit und gründete sich als demokratische parlamentarische Republik mit einem Parlament (Riigikogu) als gesetzgebende Versammlung.

Musterland einer gelungenen Wende

Seit Mitte des Jahres 2004, seit der letzten großen „Osterweiterung“, ist Estland auch EU-Mitglied und gilt als Musterland für eine gelungene Wende vom Kommunismus zur Marktwirtschaft. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit, die Staatsverschuldung und das Ausmaß der Korruption sind gering, zuletzt machte das Land als erstes Land mit „Briefwahl“ übers Internet Schlagzeilen, und auch wenn die Einführung des Euros an der mit 4,4 Prozent vergleichsweise hohen Inflation noch scheiterte (die Estnische Krone – EEK – ist aber fix an den Euro gebunden), war dies das einzige verhindernde Kriterium.
Für die Gesundheitsversorgung wurde – gemäß dem Muster der meisten westeuropäischen Staaten – eine Krankenkasse eingerichtet. 13 Prozent des Einkommens werden bei Arbeitnehmern direkt vom Lohn einbehalten und der Krankenversicherung zugeführt (weitere 20 Prozent der Pensionskasse). Die zentralistische Versorgung in staatlichen Polikliniken und Spitälern wurde durch private Versorgung durch Niedergelassene ersetzt. Die Zahl der Spitäler wurde halbiert.
Kinder unter 19 Jahren werden gratis behandelt. Hier besteht ein Abkommen mit den Krankenkassen, durch das Vertragszahnärzte direkt bezahlt werden. Personen über 63 Jahren erhalten alle drei Jahre EEK 2.000,– (128,– Euro) für Zahnersatz. Der Großteil der Bevölkerung zahlt privat für die zahnärztliche Versorgung und erhält einen Zuschuss von der Krankenkasse in Höhe von maximal EEK 150,– (9,50 Euro) jährlich. Damit wird bestenfalls die Erstuntersuchung abgedeckt. Schwangere erhalten immerhin bis zu EEK 450,– (38,50 Euro). Diese kostet zwischen EEK 100,– und 300,– (6,40 bis 19,10 Euro), ein Panoramaröntgen bewegt sich ebenfalls in dieser Preislage. Eine zweikanalige Wurzelfüllung kommt auf EEK 700,– bis 1.500,– (44,70 bis 95,80 Euro). Eine abnehmbare Prothese über drei Zähne kommt auf etwa EEK 4.000,– (255,60 Euro). Das sind relativ hohe Preise in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei 342,– Euro liegt.
Diese Diskrepanz zwischen steigenden Preisen und niedrig bleibenden Gehältern und Löhnen ist auch eines der Grundprobleme in Estland. Auch die Gehälter der angestellten Zahnärzte in Spitälern stiegen in den letzten fünf Jahren nicht und liegen weiterhin zwischen 500,– und 1.000,– Euro. Über den Verdienst von Zahnärzten in privater Praxis gibt es keine Angaben.

Überwiegend Frauen

Auffällig ist die sehr hohe Anzahl an Frauen in den Heilberufen. So sind etwa 91 Prozent der ZahnärztInnen weiblich. Etwa 60 Prozent arbeiten in Einzelpraxis, der Rest in den öffentlichen Einrichtungen, meist in Spitälern. Die staatlichen Polikliniken werden größtenteils aufgelöst oder privatisiert. Dadurch macht sich allerdings auch hier die Problematik der sehr unterschiedlichen Versorgung breit, da die Großstädte wesentlich beliebter sind als die dünner besiedelten ländlichen Gebiete. Drei Gruppen von Spezialisten werden in Estland anerkannt: Orthodontisten, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen sowie klinische Zahnärzte.
An Hilfsberufen finden sich Zahntechniker mit 3,5-jähriger Ausbildung und Dentalschwestern, die ebenfalls eine 3,5-jährige Ausbildung absolvieren und sich – wie die Zahntechniker auch – registrieren lassen müssen. Dazu besteht noch ein kleiner Rest von einem guten Dutzend praktizierenden Dentisten. Wie bei den österreichischen Dentisten auch dürfen sie jedenfalls im Inland bis zum Ende ihrer Berufstätigkeit weiter praktizieren, ihre Rechte, in anderen EU-Ländern zu arbeiten, sind allerdings ziemlich unklar.
Vertreten werden die estnischen ZahnärztInnen durch die Gesellschaft für Stomatologie (ESS) und durch die zahnärztliche Gesellschaft (Eesti Hambaarstide Liit, EHL). Die beiden Gesellschaften arbeiten zusammen, und es bestehen Pläne, sie zusammenzulegen.

Weitere Informationen im EU Manual of Dental Practice 2004 des Dental Liaison Committee, http://www.eudental.org
Zahnärztliche Gesellschaft (Eesti Hambaarstide Liit): http://www.ehl.ee
Stomatologische Gesellschaft (ESS): http://www.hambaarst.ee
Krankenkasse (Haigekassa): http://www.haigekassa.ee
Gesundheitsbehörde (Tervishoiuamet): http://www.tervishoiuamet.ee

Livia Rohrmoser, Zahnarzt 5/2007

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